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Die Wahrheit · 1924-07-04 · Heft 27 (4.7.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 27 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 27__ DIE WAHRHEIT Seite 9 Konkurs angemeldet. Bekanntlich hatte das Blatt vor kurzem sein Erscheinen mit der Begründung eingestellt, daß seine wirtschaftliche Umstellung notwendig sei. Walther Rathenau-Stiftung. Im Walther Rathenau-Hause trat am 2. Todestage des Ermordeten das Kuratorium der Walther Rath enau-Stif tung zu seiner ersten Sitzung zusammen, die vom Reichspräsidenten E b e r t mit einer Ansprache eröffnet wurde, worin er unter anderem sagte: Dem Andenken dieses Mannes soll die Stiftung dienen, deren Kuratorium wir heute gründen. In hochherziger Weise haben die Verwandten des Verewigten das Haus mit seinen reichen Schätzen an Kunst- und Schrifttum dem Deutschen Reiche als ein dem allgemeinen Besten dienendes Erinnerungszeichen zur Verfügung gestellt. Die Reichsregierung hat die Stiftung dankbar entgegengenommen und wird es als Ehrenpflicht empfinden, das Haus und seinen wertvollen Inhalt zu pflegen und zu erhalten. Es soll aber auch einen praktischen Zweck haben, nämlich für geistige und kulturelle Vereinigungen als Raum für Zusammenkünfte und Sitzungen zu dienen. Es soll seine Sammlungen und seine Bibliothek den geistigen Arbeitern öffnen. Der Reichspräsident gedachte dankbar all dessen, was Rathenau für das deutsche Volk getan, und in herbem Schmerze dessen, was Deutschland an ihm vorzeitig verloren habe. 50.000 Kronen Geldstrale für Leon anstatt Leib. Vor dem Landesgerichte fand vor kurzem die Berufungsverhandlung des Kaufmannes Leon Q. statt, der zu K 50.000 Geldstrafe wegen Falschmeldung verurteilt worden ist, weil er den Meldezettel mit Leon statt Leib ausgefüllt hat. Der Vorsitzende des Berufungsgerichtes sprach den Angeklagten frei, da eine Mitteilung der Israelitischen Kultusgemeinde vorlag, wonach der Vorname als Bezeichnung für Löwe gebraucht und oft mit dem Worte „Leon" wiedergegeben werde. Interessant war die Feststellung während der Verhandlung, daß der betreffende jüdische Kaufmann seinerzeit wegen dieses Deliktes um 5 Uhr früh von der Polizei über Antrag des zuständigen Richters aus dem Bette geholt wurde und unter Polizeiassistenz wie ein Schwerverbrecher zum Gericht eskortiert wurde. Ludendorii-Legenden. In Nr. 23 der C. V. Zeitung veröffentlicht Herr Rabbiner Dr. Kaatz eine Jugenderinnerung aus seiner Volksschulzeit in Schwersenz, im Kreise Posen-Ost. Das Städtchen, von Juden gegründet, wies eine große jüdische Gemeinde auf. Die jüdische Volksschule bestand zu jener Zeit aus zwei starkgefüllten Klassen. In der zweiten, in der ich damals saß, unterrichtete der in» allen Kreisen der Bevölkerung hochgeschätzte Lehrer Grünfeld, ein ausgezeichneter Schulmann, den längst der kühle Rasen deckt, und der sich bei allen, die ihn kannten, ein Andenken der Ehre gesichert hat. Er wirkte nicht nur als Lehrer der Volksschule, sondern erteilte auch Vorbereitungsunterricht für höhere Schulen. Und mehrere Generationen von Schülern, jüdische wie christliche, nahmen an diesen Vorbereitungskursen teil. Darunter besonders die Söhne der Gutsbesitzer der Umgegend. Eines Tages, es dürfte um das Jahr 1878 gewesen sein, saften wir in der Klasse beim deutschen Unterricht. Plötzlich öffnete sich die Türe und ein junger Kadett in Marineuniform trat herein. Wir sperrten Mund und Augen ob der Ueberraschung auf. Der Ankömmling ^ng auf das Katheder zu, ergriff und schüttelte die Hand des Lehrers, der freudig aufgesprungen war und eine lebhafte Unterhaltung in Rede und Gegenrede mit dem Gast führte. Der schmucke Kadett war ein früherer Schüler, den Herr G r ü n f e 1 d vorbereitet hatte, und der nun, da sein Weg ihm in die Nähe seiner Heimat geführt hatte, nicht verfehlte, seinem alten Lehrer seine Dankbarkeit zu bekunden und ihn durch einen Besuch zu erfreuen. Er war auf dem Rittergut Kr u s z e w n i a bei Schwerenz geboren und war vom Lehrer Grünfeld unterrichtet worden. Sein Vater hatte inzwischen das Gut verkauft und war mit seiner Familie nach einem anderen Landesteil übersiedelt. Es waren Jahre vergangen. Aber der Schüler hatte seinen Lehrer nicht vergessen und brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck, indem er während seiner Urlaubszeit, die ihn nach der Stätte seiner Kindheit führte, seinen Lehrer aufsuchte. Der Besuch dauerte etwa ein Viertelstündchen. Dann verabschiedete sich der Gast und der Lehrer begleitete ihn bis auf die Straße. Als er zurückkehrte, leuchtete ihm die Freude aus den Augen, Mein anspruchloser Bericht ist nun zu Ende. Der Vollständigkeit wegen will ich aber noch den Namen des Kadetten nennen, der so dankbar seines alten jüdischen Lehrers gedachte. Er lüeß — Ludendorff. Wie sein Vornamen lautete, weiß ich nicht. Es ist möglich, daß er Erich hieß. Es kann aber auch sein, daß er einen anderen Vornamen führte, da der Rittergutsbesitzer Ludendorff aus Kruszewnia bei Schwersenz, der den Unterricht seines Sohnes einem jüdischen Lehrer anvertraute, mehrere Söhne hatte." * :*r M Dazu schreibt Justizrat B. BreslauCr der „C. V.¬ Zeitung": „In Posen erzählte man sich seinerzeit ein Histörchen, das angeblich von einem Beteiligten verbreitet worden war. Erich Ludendorff war mit anderen Schülern, last ausnahmslos jüdischen Schülern, bei einem jüdischen Lehrer Grünfeld oder so ähnlich in Pension. Mancher dieser Pensionäre ließ sich, wie das so vorzukommen pflegt, bei seinen Schularbeiten helfen. Eines Morgens wollte Ludeudoilf eine Arbeit, die er nicht gefertigt hatte und die am Tage abzuliefern war, abschreiben und bat einen jüdischen Mitschüler, ihm hierzu seine Arbeit zur Verfügung zu stellen. Als der Schüler sich weigerte, die Arbeit herzugeben, erklärte Ludendorff: „Wenn du mir nicht gleich deine Arbeit hergibst, sage ich Grünfeld, daß du heute morgen — nicht Teffilim gelegt hast!" — Si non e vero . . ." Und derselbe Ludendorff spricht heute von den „minderwertigen Mischleuten", die „unseren Grund und Boden, unsere Heimat bedrohen". Ja, tempora mutantur .... Der Golem als Landespatron. Der „Ceske Slovo'\ ein Prager halbamtliches Blatt, plaudert eine recht komische Geschichte aus. Bekanntlich wurden zur Erinnerung der Selbstständigmachung des tschechischen Staates am 5. Jahrestag neugeprägte Dukaten ausgegeben: die eine Seite ist mit der Figur des heiligen Wenzel ausgestattet. Die Bank von England erbat sich für ihre Sammlung ein Münzstück, das ihr auch zukam. Im Dankschreiben nun gibt die Bankleitung ihrer Bewunderung für das wohlgelungene Konterfei des Schutzhelden der Tschecho-Slowakei, des Golem, Ausdruck. Sie hat den heiligen Wenzel mit dem der Sage nach von Rabbi Low gefertigten und zum Leben gerufenen Golem, der den Engländern wohl aus dem Film „Der Golem von Prag" bekannt sein wird, verwechselt. Im Zeichen der „geistig Enterbten". Bei einem Pfingst- Tennis-Tournier des „Rot-Weiß-Klubs" im Berliner Grunewald erschien eine Anzahl „illustrer Gäste", unter anderem auch Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich von Preußen. Unliebsames Aufsehen erregte es, daß die Prinzessin bei dieser Gelegenheit ein großes, blau emailliertes Hakenkreuz an goldener Kette um den Hals trug. Sicherlich ein Zeichen von großem Taktgefühl, zu der Veranstaltung eines Klubs, dem auch Mitglieder jüdischen Glaubens angehören, derart deutschvölkisch zu demonstrieren. Die Hohenzollern wittern so etwas wie Morgenluft. Die Hakenkreuz-Psychose, die über den geistig minderbemittelten Teil des deutschen Volkes hereingebrochen ist. dient eben ihren stillen, stolzen Hoffnungen. Auf lange Frist. Bei Besprechung des Angriffes auf jüdische Studenten in der Universität von Fünfkirchen in der ungarischen Nationalversammlung fragte der antisemitische Deputierte Stefan Lendvai-Lehner die Regierung, oh sie beabsichtigt, den Numerus clausus gegen jüdische Studenten voll und ganz durchzuführen. Der B ildungs minister erwiderte, es sei die Absicht der Regierung, das Gesetz über den Numerus clausus weiter durchzuführen, es wird solange nicht aufgehoben werden, bis nicht die verlorenen Provinzen Ungarn zurückerstattet worden sind. Arme Hakenkreuzler! Die nationalsozialistische „Neue Zeit" gibt dem Schmerzensruf eines Parteigenossen Ausdruck, daß die (tschecho-slowakische) Gendarmerie in Jechnitz es auf die dortigen Hakenkreuzler besonders scharf habe und einige wegen provokatorischen Tragens ihres Abzeichens, beziehungsweise wegen „polizeiwidrigen Verhaltens an öffentlichen Orten" vor die politische Bezirksverwaltung in Podersam geladen, sich dort zu verantworten hatten. Die „Neue Zeit" ist jedoch in der angenehmen Lage, berichten zu können, daß den Geladenen weiter nichts geschehen sei. Wozu dann der Lärm? Was steht den Herren zu Diensten? Sie sagen es deutlich. Sie wollen sich eben nicht schikanieren lassen und sind es müde, sich wegen der Betätigung ihrer nationalen Gesinnung vor den behördlichen Stellen verantworten zu müssen, die

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