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Die Wahrheit · 1924-07-04 · Heft 27 (4.7.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 27 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 27 zeitung" (S p o r t r e d a k t i rj n) die Frage nicht aufrollen wollte, mußte ich mich an die Redaktion der neutralen „Wahrheit" wenden und siie um die Publizierung der Aufsätze bitten.*) Ich m u ß t e es tun, denn sonsit hätten die „Hakoah" glauben können, ich mache nur Versprechungen, die ich nach ihrem Beispiel nicht ausführe. Ich mußte es schließlich tun, weil mir der Zionismus zu heilig ist, als daß ich ruhig zusehen könnte, wie diese Bewegung tausenden Menschen nur Phrase und Firmenschild ist!... * * * D i e S e k t i o n s 1 e i t er d e r „H a k o a h" b es t ä t i g e n in ihrer Resolution die Richtigkeit meiner Vorwürf e voll und ganz! „Gut Ding braucht aber Weile!" Gegen besseres Wissen will ich annehmeß, das sei wahr. Bis zum Herbst will ich glauben, dies sei keine Phrase. Sollte aber die „Hakoah'" bis dahin nicht endlich beginnen, ihre zionistischen Pflichten zumindest dem Jüdischen N a t i o n a 1 f o nd gegenüber zu erfüllen, d. h. sollte die Leitung der ,fiakoaih" bis dahin nicht die Frage der 10%-i g e n Karte n- Steuer haben, (es hat den Anschein, als ob die Vereinsfunktionäre, die exponierte zionistische Ehrenämter bekleiden, erst ihre Mitglieder befragen müssen, ob sie — ausgenommen M a n d a t s p o 1 itik — ihre zionistischen Pflichten erfüllen wollen), d a n n w e r ide n m e in e Freunde und ich den K a m pf g e g e n d i e „H a k o a h" mit anderen Mitteln und rücksichts- *) Ich spreche der Redaktion dieses Blattes an dieser Stelle öffentlich meinen besten Dank dafür aus, daß sie mir die Spalten ihres Blattes für diese Angelegenheit so bereitwillig zur Verfügung stellte. los — im Interesse des Zionismus und ebendarum ungeschminkt und öffentlich — fortführen. Was wiederum keine Drohung und noch viel weniger eine leere Phrase ist. * * * Herr Dr. Desiideir Friedmann schrieb am 30. Mai a. c. „Sie haben) es für gut befunden; ohne vorher eine Erkundigung bei mir einzuziehen... offene Anfragen an mich zu steilen... Ich... mache Sie lediglich, da Sie anscheinend als guter Z i o n i s t über die Besetzung der Parteiämter nicht hinlänglich informiert sind, darauf aufmerksam, daß ich seit dem Parteitag vom Jahre 1922 nicht mehr die Stelle eines Parteianwaltes inne; habe." Darauf habe ich zu antworten: 1. hat es mit der „Gutheit" eines Zionisten gar nichts zu tun, wenn er die Aenderungen der Besetzungen von Aemtern nicht präzise; verfolgt, zumal dann, wenn es sich nicht um' Führerstellen, sondern um Ehrenposten handelt; 2. hat man mir doch seinerzeit, als ich vom J. N. F. den Auftrag erhielt, die Klage gejgen die „Hakoäh" einzureichen, als Parteianwalt Herrn Dr. Desiider Fniedlmann angegeben; 3. habe ich aber den Brief vorsichtshalber „an das zionistische Landesk o m i t e e -für den Parteianwalt Herrn Dr. F." gesandt. Sie, Herr Doktor, haben den Brief übernommen, denn sonst hätte der Generalsekretär des J. N. F., wie er mir mitteilte, denselben nicht beim Pa r t e i a n w a 11 Dr. D. F. zurückziehen können. Wenn sie sich zur Uebernahme der Klage nicht kompetent füMten — dann hätten Sie ihn eben retournieren' müssen! Aber Sie waren und sind kompetent, denn Sie sind jetzt Präs iden t des Par t eige r irch t s! |b| Feuilleton jwj Deutsche Reisebriefe eines Badeners (bei Wien). VII. Lübeck, in der Schewuauswoche 5684. Da ich mich in Lübeck längere Zeit aufzuhalten Gelegenheit hatte, konnte ich auch das jüdische Leben näher kennen lernen. Das Zusammenleben der Israeliten mit den Nichtisraeliten ist ein reibungsloses, d. h. es ist mehr ein Nebeneinanderleben. Der Jude hat die Empfindung, daß er wohl nichts zu befürchten habe, daß es aber gut sei, sich gesellschaftlich auf sich selbst zu beschränken, nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; selbst die Frauen der reichsten Juden sütd bestrebt, sich so einfach als möglich zu kleiden. Auch die ganze jüdische Bevölkerung steht mehr abseits und an so manchen Dingen merkt man, daß man jedes Hervorkehren jüdischer Art öffentlich vermeidet. Jeder Jude hat das unbestimmte Gefühl, daß dem Landfrieden nicht zu trauen ist. Eigentümlich berührt es den Fremden, wenn er auf manchem Tramwagen Aufschriften als Ziel der Fahrgäste bemerkt, wie „Jerusalemsburg" oder „Israelsdorfer Allee", es hat dies aber mit dem Judentum nichts zu tun, nicht einmal irgend einer historischen Vergangenheit. Es ist dies ja eine Eigentümlichkeit des Protestanten, daß er ein Freund von altbiblischen Bezeichnungen ist. So habe ich einmal in Palästina bei dem Besuche eines protestantischen Sanatoriums in Jaffa die Bezeichnung der einzelnen Säle und Appartements mit althebräischen Namen gefunden, von Abraham, Jizchak und Jakow angefangen, bis zu den letzten der Prophetennamen, Zephania und Maleachij: hierauf folgten auch die Namen der neutestamentlichen Heiligen und man erkennt die Absicht und wird verstimmt. So braucht sich auch der Jude in einer Gegend mit einer protestantischen Bevölkerung nicht seines althebräischen Namens wegen zu genieren, da die Namen David, Jonathan usw. auch oftmals bei den Nichtjuden vorkommen. Ist man nun auch bestrebt, den Juden im öffentlichen Leben nicht gerade ostentativ hervorzukehren; um so inniger ist das Zusammenhalten der jüdischen Einwohner untereinander. Das Gemeindeleben bewegt sich in ruhigen Gleisen, der Verkehr, die Anteilnahme sind herzlich in ihren Beziehungen zueinander und das jüdische Leben findet seinen prägnantesten Ausdruck in der Pflege des Gottesdienstes, in der Abhaltung von täglichen Schiurim, in der Entwicklung und Instandhaltung gemeinnütziger Institutionen. Finanziell ist die Lübecker Gemeinde dadurch gut gestellt, daß der Beamtenkörper kein allzu großer ist, um so mehr jedoch darauf gesehen wird, daß die Beamten standesmäßig leben können. Die Gemeinde hat einen tüchtigen, sehr frommen und wissenschaftlich gebildeten Rabbiner; einen Dajan, der ein großer Talmud-Chochom und sich dem Talmudunterrichte der heranwachsenden Generation widmet; einen Kantor, der früher in Posen war, sein Amt würdig und gesanglich gut geschult vertritt und sich gerne als einer von den „Gerusche- Posen" bezeichnet; denn die große, altehrwürdige und zahlreiche Gemeinde Posen ist nach seiner Darstellung seit der Annexion an Polen solchen Verfolgungen und Drangsalierungen ausgesetzt, daß die jüdische Bevölkerung in vollkommener Auflösung sich befindet; es flüchtet, wer kann, — so auch er. Ein böses Zeichen der Zeit. Es bewährt sich auch da wieder, wie in vielen anderen Ländern der Gegenwart, der alte biblische Ausspruch: „Und es wird sein, wenn Esow in das eine Lager kommt und es schlägt, so wird das übriggebliebene Lager anderswo die Rettung finden."

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