Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064096--12905-3080381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 DIE WAHRHEIT Seite 9 dann dieses Exil als Verbrechen angerechnet hat, um neue Verfolgungen zu rechtfertigen, ist eine Ungerechtigkeit, die schon seit vielen Jahren alle gerechten Herzen e m p ö r t." Bruderzwist Im Hau© Hakenkreuz. Unsere Mitteilungen, daß hinter den Kulissen der jetzt angeblich geeinigten „Nationalsozialistischen Freiheitspartei" ganz merkwürdige Dinge vorzugehen scheinen, die auch das Eingehen des bekannten Münchener völkischen Organs, der „Großdeutschen Zeitung", verursachten, haben uns eine Flut von Beschimpfungen in den österreichischen Hakenkreuzblättern eingetragen. Diese Leute, die uns vorwerfen, daß bei unseren diesbezüglichen Nachrichten „der Wunsch der Vater des Gedankens ist", sind aber schlechter informiert als unser Münchner Gewährsmann. Wir könnten ihnen ja — gewiß zu ihrem furchtbarsten Entsetzen — das Geheimnis verraten, aus welcher Quelle unser Münchner Freund seine Mitteilungen schöpfte. Wir beschränken uns darauf, den Herrschaften einen wohl auch bei ihnen beglaubigten Mann zu zitieren, und «war den Hauptschriftleiter des Kunze-Blattes „Die Neue Zeitun g", Herbert W o 11 n z i h n, der am 27. Mai über das Eingehen der „Großdeutschen Zeitung" sigt, daß die Deutschvölkische Freiheitspartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ihre Unterstützung entzogen habe. Wollnzihn fährt dann fort: „Die Bayern erkennen jetzt, daß sie eine höchst unglückliche Ehe eingegangen sind, als sie sich mit der Freiheitspartei zum völkischen Block zusammenschlössen. Sie vermissen in dieser die wahre Volksfreundlichkeit, von der sie selbst beseelt sind. Bei der Freiheitspartei dagegen glaubte man, die Nationalsozialiten nicht nur bei der Reichstagswahl als Stimmvieh benutzen, sondern sie auch nachher noch den freiheitsparteilichen Sonderinteressen, die mit denen der Latifundienbesitzer einig gehen, gefügig machen zu können. Jetzt kommt auf beiden Seiten die Ernüchterung. Da die Nationalsozialisten von ihrem Programm des wahrhaften deutschen Sozialismus nicht abweichen, haben die mecklenburgischen und vorpom in ersehen Ritte r-gut sbe sitzer, die man wohl als die Aus hälter der Freiheitspartei bezeichnen darf, natürlich kein Geld mehr für das unter dem Haupteinfluß der Bayern stehende Blatt übrig. So ist die „Großdeutsche Zeitung" ein Opfer dieser unglückseligen Mischehe geworden. Hoffentlich ziehen die ehrlichen bayerischen Nationalsozialisten recht bald die erforderlichen Folgerungen aus dem Vorfall und maefien sich wieder irei von der Geldmacht des weißen Zentrums." Man weiß schon längst, daß die reichen Geldmittel, über die die antisemitisch-deutschvölkische Hetze verfügt, aus den Kreisen der Schwerindustriellen und Großgrundbesitzer stammen, die sich gern vom Steuerzahlen drücken möchten und dies auf dem Wege einer gegen die Juden gerichteten „Volksbewegung" zu erreichen suchen. Wir können Herrn Wollnzihn für die von ihm gemachten Enthüllungen nur aufrichtig dankbar sein, er enthebt uns der Aufgabe, selbst mit unseren ..Enthüllungen" herauszurücken, die den Herrschaften wahrscheinlich keine Freude bereiten würden. Der Schwindel der „Zionistischen Protokolle." Der Landesvorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland veröffentlicht folgende Erklärung: „Der H ammer - V e r 1 ag in Leipzig hat kürzlich ein Buch herausgegeben, betitelt „Die Zionistischen Protokolle, das Programm der internationalen Geheimregierung", einen Neudruck des bekannten Pamphlets „D <i e Weisen von Zi on" unter verändertem Namen. In dem Vorwort, das, ebenso wie 'das Nachwort, von Herrn Theodor Fritsch verfaßt ist, behauptet dieser, daß „allem Anschein nach der Inhalt der Protokolle auf dem 1. Zionisten-Kongreß vorgetragen worden sei" und weiter, daß die „Gedanken des Buches durchaus i m R a hm ein der zionistischen Bestrebungen liegen". Der .Landresvorstand der Zionistischen Vereinigung iür Deutschland nimmt nur mit Widerstreben zu dieser Fälschung Stellung, die, auf die Arbeitslosigkeit verhetzter und ungebildeter Menschen spekulierend, jedem objektiven Leser den geistigen und moralischen Tiefstand ihrer Verfasser beweist. Das gemeingefährliche Anschwellen der antisemitischen Hetzpropaganda und die bedauerliche Leichtgläubigkeit weiter Kreise gegenüber Vorwürfen, die sich geigen Juden richten, zwingen uns dennoch, gegen diese g emeinien Ver dächti-giingei! schärfsten Protest zu erheben. Sowohl „Die Weisen von Zion" wie „Die Zionistischen Protokolle" sind Verleumdungen niedrigst e r Art. Es gibt keine jüdischen Organisationen, die sich mit Plänen, wie sie in den „Zionistischen Protokollen" niedergelegt sind, befassen. Insbesondere muß der Laudesvorstand als vertretungsberechtigtes Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und der Zionistischen Weltorganisation mit Nachdruck feststellen, daß die Zionistische Organisation eine von den Regierungen aller Kulturländer anerkannte legitime Organisation darstellt, die kein anderes Ziel als die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heismstälite für das jüdische Volk in Palästina ■verfolgt. Die kulturpolitischen, kolonisatorischen, sozialen und jüdisch politischen Arbeiten der Zionistischen Organisation vollziehen sich vor den Augen der gesamten Kulturwelt. Die Kongresse finden in voller Oeffentlichkei-i und unter Anteilnahme der Presse aller zivilisierten Länder statt. Die stenographischen Protokolle der zionistischen Kongresse erscheinen regelmäßig im öffentlichen Buchhandel. Irgendwelche Geheimnisse sind nicht zu verbergen und werden nicht verborgen. Die Zionistische Organisation hat mit den in den „Zionistischen Protokollen" ihr unterschobenen verbrecherischen, gegen das Wohl anderer Völker gerichteten Bestrebungen nicht das Geringste zu tun. Wir haben gegen Herrn Fritsch sowie den Verleger und Verbreiter dieses Buches die Strafanzeige erstatte t." Es ist sehr zu bedauern, daß der Land'esvorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland erst so spät gegen die Verbreitung der deutschen Uebersetzung des Fälscherwerks Stellung nimmt. Eine derartige energische Erklärung gegen die Fälschung und die Anrufung der Gerichte seitens der zuständigen zionistischen Organisationen in Deutschland wäre zu Anfang des Jahres 1920, also schon vor vier Jahren am Platze gewesen, als der Hauptmann a. D.. M ü 11 e r v. H a m s e n in seinem antisemitischen Verlage „Auf Vorposten" in Charlottenburg die deutsche Uebersetzung -der Schwindelberichte der „Geheimnisse der Weisen von Zion" herausgab. Damals hätte sich die zionistische Organisation schon zur Ergreifung gerichtlicher Schritte gegen die Verbreiter des Schwindels entschließen sollen: so wäre vielleicht verhindert worden, daß die in ihm enthaltenen unglaublichen und unsinnigen Verleumdungen der Juden in so weite Kreise gedrungen sind. Da Theodor Fritsch am 4. Mai als deutschvölkischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt worden ist und sicherlich seine Immunität als Reichstagsabgeordneter vorschützen wird, so wird seine gerichtliche Verfolgung wohl eine sehr beträchtliche Verzögerung erfahren. Auch der Exkaiser WilheIm H. gehört jetzt sogar zu denjenigen, die auf die Schwindelberichte der „Geheimnistse der Weisen von Zion" schwören. Nach dem Wulleschen „Dt. Tgbl." sei er bereits so sehr von dem „völkischen Gedanken durchdrungen", daß er seinen Besuchern besm Abschied ein Hakenkreuz und ein Exemplar der Pianist is c b e n P r o t o k o 11 e" zu überreichen pilege. Auch in bezug auf die völkische Bewegung habe sich, wie das Blatt weiter mitteilt, ein gewisser Gegensatz zwischen dem Kaiser und dem Kronprinzen und! zwischen diesem und seinem ältesten Sohne herausgebildet. Vater und Sohn des Kronprinzen seien überzeugte Anhänger der völkischen Bewegung, während der Kronprinz selber noch keinen Hauch der völkischen Idee verspürt habe. Ein Mahnruf an die Juden Deutschlands. Das Hamburger Israelitische Famlienblatt bringt aus der Feder des Oberregierungsrats Hans Goslar aus Anlaß der vollzogenen Reichstagwahlen folgenden beherzigenswerten Appell: „Rufen wir uns ins Gewissen, daß Jude sein heißt, die Verpflichtung zum sittlich vollendeten höchsten Menschentum in sich zu fühlen und praktisch zu leben! Haben wir auch den Mut, gegen alle Entartungserscheimwigen in unserer eigenen Mitte, wo wir sie antreffen, scharf und energisch Front m raachen! Doppelt und dreifach hat in dieser Zeit, wo das Vergehen jedes einzelnen Juden der Gesamtheit auf das Schwerste zur Last fällt, der einzelne die Verpflichtung, rein und makellos dazustehen. Unser Judentum verlangt von uns« daß der Jude als Arbeitgeber der Sozialste und Gerechteste sei, als Geschäftsmann im Kleinen und Großen ehrenhaft und sorgfältig, als Staatsbürger treu und aufopfernd, als jüdischer Mensch dem Menschen gegenüber solidarisch und pflichtbewußt und als Sohn einer uralten, nach Heilung und Verantwortung strebenden Kultur kein Anhänger von Komprommissen mit Schmutz und Unlauterkeit, sondern ein Führer zu menschlichem Aufstieg und zur Höherentwicklung. Kräftigen und stärken wir unser Jxidentum und unser Menschentum in diesem Sinne. Suchen wir neue Bereicherung und: seelische Harmonie durch Rückkehr zu den Quellen unserer jüdischen Kraft, zum jüdischen Wissen, das allem erst ein jüdisches Leben ermöglicht, fühlen wir uns ganz wieder als. Söhne des