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Die Wahrheit · 1924-06-27 · Heft 26 (27.6.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 26 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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^$s%mm>ii mm$mmm Seite 2 DIE WAHRHEIT * Nr. 26 schuldig und wirklich ganz empört Ihr habt kein Recht zu dieser Empörung, denn ihr seid initsebuU diig. Bluthunde sind .schlimm, aber schlimmer sind jene, die sie reizen und hetzen. Eine bodenlos unsinnige, dabei moralisch grausam scherzende Abart der Menschenquälerei! Daß es Leute gibt, die sich zu dieser LeidenSzuifügung bereit finden1! Beschimpfung, Unteridrückunig, amoralische Mißhandlung eines Teiles der Bevölkerung durch einen anderen! Daneben richtet sich mein heftig bitteres Gefühl gegen die Zusehenden, die Geschehenlasser. Wie empörend ist der nicht erhobene Protest! Mein grollerfülltes, vorwurfsvolles Staunen wendet sich an jene, die alles anhören und dazu schweigen. Jener verhängnisvolle Denk- und Gefühlsfehler, daß der Zweck die Mittel heilige, veranlaßt die Leute, die »da glauben, daß die Judenchaft irgendwelchen wirtschaftlichen oder religiösen Schaden bringen könne, sich jedes Mittels zu bedienen, um den vermeintlichen Feind1 zu vernichten. Das ist Kriegsmoral! Und die anderen, die nicht selber Antisemiten sind, hören ruhig zu und lassen die wahrheitslosen Argumente und die Haßaufreizung ruhig gewähren. Judenbekärnpfung! Für die einen Hochmutssport, für andere eine Konkurrenzunterdrüökung, für manche „a Hetz", für die meisten ein gedankenloses Mittun einer (politischen Mode. Im Grund aber ein Autodafe. Vielleicht wird man sich mit der großen Pragerin näher vertraut machen. Daher verweise ich erstens auf die 'billige Volksausgalbe ihrer Hauptwerke (Berlin^ Verlag „Berlin-Wien"), zweitens auf die außerordentlich spannenden „Memoiren" der Suttner (Stuttgart 1909, Deutsche Verlagsanstalt), endlich auf meine eigene bioigraiphiisch-kritische Schrift „Berta v. Suttner, die Schwärmerin für Güte" (Dresden 1903, E. Piersons Verlag, 145 Seiten, 56 Pfennig). („Wahrheit", Prag.) Walter Riehls Glück und Ende. (Erinnerungen an deutschböhlmische Nationalheroen.) Von Sigmund Schönau. III. Gedenke, ich der liberalen Aera, so muß ich konstatieren, daß auch diese Volksvertreter, ihr hochbegabter Führer Dr. Herbst ausgenommen, zumeist Männer voll Hoffarit und! Engherzigkeit waren, die ihren jüdischen Mitbürgerin weder im Reichsrat noch im Landtag ein Mandat gönnten, dagegen mit Vorliebe von jüdischen Banken und Bankiers große Vorteile, von dem jüdischen Journalismus jedwede Unterstützung gerne entgegennahmen, daher ganz fälschlich als „Judemliberale" bezeichnet wurden. Aber das Volk lebte damals ruhig und; zufrieden. Ach, wir hätten sie noch länger ertragen, ^iese Reihe von schönen Tagen! Da kam plötzlich der rassisch-türkische Krieg, dann der Berliner 'Konigreß und von dort erschien Graf Gyula Andrassy in Wien mit dem Mandat der bosnischen Okkupation in seiner Aktenmappe. Nun begann der große Konflikt zwischen dem Herrscher und def Majorität des Reichsrats, der vereinigten Linken, deren Führer Prof. Edkiard! Herbst die Errungenschaft des ungarischen Minister des Aeußern als ein Danaergeschenk betrachtete, das für die1 Monarchie &spj| Feuilleton HiM Deutsche Reisebriefe eines Badeners (bei Wien). V. Lübeck, am 40. Tag der Sephira 5684. Nun geht es nach dem Norden. Um Frankfurt herum gibt es noch schöne Gebirgslandschaften. Näher nach Hannover verflacht sich das Landschaftsbild und über Hannover hinaus beginnt das Heideland. Die Nadelwälder verlieren sich.; es zeigt sich mehr Birkengehölz, das Weiß ihrer Stämme leuchtet heraus: es gibt. Moor- und Torfboden; hie und da schon eine Windmühle mit ihren in die Bläue des Himmels hinaufstrebenden Flügeln; aber sie bewegen sich nicht, denn es herrscht vollkommene Windstille. Auch die Bevölkerung zeigt sich in anderer Erscheinungsform. Es ist schon ein holländisches Milieu. In Gruppen schreiten die Arbeiterinnen hinaus aufs Feld, alle mit großen, weiß leuchtenden" Hauben angetan. Das Vieh dunkelrot und weiß. gefleckt, "die Schafe feist und dickwollig. Aus dem Grün derbuntgetupften Wiesen leuchtet das Ziegelrot der Dächer hervor und Sauberkeit blickt dem Beschauer überall entgegen — wir fahren stundenlang durch die Lüneburger Heide. Endlich nahen wir uns Hamburg. Fabriken häufen sich, Schlote über Schlote rauchen ihren Dampf empor; das Menschengewühl an den Stationen drückt und drängt sich der .großen - nordischen Metropole entgegen; ist es doch der größte Hafen Norddeutschlands und die zweitgrößte Stadt des deutschen Reiches. Von Harburg an beginnt schon der Bahnhof Hamburgs, Brücken über Brücken, Fähren über Fähren auf den die Stadt umringenden Gewässern und über alles hochragende Kräne, wie nicht minder aus der Ferne Segel und Masten der lagernden Schiffe. Wie lebhaft muß erst das Bild gewesen sein vor der Zeit des großen Weltkrieges. Endlich der Bahnhof; er ist dunkel und verraucht, und obwohl es heller Tag ist, hat man Mühe sich auszukennen. So groß auch die Halle ist, sie ist fehlerhaft angelegt, denn es herrcht eine erschreckende Dunkelheit. Von Hamburg selbst, was dort zu sehen ist, erübrigt sich wohl zu erzählen, das weiß man aus dem Baedeker. Das große technische Wunder des Elbetunnels, der gewaltige Hafen, die großen Schiffe, das kolossale Rathaus, die Börse, die gewaltigen Kaufhäuser, die Paläste lind Villen der Senatoren — und Patrizierhäuser — ein Weltstadtteil. Was mich auf der Reise interessierte, ist das jüdische Leben. Der Gesamteindruck des Hamburger Judentums — es ist ein getreues Abbild des Frankfurter Judentums, nur daß es sogar noch auch eine Synagoge mit portugiesischem Ritus besitzt. Aus der jüdischen Geschichte der neueren Zeit wissen wir, daß die Reformbewegung hier mit dem bekannten Tempelstreit begonnen hat. Es war in Hamburg der erste Reformtempel errichtet worden. Lange Jahrzehnte sah es danach aus, wie wenn die alte Synagoge ihr Leben ausgehaucht. hätte. Nun ist die Orthodoxie vertreten durch den Synagogenverband — dies der offizielle Titel. An das große orthodoxe Gotteshaus schließt sich ein mehrere Stock hohes Gebäude mit den Schulen der Talmudthora, das von dem Bankier Warburg, Teilhaber des Welthauses in- New York, erbaut wurde und gegenwärtig von einem der tüchtigsten und beliebtesten Schulmänner geleitet wird, nämlich von dem Rabbiner Dr. Josef C a r I e b a c h. Als ich einmal am Abend vorüberging, sah ich zahlreiche, S.chüler mit, Hacke und Spaten im Vorgarten tüchtig arbeiten. Das Lehrz'iel erstreckt sich in den profanen

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