Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE W AHRHEIT Seite 3 von unheilbaren Folgen sein würde. (Oh wie recht hatte der greise Gelehrte mit seinem Kassandra- Rufe!) Aber Kaiser Franz Josef beharrte auf seinem Willen. Die Majorität mußte geduckt werden und wurde es. Kaiser Franz Josef erklärte seines getreuesten Ratgebers Herbst Opposition als ein „faktiöse" und schließlich erhielt er den Gnadenstoß von Berlin aus durch die mokante Aeußerung des eisernen Kanzlers von der „Herbstzeitlose". Die liberale Partei hatte das Spiel verloren, aber nicht die Ehre. Den Hauptgewinn dieses mit großen Bluttropfen errungenen Triumphes der Habsburger hatten nur der ungarische Staat, einzelne Magnaten sowie österreichische Finanziers und Industrielle. Mit dem „Versöhnungs - Ministerium" des Jugendfreundies des Kaisers Grafen T a a f f e kam nun der Nationalitätenkampf arnmer mehr in dien Vordergrund und wurde seit 1897 zum Unglück der Deutschen in Oesterreich. Graf Taaffe regierte mit dem alten System, die Völker der Monarchie gegeneinander auszuspielen, was er selbst als ein „Fortwurschteln" bezeichnete. Goldene Zeiten gab es unter Taalfe nur für Galizien, vielmehr den polnischen Hochadel, auch den Tschechen ginig es nicht schlecht, bloß die Deutschen der Sudetengeniete hatten schwere Jahre durchzumachen, da die Herren Statthalter und Chefs der Bezirkshauptmannschaften sich blind dem Gebote ihres Gebieters fügen mußten. Kein Wunder also, wenn es wiederholt zu heftigen Streitigkeiten zwischen Deutschen und Tschechen kam. An diesen Reibereien war der Dünkel der Deutschen ihauptschuldtragend, die ihre Kinder nicht wie früher zu Gewerbsleiiten wie auch dem geistigen Stand heranbilden ließen, sondern auf die Universitäten nach Wien, Prag, Leipzig etc. zum Studium sandten. So nisteten sich mit der Zeit die Tschechen Gegenständen bis zur Absolvierung der Mittelschule und im jüdischen Wissen wird dabei Großes geleistet. Daneben existiert noch eine Jeschiwa in Harrtburg nach dem Frankfurter Muster, wie überhaupt das Talmudstudium sich nun in Deutschland immer mehr verbreitet und vertieft. Es gibt auch noch eine Dammthorsynagoge, ein Mittelding von Reform und Orthodoxie, die aber von den Frommen gemieden wird. Es ist auch eine Klaus da — nicht chassidisch zu verstehen —, eine kleinere Synagoge, der ein Bethamidrasch angeschlossen ist, wo ein Herr Doktor Bamberger Schiurim vorträgt, und die, wie ich mich überzeugt habe, sehr gut besucht wird. Es wurde gerade Jechskel mit Kommentaren vorgetragen und wie mir der Herr Lektor sagte, habe er schon fünfmal Tenach mit seiner Hörerschaft durchgenommen. Nach dem Tenach wird Talmudschiur vorgetragen: Nochmals — Frankfurt hat in Hamburg sein Abbild — Frankfurt hat gute Schule gemacht, damit ist alles gesagt VI. Lübeck, am Neumond des Siwan, 5684. In bezug auf Personennamen unterscheidet der Midrasch viererlei Arten; solche, bei denen zum Guten wie zum Schlechten Bezeichnung und Handlungsweise übereinstimmen, solche Namen, die schön klingen, während die Tätigkeit der Namensträger böse ist, endlich solche, bei denen der Name häßlich* die Handlungsweise jedoch eine schöne ist. Was hier der Midrasch von den Personennamen anführt, läßt sich auch von den Städtenamen behaupten. Als ich die Stadt Lübeck näher kennen lernte, erkannte ich, daß es eine Stadt sei, bei der Namen und Wesen zum Schönen übereinstimmen. Lübeck ist eine „liebe Ecke" im Aussehen und in ihrer inneren Entwicklung. Es läßt sich dort sehr schön und angenehm leben. Die Bevölkerung ist kultiviert, ruhig und weit entfernt von Gewalt und Rohheit, wie sie sich leider in der Nachkriegsals Schneider, Schuster, Tischler, Buchbinder etc. auch als Kooperatoren in Reichenbsrg und Gablonz sowie den anderen Städten und Gemeinden ein, brachten ihre Sippe mit und binnen kurzem wurden gut deutsche Gegenden tschechisiert. Früher wurden die deutschen Kinder ins Böhmische, die tschechischen nach Reichemberig geschickt, die Landessprachen zu lernen, oft blieben letztere ganz da und wurden ehrfbare deutsche Stadtbürger, das hörte sich nun auf. So etablierte sich ein Student Schamanek als Med.-Doktor in Reichenberg, wurde Schwiegersohn des Vizebürgermeisters und als Dr. Samanik der heißeste Agitator der Tschechen und ihr Führer in Reichenberg. Die Not war groß — und wie man deutlich sieht, sind die Juden daran nicht schuldtragend, im Gegenteil nach wie vor waren und blieben sie die energischesten Kämpfer für das Deutschtum sowohl in Prag, als auch in den deutschen oder zweisprachigen Städten (z. B. Turnau). Trotzdem suchte die die liberale Partei bekämpfende „Volkspartei" ihre Mandate nach Luegers Vorbild mit der so lidblichen, das Volk so leicht ködernden Hepp-Hepp-Melodie zu erlangen. In Reichenberg war es der Magistratsangestellte Heinrich Prade, der eine Zerstörung des Bürgerfriedens verursachte und die liberalen Sitze für seine Partei d'adurch errang, daß er gegen die liberale Großindustrie die durch den mit England abgeschlossenen Handelsvertrag notleidend gewordenen Tuchmacher und das; Kleingewerbe ausspielte. Pradie hat als Reichtstagsabgeordneter eine glänzende Karriere zurückgelegt, er wurde Minister, Vizepräsident des Reichsrats etc. Es dürfte dem seriösesten Forscher schwerlich gelingen, bei den Mitgliedern der deutschen Volkszeit in den einst kultiviertesten Städten entwickelt hat. Lübeck ist eine der drei großen Hafenstädte der einstigen Hansa, eingezwängt zwischen den zwei großen Welthäfen Hamburg und Bremen, hat aber doch seine Bedeutung im Verkehr mit Schweden und Dänemark sich erhalten und dominiert mit seiner Schiffahrt no^h immer über die Ostsee. Lübeck bildet eigentlich eine Insel, umgeben von der Trave und einem Kanal, die die Stadt vollständig mit schiffbaren Wasserläufen einschließen, und die großen, breiten, schönen und langgestreckten Qassen münden überall an den Ufern und sind von Lagerhäusern und Docks eingesäumt, von Kränen und Schiffen umgeben, die der Stadt ein lebhaftes Aussehen verleihen. Die Bevölkerung zählt beiläufig etwas über 100.000 Einwohner, unter denen es nur ungefähr 2000 Katholiken und 1000 Juden gibt; das Gros der Einwohnerschaft besteht aus Protestanten. Die Volkssprache ist plattdeutsch, aber die Aufschriften auf den Magazinen und Kaufhäusern sind, je näher sie sich dem Hafen zu befinden, zumeist schwedisch und dänisch. In der Stadt befinden sich acht große Kirchen, von denen nur eine den Katholiken gehört, und der Dom ist durch sein schönes Glockenspiel bekannt, welches jede halbe Stunde ertönt. Es gibt sehr viele althistorische Gebäude, die in ihrer Eigenart erhalten sind und der Stadt ein interessantes Gepräge geben. So das Burgtor mit seinem breiten, hochauistrebenden Turm im Norden und das groteske, von zwei breiten Türmen flankierte Holstentor, das den Weg zum großstädtischen Bahnhof beherrscht. Großartig ist der Eindruck, den man vom weitausgedehnten, gothisch gebauten, mit gedecktem Säulengange versehenem Rathaus erhält: nach innen bildet es die Breitseite des Marktplatzes, der von der gegenüberliegenden Seite vom großstädtisch angelegten Postgebäude flankiert wird. Eines der merkwürdigsten Gebäude ist das Schifferhaus, welches aus dem 45. Jahrhundert stammt und noch gegenwärtig seiner ur-