Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 27 (4.7.1924)
- Date
- 1924-07-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 DIE WAHRHEIT Seite 3 Höchstens also ist der J. N. F., der mir jenie falsche Anschrift gab, resp. 'das Bureau das z i o n. Landeskomit'ee, das Ihnen den Brief übermittelte, schuld. Aber, ehrlich gesagt, kann Ihnen, Herr Doktor, gar so viel an dem richtigen Titel gelegen siein? Ich bitte jedenfalls um Entschuldigung. * * Doch es ist für den „Zionismus an sich" ganz egal, ob Sie, Herr Dr. Friedmann, Obmann oder Anwalt des Parteigerichtes sind; es ist ganz egal, ob man mich berufen oder u n b e r u f en heißt, ob sich die „Hakoahnier" -gegenseitig versichern, Vollzionisten, oder eben nur „Hakoah-Zionisten", wie wir sie kennen (eine Art „U. a. auch-Zionisten"), nicht egal ist nur eines, ob die (angeblich) jüdische und zionistische „Hakoah" ihre jüdischen und zionistischen Pflichten erfüllt oder nicht. Bisher tat sie es nicht. Wir wollen sehen, ob sie es nun tun wird odier ob ihre letzte Resolution auch nur 'ein Stück Papier ist. Noch wollen wir die aufrechte Judenheit, die zionistische und die nichtzionistische/, die Jugend vor allem und die ältere Gensration'nicht aufrufen zum Boykott. Noch wollen wir zuwarten . . . Der neue, Oberkaiitor des großen Leopoldstädter Tempels. Donnerstag, den 26. v. M. wurde in einer Plenarsitzung des Kultusvorstandes Herr Oberkantor Heinrich Fischer aus Neu-Pest mit großer Stimmenmehrheit zum neuen Oberkantor der großen Synagoge in der Tempelgasse bestellt. Dieser Wahl gingen am Dienstag und Donnerstag der Vor- Das „Cheschkas-hathauro" ist in Lübeck zu Hause; die Gemeinde freut sich förmlich, Worten der Thora zu lauschen. Das habe ich erfahren, als die Gemeinde und der Rabbiner mich mit einer Deroscho am Schabbes beehrten, wie sich die Gemeindemitglieder um die Kanzel scharten, mit welcher Gespanntheit sie auf jedes Wort horchten und — was besonders zu bemerken — welche feierliche Ruhe im Gotteshause herrschte, woran sich jede jüdische Gemeinde ein Beispiel nehmen dürfte. Bei den kantoralen Leistungen legen die Baale-battim — wie ich es übrigens auch bei den anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands, die ich auf meiner Reise kennenlernte, bemerkte — kein großes Gewicht auf künstlerische Lamentationen, sondern nur auf würdevolles Auftreten und andachtsvolles Vortragen, bei strenger Beibehaltung althergebrachter Melodien. Es ist auch eine natürliche Folge der Einrichtung, da die stimmbegabten Mitglieder — jeder von seinem Sitze aus _ an dem Vortrag mit teilnehmen, was sich sehr feierlich und andachtsvoll gestaltet. Es bleibt hierdurch dem Kantor die Gelegenheit benommen, sich künstlerische Extratouren zu leisten. Die wichtigsten Vortragsstellen im Gebete werden in Gemeinschaft mit den Männerchor exekutiert, wie z. B. das Lecho-daudi, das Ein- und Ausheben der Thora, die Keduschu, das Enkeelokaun und so manche andere Gebetstücke. Ad vocem Keduscha — da ist auf einen wichtigen Unterschied hinzuweisen, der sich bei der Absolvierung derselben zwischen unserer und den deutschen jüdischen Gemeinden zeigt. Während bei uns die Versammlung sofort nach dem Abschlüsse der zweiten Berocho im Schamone-Essreh durch den Vorbeter mit dem „Nekadesch" oder dem „Naauizpch" einfällt, welches erst dann von den Vorbeter wiederholt wird, um das dreimalige „Kodausch" dann von der Gemeinde anstimmen zu lassen, ist es in den deutschen jüdischen Gemeinden ausnahmslos anders eingeführt. Der Vorbeter ruft sofort woche beim Abendgebet die letzten Probevorträge der vier zur engeren Wahl bestimmten Kantoren im dichtgefüllten Gotteshause voran. Am Dienstag hatte Oberkantor Fischer dem Abendgebet mit großem Beifall seinen samtenen Bariton geliehen und damals schon munkelten die Eingeweihten, daß nur er nach dieser Prachtleistung für die Wahl in Betracht käme. Ueber die Probevorträge vom Donnerstag schreibt Felix Fischer im „Neuen Wiener Journal" vom 28. v. M. unter dem Titel „Der Sängerkrieg in der großen Synagoge" folgendes: Dicht gefüllt ist, obwohl es ein Wochentag ist, das riesige Gotteshaus in der Tempelgasse. Gedrängt stehen und sitzen in den Bänken an tausend Gläubige, die eine Art höherer Neugierde hierhergeführt hat, zu wissen, wer ihnen in den nächsten Jahren die Gebete singen wird. Das Minchagebet beginnt und in prachtvollem Kontrast zu den hellen Knabenstimmen erdröhnt der wuchtige Baß des Oberkantors Abrahamsohn von der Rombachsynagoge in Budapest. Aber er kann seine mächtige Stimme auch zu leisem, schmeichelndem Bitten zwingen, daß sie wie klagende Violonelltöne zu unseren und Gottes Ohren dringt. Wenn sie dann anschwillt zu wohlklingendem Vollaut. spricht aus ihr die Sehnsucht nach dem Herrn, dem, der verzeiht und tröstet. Das Abendgebet singt er noch und dann, gegen die Andächtigen gewendet, einen Psalm, der aus seinem Munde dringt wie die Stimme eines Propheten, aber keines strafenden, sondern eines verheißenden. Dann tritt der Sänger ab, schüchterne Beifallsversuche entringen sich der Menge, die sofort von Entrüsteten unterdrückt werden. Denn man befindet sich an heiliger Stätte. Nun nimmt seinen Platz Oberkantor Alter aus der Brigittenau ein, der ein Schüler der Wiener Akademie ist und von dem die Sage geht, daß er in den Verband der Wiener Staatsoper treten soll. Aber dem Sänger ist Weltliches fremd, er hat seinen metallischen Heldentenor dem Höchsten zum Opfer bestimmt. Alles Metall und alle Biegsamkeit seiner Stimme ist einem Psalm aus den Gebeten des Versöhnungstages geweiht, aus dem Piano der Buße, das wie leiser Orgelklang an unser Ohr dringt, steigt immer wieder in sieghafter Helle sein Tenor hervor. Und wenn er dann, zu den Betenden gewendet, seine Stimme bald bis zum leisesten Piano abschwellen, bald in den blumigsten Koloraturen brillieren läßt, steht der vierundzwanzigjährige Mann mit den edlen Gesichtszügen wie ein Wagner-Heros vor uns, welcher der Welt abgeschworen hat. Er vereinigt Pracht der Stimme mit höchster Kunstfertigkeit, die ihm gestattet, Ausflüge in die tiefe Baritonlage zu unternehmen. nach der zweiten Berocho das „Nekadesch'' oder „Naauizoch1' aus, so daß es in ganz richtiger Auffassung wie eine Aufforderung des Vorbeters an die Gemeinde sich darstellt, Gott, d. h. durch das dreimalige Kodausch zu heiligen, was demgemäß auch von der Gemeinde vollzogen wird und an sich selbst sehr sinngemäß klingt. Es ist aber nicht nur sinngemäß, sondern auch vollkommen der Vorschrift des Schulan Aruch entsprechend. f- ■ Denn so heißt es dort ausdrücklich: „Die Betversammlung sagt nicht mit dem Vorbeter das „Nakdischach", sondern schweigt und richtet ihre Andacht auf das, was der Vorbeter spricht, bis er bei der Keduscha anlangt, und dann erst stimmt die Versammlung das Kodausch an." Deutlicher kann eine Vorschrift nicht lauten. Sie gründet sich auf eine Ausführung des Tut im Namen des Rosch, und es findet sich kein einziger Kommentator, der dieser Art der Absolvierung nicht zustimmt, sei es der Bach, oder der Penischa, oder der Beer-hetew. Der Ateness-Sekemin führt dies noch einfacher und verständlicher aus, indem er dies als einen „Minhag poschut" bezeichnet, d. h. als eine Einführung, gegen die es keinen Einwand gibt. Handeln also unsere Gemeinden gegen den „Minhag poschut" des Schulchan Aruch, und warum?! Hierfür gibt es nur eine Erklärung, der Hinweis auf eine Darstellung des Ri-hakadosch, die im Sidur Jaawetz angeführt wird. Also eine Quelle gibt es wohl für unsere Einrichtung der Keduscha, aber es ist eine kabbalistisch-chassidische Quelle, die gegen den Schulchan Aruch verstößt, und es bleibt verwunderlich, daß wir gegen einen Minhag vorgehen, der im Sch. Ar. als Vorschrift, als „Din" angeführt wird, jedenfalls habe ich die Art und Weise des Keduscha-Vortrages, wie er in den jüdischen Gemeinden Deutschlands gehandhabt wird, als die richtigere befunden.