Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 27 (4.7.1924)
- Date
- 1924-07-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber auch aus praktischen Gründen müssen wir einem solchen Gerede von einem Heimatlande für das jüdische Volk widersprechen. Wenn Zangwill selbst einräumt, daß die überwiegende Majorität der Juden in der ganzen Welt zerstreut bleiben, und die Tragödie Israels in der Diaspora kein Ende finden wird, auch bei Verwirklichung zionistischer Ideale im gelobten Lande, ist es da nicht Wahnsinn, von einem Heimatlande für das jüdische Volk in Palästina zu sprechen und einem Nationalismus, den es gar nicht gibt? Heißt das nicht dem Antisemitismus ein Schwert in die Hand drücken zur Bekämpfung der Emanzipation und des Staatsbürgerrechts der Juden? Heißt das nicht den Patriotismus der Juden in Frage stellen? Wer an der Vaterlandsliebe der Juden zweifelt, der lügt! Die Juden lieben ihr politisches Vaterland, wie in Amerika so überall aus vollem Herzen; das jüdische Volk, Israel, von Gott berufen in Gerechtigkeit zum Lichte der Nationen, die religiöse Gemeinschaft Israel hat nur eine Heimat, die ganze Welt! Freilich lieben auch wir Palästina als die Wiege unserer Religion und unserer Propheten, und die Stätten, die Jesaia einst gewandelt, sind uns heilig; denn von Zion ist die Lehre ausgegangen und das Wort Gottes aus Jerusalem, und wir können diesem Lande unsere Liebe nicht besser erweisen als mit dem Wunsche, daß die in ihm vertretenen drei Weltreligionen in Frieden und Eintracht leben. Aber bei aller Verschiedenheit unserer Anschauungen stimmen wir doch mit Zangwill darin überein, daß eine Einigkeit im Judentum besteht, nicht nur in der Religion, sondern in gemeinsamem Leiden — die Einigkeit des jüdischen Herzens, das sich überall regt, wo es gilt, dem Herzensschrei unserer Glaubensbrüder mit Sympathie und Hilfe nachzugehen. Ob jedoch dazu eine Weltorganisation erforderlich ist? Vielleicht provoziert gerade sie unsere lügnerischen Feinde?! Kommt sie aber zustande, so kann es nur auf religiöser Basis geschehen im Bekenntnis des einzigen Gottes. Eine solche Weltorganisation würde aber nach Zangwills Eingeständnis wohl niemals sich nur für die Zwecke des Zionismus bilden. Denn dieser ist heute ein totes Ding, der schon auf dem ersten Zionistenkongreß den Todeskeim in sich trug, als Herzl in Uebereir.stimmung mit Zangwills Territorialismus das jüdische Problem einengte in eine Landfrage für Palästina oder sonstwo auf der Erde. Unsere kooperative Aufgabe liegt außerdem in geistigen und moralischen Werten, in Erziehung unserer Kinder nach den Lehren unserer religiösen Erbschaft; sie sichert die Einheit Israels mehr als alle sogenannten Kongresse. Wollen wir aber materielle Hilfe bringen, so müssen wir mit der Wohltat allen unseren Brüdern gleiche Gerechtigkeit erweisen, und dürfen wir Palästina nicht bevorzugen. Dieses kann nur einen Teil des großen Unterstützungsproblems bilden, nach dem Verhältnis seiner Unterstützungsbedürftigen zu den in anderen Ländern. Freilich würde Schulmanns Vorschlag einer ökonomischen Organisation in Amerika auch für Palästina keine Gegenliebe bei den Nichtzionisten finden, wenn die Führer im Palestine Development Council Movement noch immer die alten Phrasen vom Nationalismus im Munde führen. Wir glauben an diese Phrasen nicht, um so weniger, als die Balfoursche Erklärung von einer „Heimat für das jüdische Volk" uns niemals befriedigt hat, wenn wir auch keinen Zweifel hegen, daß unsere unglücklichen, verfolgten Glaubensbrüder unter dem Mandat von England ein freieres und glücklicheres Leben dort führen werden. Das große Zukunftszentrum für die Judenheit, schließt Schulmann, ist nicht Palästina und nicht irgendein europäisches Land, sondern unser geliebtes Amerika, das Würde und Rechte der Menschen anerkenne. Und von unserem amerikanischen Judentum wird Licht und Kraft ausstrahlen auf das Judentum der Welt. Jüdische Religiosität sichert gegenüber dem Vaterland Treue, Hingebung und Pflichterfüllung; das güt für den Juden in Amerika wie in allen anderen Weltteilen. Die Welt schuldet ihm Rechte, er schuldet der Welt Pflichten. Und Israel als religiöse Gemeinschaft, als eine Glaubensmacht, wird ausharren in der Welt und wird vielleicht triumphieren zur Zeit, da Liebe und Gerechtigkeit überfließen, „wenn die Erde voll sein wird von der Erkenntnis Gottes, wie die Wasser die Meerestiefen bedecken." Und Israel wird in seinem Glauben leben! »erbet fibonnenfen für „Die Wahrheit"! Hermann Cohen. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Der größte jüdische Philosoph der Neuzeit, Hermann Cohen, hat a<m 4. Oktober 1918 das Zeitliche gesegnet. Es gilt nun zu ernten, was dieser tiefe Denker gesät hat. In drei stattlichen Bänden (I. LXIV und 341 Seiten, II. 483 f., III. 375 Seiten) liegen uns die jüngst erschienenen „Jüdischen Schriften" dieses Mannes vor. (Berlin, 1924, C. O. Schwetschke und Sohn, Verlagsbuchhandlung). Dr. Bruno Stransky zeichnlet als Herausgeber und Dr. Franz R o s e n z w e i g hat das Werk mit einer glänzend geschriebenen Einleitung versehen. Sie beginnt mit den Wonen: „Das groß© Geschenk, das die Akademie für die.W i ssensch af t des J u de n t um s mit diesen drei Bänden der deutschen wie der Weltjudenheit und darüber hinaus noch manchen, der guten Willens ist, macht, umfaßt alles, was Cohens ausdrücklich zu jüdischen Fragen und üben jüdische Gegenstände für dien Druck geschrieben hat." Die Veröffentlichung bedeutlet ein neues Blatt in dem Ruhnieskranz der Akademie. Es muß hierbei ausdrücklich hervorr gehoben werden, daß die Herausgabe der Umsicht und Energie des Sanitätsrats Dr. BradÜ zu danken ist. Wie Rosenzweig Hermann Cohen den getreuen Ekkehard des deutschen Judentums nennt, so kann man Dr. Bradt als den getreuen Ekkehard der Akademie bezeichnen. Es dürfte nicht leicht sein, die Allgemeinheit mit den oft dunklen Gedankengängen Cohens, wie sie sich in seiner „Logik der reinen Erkenntnis", der „Ethik des reinen Willens" und der „Aesthetik des reimen Gefühls" finden, vertraut zu machen. Am ehesten gelingt es bei dem Nachlaß werk „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", am möglichsten erscheint es bei dem vorliegenden Werk. Der erste Band enthält ethische und religiöse Grundfragen, der zweite handelt von der jüdischen Zeitgeschichte, der dritte von der jüdischen Religiionsphilosophie und ihrer Geschichte. Das Ganze bildet eine reife SegensqueJle edelster Bildung und Gesittung. Wir können den großen Mann nicht besser ehren, als wenn wir beistrebt sind, die in diesem Werke entwickelten Ideen zum Gemeingut unserer Glaubensgenossen zu machen. Man ist genieiigt, die Mahnung, eines alten jüdischen Weisen — mutatis mutandis — uns zu Herzen zu führen: Wende die darin enthaltenen Ideen nach allen Seiten ■hin! und her, denn alles ist in dem Werke ausgesprochen. (Sprüche der Väter 5, 25.) Die zahlreichen Abhandlungen, aus denen es besteht und' die ischon früher in verschiieldensten Zeitschriften erschienen sind, eignen sich vorzüglich zu Referaten in Logen, Literaturvereinen usw. Es sei mir .gestattet, hier etwas Persönliches einzuüechten. Es erfüllt mich mit biesondlerem Stolze und dlem Gefühl der Dankbarkeit, daß Hermann Cohen mir seinerzeit auf meinen Wunsch für den von mir redigierten Wegweiser für die Jugendliteratur seine „Gedanken über JugendJektüre" zur Verfügung stellte (Abgedruckt Bd. IL, Seite 126 uff.). Es ist mir unvergeßlich, wie in mehrere« Sitzungen unserer Mendelsohn-Loge ein Mitglied (Jusfeat