Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 DIE WAHRHEIT sen, aber wie er das tat, das war kein Heldenstück, Piccolamini, pardon Prade! Üm diese Zeit waren nämlich 'die Wahlen für die Reichenberiger Handels- und Oewerbeikammer ausgeschrieben, die Besprechungen der Parteien hatten das Resultat ergeben, daß der langjährige Präsident Alois Neumann, dessen Tüchtigkeit und energische Leitung die Kammer auf ein höheres Niveau als die Wiener gebracht, sowie sämtliche Kammerräte, die wärmstens für die Interessen der heimischen Industrie und Gewerbe meistens erfolgreich eingetreten, wieder aufgestellt wurden1. Alle tschechischen und deutschen Wähler, selbst die deutschnationaler Gesinnung, hatten sich für diese Liste entschieden1. Statt nun im schönen Sprudelmühle im Kreise der Familie auf seinen Lorheeren auszuruhen, beliebte es dem Herrn Ex-Vizepräsidenten des Reichsrats, für seine Anhänger eine neue Wahlliste in die Welt zu setzen, auif welcher der Name Neumann inhibiert war, mit ihm alle nominierten Kammerräte, die dem Glauiben angehörten, dem Jesus von Nazareth und seine Jünger entsprossen. Diese jämmerliche Handlungsweise Prad'es halben aber, auch die verblüfften Wähler nicht als korrekt befunden, denn seine Liste wurde einstimmig ersetzt durch die Neuimanns und seiner Getreuen. Und dieser Prade, dem stets die Worte von der deutschen Treue, von deutscher Reinheit vom Munde trieften, wollte sich zum Richter machen, über die Beikenner eines alten Glaubens, deren Familiensinn unibestritten mustergültig und die durch ihre Verläßlichkeit sich durch Jahrhunderte des unbedingten Vertrauens von Päpsten, Kaisern und Potentaten zweier Weltteile zu erringen verstanden hatten. Nachdem aller guten Dinge drei sind, so will ich zu den eben vorgeführten zwei deutschböhroischen Herren einen dritten aus dem lieben Mährerland zugesellen, der jetzt in aller Mund ist. Es ist Dr. Gustav Groß, der Präsident der abgekrachten „deutschen Bodenbank". Zur Zeit des Liibraiismuis war er Direktor der Nordwestbahn und von den Iglauer Juden in den Reichsrat entsendet worden — als Dank hierfür fand er es, als Mitglied der Volkspartei zum Vorsitzenden des deutschen Schulvereiinä gewählt, für opportun, die jüdischen Mitglieder zum Austritt zu treiben, sie, die stets treu an ihrem Deutschtum hingen, hierfür Blut und Gold zum Opfer brachten urod sich auch der Feindschaft der Tschechen aussetzten. . So sehen die Männer aus, die durch mehr als ein Menscihenalter. vor diesem unseligen Kriege mit flammenden Worten die Menge betört, denen jedoch, wenn sie zur Maoht gelangt, das Deutschtum völlig Hökuba war und die in der Nähe des allerhöchsten Hofes ihre Genickstarre verloren. Was haben diese tristen Heroen erreicht? Sie waren nur mit Handlanger zum Ruin eines blühenden Staates und Gemeinwesens, sie sind schuldtragend an der Vergiftung der Volksseele. Nun kam nach dem Kriege noch die iürehter- Mchie Verrohung der Jugend und seitdem wuchert die Judenverhetzung wie Schierling durch das Lnd. Wenn nicht seitens der kompetenten! Kreise das Nötige geschieht, was zur Gesundung des VoJkskörpers führen kann, so wird schwerlich diese Pest, die Kaiser Friedrich III. als die Schande des Jahrhunderts . bezeichnet, aus den Ländern der östeTreichischen Republik weichen. Das wahre Judentum. Im Rahmen, eines Referates über inneriüdische Fräsen in der Hauptversammlung des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt Dr. Ismar Freund eine glänzende geistvolle Rede, die so bedeutsam auch für unsere Wiener Verhältnisse ist, daß wir sie nach ihrem Hauptinhalte übernehmen. Nach -den einleitenden Worten, ob und wie der Kampf der deutschen Juden gegen den Antisemitismus erfolgreich geführt werden könne, sagt Dr. Freund: Was ist nun wirklich „Judentum"? Das müssen wir nicht nur dem Gegner klarmachen, sondern vorher und vor allem uns selber. Das ist unsere größte Aufgabe: uns zu Juden zu machen, uns mit Judentum zu erfüllen. Wir müssen dazu das Judentum inventarisieren, und zwar unter dem Gesichtpunkt, den unsere Gegner uns aufzwingen: nämlich unter dem der Apologetik. Wir müssen das Positive des Judentums zusammenfassen in einem großen Sammelbecken. Wir müssen ein apologetisches Archiv schaffen: das heißt eine Zusammenstellung alles dessen, was das Judentum bedeutet, nach unserer Auffassung und im Bilde der Gegner, in der Gegenwart, in der Vergangenheit und durch alle Zeiten; eine Sammlung alles dessen, was Judentum ist und was über Judentum gesagt und geschrieben wurde. Das Material dieses Archivs müssen wir zu wissenschaftlichen Werken, zu Flugschriften und zu Lehrbüchern verarbeiten. Wir müssen es insbesondere stellen in den Dienst einer systematischen jüdischen Erziehung unserer Jugend. Nicht zu Unrecht wird über den jüdischen Religionsunterricht geklagt. Die Schuld trifft nicht den Lehrer, es fehlt einfach an dem geeigneten Rüstzeug. Wir müssen dieses Rüstzeug systematisch zusammentragen und zu einem Lehrbuch verdichten, welches uns das Judentum in seiner ganzen Bedeutung und in seiner ganzen Tiefe klarmacht. Dann werden unsere Kinder imstande sein, sich gegen die Anwürfe von Mitschülern zu verteidigen. Dann werden sie in dem Religionsunterricht einen Zweck und ein Ziel sehen; dann wird der Religionsunterricht diejenige Atmosphäre finden, die allein ihn fruchtbar macht. Diese Arbeit muß geleistet werden und jeder einzelne Jude muß sich darüber klar sein, daß heute Jude sein mehr denn je bedeutet, Kämpfer zu sein. Wir brauchen j ü d i s c h e~ Persönlichkeiten. Denn es gibt keine wirksamere Abwehr des Judenhasses, als daß unsere Juden wirklich Juden sind. Wer in seinem Leben wahrhaft von jüdischem Geiste erfüllt ist, wird mit seinem Tun und Lassen den Gegnern keinen Angriffspunkt geben. Wir brauchen die „jüdische Persönlichkeit" auch deshalb, weil die Belastungsprobe für das Judentum ungeheuerlich sein wird. Und wir brauchen zum dritten die jüdische Persönlichkeit, weil sich im Judentum der Gegenwart etwas vollzieht, was von historischer Bedeutung *ist, nichts anderes nämlich als eine Wiedergeburt des Judentums. Ihr Träger ist unsere Jugend, die von einem heißen, lodernden, jüdischen Idealismus erfüllt ist. Wir müssen dafür sorgen, daß die Sehnsucht unserer Jugend nach Judentum Nahrung findet; sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn * diese jüdische Sehnsucht sich Ziele und Wege sucht, die uns nicht passen und unserer ehrlichen Ueberzeugung nach der Geschichte, dem Wesen und den Quellen des Judentums zu^ wider sind. Ich komme zu dem Problem: Nationaljudentum und Religionsjudentum. Auch dies wird beeinflußt von außerjüdischen. Vorgängen. Ich bin der Ansicht, daß uns eine etwa kommende Rechtsregierung nicht allzusehr zu schrecken braucht. Es wird sich auch hier die alte Erfahrung bewähren, daß man eine unverantwortliche Opposition nicht schneller mundtot machen kann, als wenn man sie mit der Verantwortung behaftet. Die außerpolitischen Notwendigkeiten werden jeder Regierung, welcher Herkunft auch immer, das Gepräge des Handelns diktieren, wenn nicht das Chaos über uns kommen, soll. Auch die Rechtsregierung wird die alte preußische Tradition hochhalten und für Ruhe und Ordnung sorgen müssen. Wo aber für die Ordnung Sicherheit geboten ist, ist auch unser äußerliches jüdisches Schicksal nicht gefährdet. Eine Gefahr für die Zukunft sehe ich nur darin, daß die Reaktion die Möglichkeit erhält, zu argumentieren: Es geht