Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE WAHRHEIT Seite 7 Die Säbelmensur in der Politik. Wie der „Abend" erfährt, ist das Säbelduell, das vor kurzem zwischen dem Sekretär der großdeutschen Partei, Herrn Ehrlich, und dem Hauptschriftleiter der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", Herrn Hartmeyer, stattgefunden hat und mit schwerer Verletzung und Kampfunfähigkeit des letzteren endete, auf Unzukömmlichkeiten zurückzuführen, die dem Hartmeyer wegen seines Verhaltens während des letzten Wahlkampfes zum Vorwurf gemacht worden sind. Dr. Hartmeyer ist „völkisch" orientiert, aber er hatte versprochen, alles während der Wahlbewegung zu unterlassen, was den Großdeutschen wegen der S a n i e r u n g s p o 1 i t i k Schwierigkeiten bereiten konnte. 'Während der Wahlbewegung erschienen trotzdem in der von Dr. Hartmeyer geleiteten „Deutschösterreichischen Tageszeitung" wiederholt Artikel und Notizen, von denen die Qroßdeutschen annahmen, daß sie im Wahlkampf gegen sie ausgebeutet werden. Nach den Wahlen trat die Großdeutsche Partei mit den reichsdeutschen Geldgebern der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" in Verbindung, um die Zeitung zu.er werben und sie dem Einfluß der Völkischen zu entziehen. Die Berliner Geldgeber machten aber als ihren Vertrauensmann für die Unterhandlungen gerade den Dr. Hartmeyer namhaft. Die Großdeutschen lehnten Doktor Hartmeyer als Unterhändler unter Berufung auf sein Verhalten während der Wahlen ab. Den diesbezüglichen Briefwechsel führte der Sekretär der großdeutschen Partei Ehrlich. So kam es kürzlich zu dem Säbelduell, das nach zehn Gängen mit der schweren Verletzung und Kampfunfähigkeit Dr. Hartmeyers endete und dessentwegen eine Klage bei der Staatsanwaltschaft anhängig ist. Otto Erich Hartleben über die Taufjuden, Otto Erich Hartleben war einer der trefflichsten Satiriker des jungen Deutschland. Unter anderen hat er auch die modernen Judenchristen bedichtet. Der Vers lautet: i „Darwinistische s." „Hosenverkäufer der Alte, der Junge schon Affe des Giftbaums, Rechtsanwalt und Notar, Arzt oder Richter sogar. Heissa! Nun geht's ans Taufen! Man tut es mit möglichster Sorgfalt Und aus dem „Christen" entsteht herrlich der Antisemit." Zensur iür Synagogenpredigten. In der Sitzung des polnischen Sejms vom 22. v. M. interpellierte der jüdische Parlamentsklub über den folgenden Fall: Der Starosta von Dohobricz ordnete an, daß alle Predigten, die in sämtlichen Synagogen der Dohobriczer jüdischen Kultusgemeinde gehalten werden, vorher der Zensur unterbreitet werden sollen. Diese Verordnung wird streng eingehalten. Als der Stellvertreter des Rabbiners die Forderung, seine angekündigte Predigt der Zensur zu unterbreiten, als ungerecht und die Ehre der jüdischen Geistlichkeit antastend zurückwies, wurde ihm verboten, die Predigt zu halten. Da werden Weiber zu Hyänen. Wahrhaft grauenerregend soll das Kriegsgeschrei der germanischen Frauen ge- - wesen sein, die ihre Männer in die Schlacht begleiteten, so daß nur sturmerprobte römische Legionen dieser Abart des furor teutonicus standhalten konnten. Zweitausend Jahre nach Thusnelda haben die germanischen Frauen nur die Form, nicht das Wesen der Kriegsteilnahme geändert. Sie schleudern den Feinden statt wuchtiger Felsstücke schreckliche Gedichte entgegen. Während deutsche Männer im Weltkriege das bessere Teil'erwählten und statt zum Schwert zur Leier griffen, sich aber dieses Brauches später schämten, blieben ihre Schwestern in Apoll bis auf den heutigen Tag unbeirrbar, unbekehrbar. Noch immer gibt es welche, die poetische Schreikrämpfe bekommen, wenn sie des Pickelhaubenknaufs Vater Ludendorffs oder einer weißen Marinehose ansichtig werden. Gar schmählich trieben sie es kürzlich in der freien Hafenstadt Lübeck, als ..dort ein Kreuzer und mehrere Torpedoboote der deutschen Marine einliefen. Aus diesem Anlasse ergoß sich zunächst "'lyrisch Frau Else Horn in den Lübecker Blättern; sie fühlt „das Zittern der Kinderherzen", die „auch einmal weiße Hosen tragen wollen und flatternde Bänder an der Mütze und stramm stehen und vorwärts gehen, trotz Tod und Gefahr". Und dann wird ihr geheimster Wunsch offenbar: „Sagt es mir, meine blonden Jungen-daheim: Wann blüht der deutsche Frühling wieder?" Da die blonden Jungen hierauf keine ,Antwort wußten und ein Pazifist die Gegenfrage stellte, ob die Dame keine anderen Sorgen habe, fielen außer der Ow. Cossel *md Ilse Frank die berüchtigte Versfurie Ida Boy-Ed über de» Unglücklichen her. Sie schrieb ebenfalls in den Lübecker Blättern: „Eine sehr seltsame Erscheinung ist, daß eine große Anzahl, vielleicht sogar die meisten Pazifisten, Männer sind, die während des Krieges ungestört in ihren Berufen zu Hause lebten. Daß es unverehelichte Frauen sind, die im Kriege keinerlei Opfer brachten, die nun, wie z. B. Frl. Dr. Anita Augspurg, Frl. Dr. Gustava Heymann und andere, sich an^ maßen, für uns deutsche Frauen im Ausland im pazifistischen Sinne zu sprechen — wozu sie von niemanden beauftragt waren. — Unsere Stellung zum Kriege soll man uns germanischen Frauen nur überlassen." Es ist nur ein Glück, daß die Weiberleute im Kriege so wenig als in der Kirche etwas dreinzureden haben. Aber immerhin, vor dem Ausland darf sich Deutschland solcher „germanischen Frauen" schämen. Eine Pauke für Theodor Fritscb. Nr. 146 der vor den deutschen Reichstagswahlen hinausgegebenen „Aufklärungsblättei" trägt den Kopfvermerk „Nicht wegwerfen, weitergeben! und dann mit schreiend großen Lettern: „Ein totgeschwiegener Führer des deutschen Volkes". Nun, wir kommen dem Wunsche des Flugblätterverlages Walter Kramer in Leipzig nach, haben sem Druckerzeugnis nicht weggeworfen und geben es hier weiter, allerdings nicht in der Weise, die er gedacht hat. Zunächst müsen wir die dicken1 AufinachungSiWorte als eine dicke Lüge bezeichnen, wie alles aus antisemitischer Quelle Stammelnde«. Theodor Fritsch ist .durchaus kein totgeschwiegener, sondern ein.sehr lebendig geschriebener Führer, dafür hat er selbst von Nummer zu Nummer seines „Hammer" gesorgt und die gesamte Parteipresse hat im dabei geholfen. Wir haben Herrn Fritsch im begründeten Verdacht, daß die unter fremder Firma erschienene vorliegende Reklame eigenes Erzeugnis ist, denn nur aus seiner überreich versorgten Vorratskammer kann soviel Weihrauch gestreut werden. Auf vier Quartseiten, dererr erste mit dem Bildnis des Führers geschmückt ist, erfahren wir die genauesten Details aus seinem Leben und Schaffen, erfahren, daß Theodor Fritsch, der deutsche Müller, Sohn eines verarmten Bauern ist, der „durch betrügerische Geschäftemacher seinen Besitz verlor". Das waren offenbar keine Juden, sonst hätte Herr Fritsch diesen Umstand als Wasser auf seine Mühle benützt. Dagegen verschweigt Herr Theodor Fritsch keine seiner Erfindungen, auch die nicht, daß die arglistigen Juden (vielleicht auch „Welse von. Zion"?) alle seine technischen Neuerungen, sogar sein erstes Flugzeug, das sich später die Amerikaner Wright beibogen, nicht aufkommen ließen. Herr Fritsch revanchierte sich aber, indem er, ein deutscher Müller und Antisemit, Einsteins Relativitätslehre als Schwindel entlarve. Da es Herrn Fritsch eignet, über dem Ideale nicht das Geschäft zu vergessen, verzeichnet das „Aufklärungsblatt" auch sämtliche im Hammer- Verlag erschienenen Werke. Schließlich soll noch ein die Bescheidenheit dieses Mannes beweisender Satz wiedergegeben werden: „Das Leben Fritschs bestätigt die Lehre von der Geschichte, daß wahrhaft große Geister, die auf den Grund der Dinge sehen, nichts anderes als Judengegner sein können." Die Behauptung dahingestellt sein lassend, ist es keineswegs erwiesen, daß ein Judengegner auch ein großer Geist sein muß. Man sehe — Theodor Fritsch. Zwei Welten oder Berlin—Wien, Die „Jüdische Rundschau", das Zentralorgan der deutschen Zionisten, hat vor zirka sechs Wochen, als die „Hakoah" in Berlin am Sabbath spielte, ihrer Entrüstung über diese Taktlosigkeit Ausdruck gegeben. Die „Hakoah" scheint aber von dieser AeußerUiig des offiziellen deutschen Zionismus keine Kentnis genommen zu haben. Das beweist folgende Notiz in Nr. 44 der „J. R." vom 3. Juni: „Nochmals die „Hakoah". Am Sonnabend, den 31. Mai, spielte der Wiener zionistische Fußballklub „Hakoah" wiederum in Berlin gegen „Hertha"-B. S. C. und wurde mit 4:3 geschlagen. Wir nehmen von dem Spiel nicht deswegen Notiz, um diese Tatsache mitzuteilen, sondern um nochmals unserem Erstaunen über die wiederholte grobe Taktlosigkeit der „Hakoah" Ausdruck zu geben, die neuerlich am Sabbath ein Spiel absolvierte, trotzdem wir deutlich genug bei ihrer letzten Anwesenheit in Berlin betont haben, daß eine solch ostentative Verletzung des Gebotes religiöser Duldsamkeit, wie sie sich die „Hakoah" zuschulden kommen ließ, hier das peinlichste Aufsehen erregte. Wh* erwarten, daß sich nunmehr die Wiener zionistischen Instanzen mit dem sich schon zum zweitenmal wiederholenden Vorfall beschäftigen