Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-07-04 · Heft 27 (4.7.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 27 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064097--12917-3080394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 27 Während er singt, lehnt schon der dritte der Sänger, Ta.schl itzky, der aus Holland herbeigeeilt ist, im Betstuhl, ein junger mächtiger Mann mit bleichen Ghettozügen, in denen das Kränkliche und zugleich Zähe seiner Abkunft zum Ausdruck kommt. Man merkt es ihm an, daß er sich in großer Aufregung befindet, wenn er aber dann singt, scheint seine Gestalt in den Klängen seines hellen Tenors zu wachsen. Er singt mit dem Fanatismus des Tatzeugen, der sich in seiner Not an den Herrn wendet, in brünstigem Vertrauen und opferfreudigem Glaubenseifer. Seine schmächtige Gestalt wird zum Mittelpunkt des Raumes und aus dem Tonmeer seiner Stimme hört man die Worte des Psalms: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir!" * * * Ueber den neuen Oberkantor schreibt uns Herr Oberkantor J. Müller folgendes: Zum zweiten Male ereignet sich nun der Fall, daß die Neu-Pester Gemeinde ihren Oberkantor an die Wiener verliert. Vor mehr als 20 Jahren war es der Stimmheros Matyas, der seither Weltberühmtheit erlangte, nun ist es Kollege Heinrich Fischer, dem der Preis im Meister-Wettsingen zufiel, der in der Berufung auf den Oberkantorposten im großen Leopoldstädter Tempel besteht. Oberkantor Fischer, der in Petrovoselo (Ungarn) als Sohn eines sehr religiösen und angesehenen Kaufmannes geboren wurde, genoß von frühester Jugend eine fromme Erziehung und Unterricht im Talmud, absolvierte die Mittelschule in Baja, besuchte dann zum Zwecke des Studiums der jüdischen Liturgie mehrere Jeschiwas. Schon als Knabe hatte man seine angenehme Stimme bewundert und als 15jähriger Knabe betete er in der orthodoxen Gemeinde in Stanitit (Ungarn) an den hohen Feiertagen als „Bai Mussaf" vor. Er kam als Jüngling nach Wien, wo er sich dem Kaufmannstande als Buchhalter zuwandte. Seine hervorragende stimmliche Anlage, angeborene musikalische Begabung und Vorliebe für das Kantorenfach veranlaßten ihn, den kaufmännischen Beruf aufzugeben und nach Absolvierung des Konservatoriums in Debreczin mit 19 Jahren eine Stelle als Oberkantor am alten Fugbach-Tempel anzunehmen.!n dieser Stellung machte er solch überraschende Fortschritte, daß ihn nach zirka 6 Monaten die Kultusgemeinde Debreczin, eine der größten Kultusgemeinden Ungarns, zum Oberkantor für ihren Tempel berief, wo er 14 Jahre wirkte und hierauf die letzten zwei Jahre in Neupest. Oberkantor Fischer, seiner großen Aufgabe bewußt, widmete sich dem erwählten Berufe mit außerordentlichem Fleiße, wobei ihm der im Synagogengesange ganz hervorragend bewährte Chordirigent Em. Gottlieb zur Seite stand, der ihn in die richtigen Bahnen lenkte. Fischer vertiefte sich in das Studium der jüdischen Liturgie derart, daß heute von ihm ruhig gesagt werden kann, er sei einer der bedeutendsten Kantoren der heutigen Zeit. Kein Wunder. Jahre hindurch erforschte dieser gewissenhafte und unermüdliche Mann die Geheimnisse des Tempelgesanges, nichts blieb ihm verborgen und auf diesem mühevollen Wege brachte es Fischer zu einer kantoralen Vollendung, die auch der Laie aus seinen gediegenen Vorträgen heraushört. Nicht nur die Stimme, nicht der moderne, abgerundete Vortrag allein, sondern alle wichtigen kantoralen Qualitäten, gepaart mit gründlichem jüdischen Wissen, kommen bei Oberkantor Fischer zur Geltung und zum Ausdruck. Man kann der Wiener Kultusgemeinde, insbesondere den Führern derselben, die bei ihrer Entscheidung von gediegenen Experten beraten wurden, nur gratulieren zu der getroffenen Wahl — sie konnte nicht glücklicher sein. Es wäre nur zu wünschen, daß auch die Tempelvorstehungen in allen unseren Gemeinden sich in Zukunft, bei einer eventuellen Kantoren-Neuwahl, von gleichen Erwägungen und ebensolchen Motiven leiten ließen und damit die Würde des Gotteshauses wahrten. So wichtig und wesentlich, so wert- und wirkungsvoll der Wohllaut der Stimme für den Kantor auch sein mag — Kantor heißt Sänger —, durch diesen Wahlakt wurde dargetan, daß nicht die blendende Stimme allein als ausschlaggebend hier in Frage kommt, sondern daß vielmehr Bildung, Charakter, jüdisches Wissen, in erster Reihe aber gründliche Fachkenntnisse in solchen Fällen in Betracht gezogen werden müssen. Und so ist es auch richtig. Auf einen der exponiertesten Posten, den das Judentum für das Kantorat zu vergeben hat, konnte und durfte man keinen unfertigen Menschen hinstellen, sollte auf die Dauer die Andacht und das religiöse Empfinden der Zuhörer nicht gestört oder verletzt werden. Das große Gotteshaus in der Leopoldstadt, das unter G o 1 d s t e i n und Guttmann zu herrlicher Blüte kam, war jahrelang verwaist, verlassen und verödet, nun wird es, wie wir alle hoffen, zu neuer Blüte und neuem Gedeihen gelangen. Das Kantorat, das Fischer mit sich bringt, ist das in Wien altheimische. Die Stadt, in welcher ein S u 1 z e r lebte und wirkte, soll und darf nicht von der ausartenden Strömung der neueren Zeit erfaßt und mitgerissen werden, sie muß vor einer weiteren Profanierung des jüdischen Gottesdienstes bewahrt bleiben. Oberkantor Fischer ist der richtige Mann an der passenden Stelle, er wird seiner hohen Aufgabe sicherlich gewachsen sein. Dafür bürgt uns seine Vergangenheit und sein Werdegang. Ruhig und vertrauensvoll blicken wir in die Zukunft. Aber auch die verantwortungsvollen Leiter der Gemeinde können getrost den Leistungen des neugewählten Scheliach- Zibbur entgegensehen. In gewissenhafter Erfüllung seiner Berufspflichten wird er die Würde seines hehren Amtes stets hochhalten und dieses ausüben zur Zufriedenheit seiner Beter- Gemeinde, zur Ehre des Judentumes und dieser großen altehrwürdigen Kultusgemeinde. Die achte Todsünde. Diese wäre nach Ansicht des „Abend" - Mitarbeiters W—r ddie Bödiürfnslosfekeit, denn sie führt letzten Endes angeblich „dorthin, woher wir gekommen", in die Wälder, in die Wildnis und vernichtet unrettbar jegliche Kultur. Von kommunistisch eingestellten Blättern unid deren ebenso gearteten Schriftleitern kann eine derartige Lebensanschauung nicht überraschen. W—r verkündet als einzig kulturerhaltend das Evangelium des bedingungslosen Lebensgenusses und hofft bei dien Frauen der unteren Stände empfängliche Herzen zu finden: „Die kleine Verkäuferin, das Büromädel, die Bankbeamtin, sie haben längst nach den Seidenstrümpfen gegriffen, ohne' viel zu überlegen; sie wußten, was sie sich schuldig waren, Annerl und Mizzi! Laßt euch gesagt sein: ihr seid die Vorhut, die Vorkämpferinnen gegen die verdammte Bedürfnislosigkeit der Massen. Spart nicht! Es nützt euch ja doch nichts. Sie nehmen euch das mühselig Zusammengetragene auf jeden Fall wag. Legt es in die. gediegenste Sparkasse, sie veranstalten eine Geldentwertung. Kauft Börsenpapiere, sie verspielen euer Zutrauen an das Ausland: Was ihr in der Hand habt, das habt ihr sicher: eine Reise nach Südtirol, ein gutes Buch, ein feines Möbelstück, einen hübschen Schuh. Gebt aus, aber erhöht das Einkommen. Das ist kulturmäßig." Die Annerl und die Mizzi haben' nicht erst die Mahnung des ihnen unbekanntem KuJturkämpfeirs abgewartet, haben ausgegeben und ihr Einkommen erhöht. Letzteres nicht immer auf dem Wege: der Lohnbewegung, sie haben längst nach den teueren Sei'denstrümpfen und sonstigen Dingen gegriffen, die den weiblichen Körper verschönern. Aber auch ihre männlichen Arbeitsgenossen haben unaufgeforidert ausgegeben für die Trias Weib, Wein, Gesang. Bedauerlich genug, daß sie nicht auch mit den Sektflaisclien wüsten konnten, wie die beispielgebende Oberschicht. Aber immerhin, die Annerl und die Mizzi, derj Schani und1 Franzi! haben in ihrer Art altes getan, um kulturfördernd im Sinne W—r's zu leben und auch dem Nebenrate — spart nicht — bestens entsprochen. Es muß nun doch mit dem Teufel zugehen, daß wir trotz alledem in Wien noch nicht die richtige Kultur haben. Ihre Wurzeln müssen wohl in anderem Kulturboden liegen. Prunksucht, Ueppigkeit, Verschwendung und die daraus entspringenden Uebel waren Nägel zum Sarge der Kultur in Rom wie in Athen, Babylon und anderen Großstädten des Altertums. Vergebens eiferte heiliger Prophetenzorn gegfen das Putz- und Protzarsenal des Schmucks jüdischer Weiber in Jerusalem.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.