Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 26 Partei einen Mann zu finden, der 'durch irgendeine hervorragende Tat fürs Vaterland oder das Deutschtum sich verdient gemacht hat. Die Beschimpfung dier Juden ist doch kein Kuinsfcsttick, zumal diese sitets bewiesen, welch ungemein tüchtige Köpfe sie sind. Alles nimmt ein Ende, auch der ominöse englische Handelsvertrag' trat endlich außer Kraft und nun begann eine Rührigkeit non plus ultra in den Industriekreisen Böhmens, Mährens und Schlesiens. Auch die Tschechen traten wacker auf den Plan und nun gab es wieder auch ein gemütlicheres Zusammenilelben der beiden Nationalitäten. Aber lange sollte das Glück nicht währen, Wotan und1 St. Georg von Zwettl demonstrierten heftig dagegen, in den Prager Bierkneipen entzündeten sich die Hitzköpfe, sie wollten die Sendlinge ihres Geistes, die statt an das Volk mir an sich dachten. „Heil und Sieg der Völkischen — Pereat den Tschechen!" Wie kriegt man aber ein Mandat? Ganz einfach, wieder wurde die Hepp- Hepp-Melodie angestimmt, den Juden nicht nur in den Gesang-, Turn- und GeseHigkeitsvereiinen höflichst die Türe gewiesen, sondern auch judenreine Gasthäuser verlangt. Der Bierkonsum erreichte damals kolossale Dimensionen, denn bekanntlich tranken die alten Deutschen immer noch eins^ ehe sie gingen. Der Siegfried dieser Partei, auch ein Reichenberger KincL. war Karl Hermann Wolf, ein flotter Bruder Studio auf der Prager Aula, damals mit den Söhnen der jüdischen Industriellen', tew. der Zuckerbranche eng befreundet, zu denen er, „älter und erfahrener" geworden, in späteren Jahren reuig zurückkehrte. Bald waren die jugendlichen Freundschaftsgefühle jedoch verraucht, denn in seinem Organ, der „Ostdeutschen Rundschau", besaß er ein Arsenal voller Giftpfeile, das Judentum zu schmähen, zu verletzen; weniger Wert wurde auf Wahrheit, metir auf Gemeinheit gelegt und wollte diese Zeitung mal „nobel" sein, so ließ sie deff beiden Deutschen Bartels und Chamberlain das Wort. Das muß aber zugestanden werden, Wolf war ein famoser Redner, er konnte die Jugend mit sich fortreißen •—i keitt Wunder, wenn man der Sohn eines solch liebenswürdigen Vaters war, wie es der Herr Bürgerschuldirektor Wolf gewesen. Wir liebten alle den alten Herrn mit dem blondgrauen Lockenhaar, der allabendlich attf ein Stündchen in einer Delikaitessenstuibe am Reichenberger Markt erschien. Auf charmanteste Weise wußte er durch Erörterung der Tagesneuigkeiten uns zu fesseln. Der Politik seines Sohnes stand er feindlich gegenüber. Den höchsten Triiumpf feierte K. H. Wolf, der Führer der Deutsch-Völkischen, durch sein Duell! mit dem Ministerpräsidenten Grafen Badeni, der bald; darauf schmählich abdanken mußte. Nun gab's in Oesterreich zwei große Parteien, die, nachdem bei der Regierung nach wie vor die Tschechen Liebkind waren, für die Rechte der bedrängten Deutschen eintreten sollten, sich jedoch selbst befehdeten. Kam's doch., so weit, daß „der Knabe. Karl" dem Prade zu gefährlich zu werden begann, dieser seine Würde als Vizepräsident des Reichsrats niederlegte und auszog, um Wolf in Böhmens Gefilden im Wahlkampf zur Strecke zu biittigen. Zu diesem Zweikampf kam's jedoch infolge des bekannten Abenteuers dies Helden Siegfriledi-Wolf mit; dsr Tochter seines Gönners nicht. Wotans hehre Gattin, die Hüterin des häuslichen Herdes, ward erzürnt und vergebens*suchte Prade seinen Gegner auf der Walstatt — er war nicht dia. Mit diesem Triumph jedoch nicht zufrieden, wollte er, gleich Siegfried-Wolf, sich auch als Held bewundern lassprünglichen Bestimmung dient. Die Elektrische führt nach verschiedenen Richtungen weit hinaus ins Grüne von unübersehbarer Weite, da es in der Umgebung keinerlei Berge gibt; da ist in einem Park ein Hügelchen von 10 Metern Höhe, welches schon als Aussichtspunkt dient, und in der Nähe ist ein Berglein von 60 Meter, sage sechzig Meter, das in der Bevölkerung die anspruchsvolle Bezeichnung — der Rigi — führt. Gehen wir nun zur Kenntnisnahme der speziell jüdischen Verhältnisse über. Die neuere Geschichte der Gemeinde beginnt eigentlich mit dem Jahre 1848, in welchem es den Juden überhaupt erst erlaubt war, den Wohnsitz in Lübeck aufzuschlagen. Bis zu dieser Zeit wohnten die Juden in dem nahen Oertchen Meislmg,wo sich noch gegenwärtig der jüdischeFriedhof befindet Die große, schöne Synagoge wurde erst im den AcMzJgerjahren erbaut. Sie ist ein großer, schöner Rohziegelbau, mit" der Front der Straße zu, von der sie ein schöner Vorgarten trennt. Wenn man die geräumige Vorhalle betritt, ist rechts der Eingang in eine kleine Synagoge, in der im Winter gebetet wird und sonst an Abenden Schiurium gehalten werden; links ist der Eingang in eine große Garderobe, wo sich zu Hunderten Hutschachteln mit Bezeichnungen der Eigentümer befinden^ da an den Sabhath und Feiertagen die Synagoge von den verheirateten Baalebattim nur mit dem Zylinder auf dem Kopfe betreten wird. Das Innere der Synagoge ist weihevoll und würdig gestaltet, dem besonders das reich geschmückte Oraun-ihlakodesch, ein kleiner Rundbau nach vorne, von der hohen Kanzel und dem sich anschließenden Vorbeterpult begrenzt, einen besonderen Eindruck verleiht. Auch bei dieser heiligen Lade ergießt sich durch das vielfarbige Fenster, welches in derselben angebracht ist, ein Lichtstrom, der, wie bereits einmal erwähnt, einen herrlichen Eindruck hervorbringt, besonders wenn beim Ausheben der Thora die stirnmbegabteii Männer der Gemeinde das Wajehi im Chor absingen und während' dieser Zeit die Türe der Ladie weit geöffnet bleiben und die Sifre-Thauro kostbar geschmückt in verschiedenen Farben erglänzen. Vom Vorlesen der Thora ist manches Hochinteressante besonders zu erwähnen. Vor allem wird die Vorlesung nicht von einem bezahlten Beamten vorgetragen, sondern, wie es sonst in keiner anderen größeren jüdischen Gemeitode sein dürfte, von einem hervorragenden Mitgliede der Gemeinde, das sich rein leschem Schomajim am Sabbath und Feiertagen dieser nicht wenig mühevollen physischen und geistigen Arbeit unterzieht; das Ausrufen und das Segenerteilen (Mischeberach) wird selbtverständlich vom Kantor durchgeführt. Hierbei muß bemerkt werden, daß dieser freiwillige Baal-Kore, der, nebstbei gesagt, in seinem Privatleben ein angesehener Bankier ist, sein Pensum mit einer Treifsicherheit und mit einer melodiösen Stimme ausführt, wie es mit einer solchen Vollkommenheit selten in einer Gemeinde schöner und besser gehört wird. Die Form des Mischeberach ist auch eine eigenartige, wie ich sie sonst in keiner anderen Gemeinde noch bemerkte. Bekanntlich lautet derselbe bei uns folgendermaßen: Wer ge> segnet hat unsere Vorväter Abraham* Jizchäk und1 Jakow, dier segne N. u. N. folgen die Namen der Personen, denen der Aufgerufeneden Segen erteilen lassen will, wofür der zur Thora Aufgerufene diese oder jene Summe für irgendeinen wohltätigen Zweck spendet. In Lübeck ist die Fassung des Mischeberach eine ganz andere, sie lautet: Wer gesegnet hat unsere Vorväter Abraham, Jizchak und Jakow, der segne den zur Thora Gerufenen, der da für das Leben („lechaje") der N. u. N. usw., die Namen der Personen, die der Aufgerufene' gesegnet wissen will, eine Summe spendet. Auch von der Lithurgie ist etwas besonders Wichtiges, in den deutschen jüdischen Gemeinden allgemein Vertretenes zu erwähnen. Hiervon soll im nächsten Briefe die Rede sein.