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Die Wahrheit · 1924-07-04 · Heft 27 (4.7.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 27 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 27 Fälschunsen des „Michel". In seiner Ausgabe vom 8. Juni versteigt sich das genannte Hakenkreuzblatt unter dem Titel „Der Völkerbund verlangt eine jüdische Universität in Danzig" zu der schamlosen Bemerkung, der Wiener Jude Stricker habe in der „Wahrheit", dem Organ der Union deutschösterreichischer Juden geschrieben: „Ein all jüdischer Weltkongreß, eine Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und sozialen Kräfte der ganzen jüdischen Gesellschaft muß absolutes Bestimmungsrecht haben, muß höchste Instanz sein, muß das Recht besitzen, alle Fragen bindend für alle zu lösen." Den Lesern unseres Blattes brauchen wir nicht erst zu versichern, daß Herr Stricker bei seiner politischen Einstellung niemals für die „Wahrheit" geschrieben, die Auslassungen des „Michel" eine großkalibrige dummdreiste Lüge ist, für die ihm Herr Stricker vermutlich die gebührende Abfuhr nicht schuldig bleiben wird. Wir selbst haben bereits eine diesbezügliche § 23-Berichtigung an das Blatt gesendet. Wenn das Blatt des recht ehrenbedürftigen Hans Kipper bei diesem Anlasse auch den Völkerbund bespeit und als „Gaunerliga" bezeichnet, in die einzutreten für Deutschland eine Selbstentwürdigung wäre, so geschieht dies wohl aus keinem anderen Grunde, weil der Völkerbund auf der Durchführung der Versailler Friedensbedingungen bestehen wird. Synagogensrürmer. Der Staatsgerichtshof verhängte über den Rädelsführer der Attentäter auf die Frankfurter Synagoge Alfons Bau sieben Jahre Zuchthaus und sieben Jahre Ehrverlust, seine Mitschuldigen wurden zu je sechs Jahren Zuchthaus und ebenso lange Ehrverlust verurteilt. Ueberflüssig zu bemerken, daß diese deutschen Helden wegen Kriminalverbrechen bereits vorbestraft sind. Am Tage der Urteilsfällung wurde ein ähnliches Attentat auf die Berliner Synagoge in der Liniengasse verübt. Völkische Strolche drangen während des Gottesdienstes in den Vorhof und versuchten den Bethsaal zu stürmen, wobei mehrere Anwesende verprügelt wurden. Man läßt es also im Deutschen Reich nicht mehr an der Besudelung der jüdischen Gotteshäuser mit Hakenkreuzen bewenden. Welch ein Kulturvolk! Eine Germanin besudelt die Nibelungen. Am Tage, da der zweite Nibelungenteil, Kriemhilds Rache, zur Uraufführung kommen sollte, lag einer großen Anzahl von Berliner Zeitungen, auch solchen von allgemein vaterländischer Zuverlässigkeit, ein Reklameprospekt für den Nibelungenfilm bei, der von der Firma Rudolf Mosse gedruckt war und von der „Dichterin" des Nibelungentextbuches, Frau Thea v. Harbou, verfaßt war. Darin stand — man traute zuerst seinen Augen nicht — wörtlich zu lesen: „Es gibt in der Weltgeschichte keine tückischeren Gesellen, keine rücksichtsloseren Wortbrecher, keine kälteren Mörder als die Germanen, aber, und das ist der springende Punkt, es waren allezeit Menschen, die zu ihrem Wort und zu ihren Taten standen und die mit derselben unerhörten Mißachtung, mit der sie fremdes Gut, fremdes Leben, fremde Ehre zerbrachen, die Folgen ihrer Taten auf sich nahmen und auf eine so trotzige Art zu sterben verstanden, daß ihr Tod meistens glorreicher und ruhmwürdiger war als ihr Leben." Wenn derlei aus einer jüdischen Feder geflossen wäre! Die Wiener Universität als Kneiplokal. Die Wiener Universität, welche dank der Hakenkreuzherrschaft schon seit längerer Zeit auf dem wissenschaftlichen Niveau eines Kneiplokals steht, deklariert dieses hehre akademische Ziel des Hakenkreuzgeistes jetzt ganz offen. Das Rektorat hat für einen vom Akademischen Friedensbund veranstalteten Vortrag des Soziologen Professor Goldscheid über das Thema „Das Verhältnis der äußeren zur inneren Politik", der für den 25. v. M. an der Universität angemeldet war, in letzter Stunde die Bewilligung nicht erteilt, so daß der Vortrag im Saale der ArbeiterkammeT stattfinden mufete. Dafür sprach am gleichen Tage an der Universität einer der Hakenkreuzdozenten über den Versailler Friedensvertrag, wie die Ankündigung in gutem Völkisch, das heißt in schlechtem Deutsch, besagt, „mit anschließender Schlußkneipe". Die Affiche in der Unversität trägt den Zusatz: „Arier willkommen!" Es wäre höchste Zeit, den Namen der Alma mater Rudolfina in „Bierstübel zum Hakenkreuz" abzuändern. Mit allen Mitteln gegen die Dawes-Forderungen. Das ist die Parole, die jetzt von den deutschen Nationalen aller Schattierungen dem irregeleiteten Volke zugeschrieen wird. Graf Reventlow gab den Befehl in seinem Blatte aus und sämtliche Armen und Aermsten im Geiste vertreten auf Befehl dieselbe Meinung. Vom Grafen Reventlow ist dieses Verhalten rügenswerter, da er als denkender Kopf darüber nicht im Zweifel sein kann, daß die heute stärker als je geeinten Staatslenker der Westmächte stark genug sind, den Dawes-Forderungen den entsprechenden Nachdruck zu geben. Die denkwürdige Besprechung zwischen Mac Donald und Herriot in Heguerres hat über diesen Punkt jeden Zweifel ausgeschaltet. Reventlow — und seine Nachbeter erst recht — wären in Verlegenheit anzugeben, wie die Dawes- Forderungen verhindert und was an deren Stelle zur Lösung des deutschen Problems gesetzt werden soll. Glaubt etwa jemand von den sich heldisch Gebärdenden an das russische Sprich- und Trostwort: „Man kann mich doch nicht von der Erde herunterstoßen!" Dies wäre eine unglückseliger Glaube. Dem verstockten, verblendeten Störenfried gegenüber wäre Europa und Amerika einig im Vernichtungswillen. Hört Deutschland auf die Sprachrohre Ludendorffs und folgt seiner Ordre de bataille, dann" springt es mit beiden Füßen in den Abgrund, aus dem es kein Emportaucben gäbe. Alle die Schreckbilder, die hingestellt werden für den Fall, daß wieder die „Schuldlüge" und die „Erfüllungspolitik" betont werden, könnten lebendigste Wirklichkeit werden. Wenn es aber einmal ums Ganze geht, und dieser Augenblick ist sehr nahe gerückt, dann müßten selbst jene, die bisher die völkische Hetzpresse subventionierten, von dieser abrücken, denn so national ist kein nationaler Schwerindustrieller, daß er seinem Glaubensbekenntnis: „Geschäft ist Geschäft!" abschwören wurde, und es könnte abermals geschehen, daß die Industrieheroen, hintenherum mit dem „Erbfeind" ihren Frieden machen. Die Zeche müßte, wie es schon so bei den Streitigkeiten der Großen im und nach dem Kriege vorkommt, die große Masse zahlen. Vielleicht, daß sie, bevor es zu spät wird, sich auf sich selbst besinnt und zu Gott (es muß nicht Wotan sein) betet: „Schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden wird mich der Völkerbund schützen!" Selbstverständlichkeiten. Unter diesem Titel lesen wir in der „Reichs-Srurmfahne": „Selbstverständlich braucht sich ein Deutscher nicht von einem Juden Recht sprechen zu lassen! Selbstverständlich ließt man keine jüdischen Zeitungen. Selbstverständlich wird keine Liste gewählt, auf der ein Jude steht. Selbstverständlich sind die Parteien für uns erledigt,, die mit der romgesinnten Partei und den Mardochai- Parteien Handelsgeschäfte gemacht haben." Dieses Register dünkt uns recht kümmerlich und soll durch uns um einige Selbstverständlichkeiten bereichert werden: Selbstverständlich hat jeder kriminalfällig gewordene Hakenkreuzler das Recht, sich nur von gleichgesinnten Richtern richten zu lassen. Selbstverständlich ist jeder des Mordes oder sonstiger Missetat Ueberwiesene als Geisteskranker zu befinden und demgemäß zu behandeln. Selbstverständlich kann jeder Gutachter, der einen anderen Befund bringt, als Jude oder Judenstämmling abgelehnt werden. Selbstverständlich eignen dem Arier alle Tugenden, dem Semiten alle Laster. Selbstverständlich darf jeder antisemitische Zeitungsherausgeber Bestechungsgelder annehmen, weil dadurch die nationalen Ziele, das Finanzkapital zu schädigen, gefördert werden... (Kann nach Belieben fortgesetzt werden.) Bismarck und Disraeli. Bismarck besaß keine Spur von Edelmut ä la Napoleon. Das „Soyons amis, Cinna!" des großen Corneille ist ihm nie über die Lippen gekommen. Als Gutsnachbar war er geradezu unbeliebt. Der Geldliebe war er stark unterworfen. Mit seinem Oberförster prozessierte er um die m Pension. Seinem lebenslangen Diener Pinnow vermachte er in seinem Testament ein paar Tausend Mark. Er ist auch als reicher Mann im Besitze ererbter und hinzuerworbener Güter gestorben. Sein englischer Kollege Disraeli war bei seinem Lebensende so arm, daß er noch einmal zur Feder greifen und seinen Roman „Endymion" schreiben mußte, um sich für die verdienten zehntausend Pfunde das kleine Haus 19 Curzon Street zu kaufen, in dem er schließlich gestorben ist. Disraeli hat Carlyle vergeben, er hat diesem Carlyle, der ihn einen „jüdischen Oberhexenmeister" („Superlative Hebrew conjuror") geschimpft hat, in einem prachtvollen Briefe eine Pension und das Großkreuz des Bath-Ordens angeboten: von dem Christen Bismarck ist es nie bekannt geworden, daß er je einen Feind geliebt, je einem Feinde verziehen habe, ja ihm auch nur oberflächlich gerecht geworden sei. Hitlers Blatt in Konkurs. Wie die „Münchener Allgemeine Zeitung" meldet, hat das Organ des Hitler-Flügels der Nationalsozialisten, die „Großdeutsche Zeitung", den

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