Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Deaiscliösterrelclilsclie Wochenschrift ihr Jüdische Interessen Hit dem Beiblatt: ¥erötfenflldningen üer Itaion Redaktion und Administration: Wien O., HelnestfraOellS. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 27. Juni 1924. Nummer 26 Zum zehnten Todestag Berta v. Snttners. Von Leopold K a t s c h e r, Baron A. O. von Suttner und seine große Gemahlin, die „Friedens-Berta" (am 9. Juni 1843 kl Prag als Toohter des Feldmarschalls Kinsky, als Nichte zweier Generale -und als Großnichte des Klassikers und Schlachtensängers Theodor Körner geboren)- gründeten den Oesterreichischen Verein zur Abwehr des Antisemitismus. „Die Suttner," die am 21. Juni 1914 starb — zu ihrem Glück rechtzeitig, um den fünf Wochen später ausgebrochenen Massenwahnsinn der Menschheit nicht mehr erleben zu müssen — war weltbekannt als unermüdliche Vorkämpferin des Völkerfriedens. Weniger" aber als Judenfreundin. Da sie übrigens eine zielbewußte Verfechterin der Duldsamkeit und Brüderlichkeit," sowie eine Feindin jeder Unterdrückung und Verfolgung war, konnte sie nicht gut anders sein als judenfreundlich. Die Judenheit hat alle Ursache, sich dieser Erzverfechterin der Toleranz und Milde dankbar zu erinnern. Schon vor dreißig Jahren 'brachte die „Neue Freie Presse" (Wien) von ihr eine aufsehenerregende, packende, hochlbedeutende Appellstudie gegen die Judenhetze. In den herzzerreißenden „Briefen an einen Toten" (1905), welche das Andenken des verstorbenen Lebensgefährten feierten, ist das ganze Kapitel „Ingrimm" diesem Gegenstand gewidmet. Ihr Meisterwerk von 1888 „Die Maschinenzeit" („Vorlesungen im 24. Jahrh. über die zweite Hälfte des 19.") enthält wundervolle Ausführungen über diesen Anachronismus. Aber das glänzendste und ergreifendste zu dem Thema aus ihrer Feder, findet sich in den Kapiteln „Autodafe" und „Ihnen allen ins Gesicht!", des allereldelsten! ihrer Bücher: „Schach der Qual!", das entschieden zu den großartigsten Werken der ganzen Weltliteratur gehört. Auch sonst wendete sie sich häufig mit kraftvollen, aber niemals unfeinen Worten gegen den Unfug .„Antisemitismus". - Es ist . somit nicht übertrieben, zu behaupten, daß heutzutage, ein Dutzend Berta v. Suttners nur zu sehr am Platze wäre. Und nun lasse ich eine Reihe charakteristischer Stellen aus ihren Schriften folgen. Ein» Haus oder eine Scheune anzünden? Das ist JVlordbrennerei Aber zum Hasse schüren — das ist „nationale Politik". Eine Semmel entwenden? Diebstahl — Gefängnisstrafe! Durch die Boy&ottautfforderung „Kauft nicht bei Juden!", eine ganze Handelsklasse zugrunde richten wollen? „Parteitaktik!" Man versuche einmal eine Nummer eines antisemitischen Blattes nachzudrucken, dabei aber an die Stelle des Wortes „Jude", das Wort „Aristokrat" oder „Geistlicher" zu setzen — die Beschlagnahme ließe nicht auf sich warten und die Verfasser der betreffenden Artikel fielen als „gefährliche Subjekte" der Verachtung aller „Gutgesinnten" anheim. Diese angeblich „moderne" Bewegung gegen das jüdische Element ist durchaus keine moderne, dem Zeitgeist entsprechende Strömung, sondern im Gegenteil ein aus dem Schutt gegrabenes Stück Altertum, das besser verschüttet geblieben wäre. Meiner Uöber.zeugung nach versucht man da weit eher, den Strom aufzuhalten, ihm ein Hindernis in den Weg zu stellen, indem man aus den Blöcken halbverwitterter Ruinen ein Bollwerk aufzuführen bestrebt ist, an dem sich die Flut des Fortschrittes •brechen soll. Ein Gemenge von mystischer Gelehrtheit, stramm schneidiger Rücksichtslosigkeit und gewollter^ Brutalität, zeichnet diese Schule aus (Chamberlain, Gobineau und Konsorten). Aller nationale Haß und nationale Dünkel, diese zwei widerlichsten Erscheinungen unseres politischen Lebens, nähren sich von jener Methode und führen ihr neue Nahrung zu. Kischinewpogrome — ein des finstersten Mittelalters würdiges Gemetzel! Dir, A. G., dem streitbaren Gegner des Antisemitismus, würde diese barbarische Orgie doppelt wehtun. Dein Zorn wäre wieder aufgeflammt, aber nicht nur gegen-die dortigen Fanatiker, sondern auch gegen alle Gleichgültigen und Verständnislosen, die, wenn solche Wildheiten ausbrechen, zwar voll Entrüstung sind und für die Hinterbliebenen der Totgeschlagenen Almosen spenden, für dein Verhütunigswerk aber nur Achselzucken hatten. O, die Entrüstung war auch bei unseren eleganten Judenhassern allgemein. „So etwas ist barbarisch", sagten sie, „so weit sollte es nicht kommen. Ich möchte keine Juden ums Leben bringen, nur leiden mag ich sie nicht". Winzige Scheite her beigetragen zum Scheiterhaufen. Zündstoff in kleinen Atomen sammeln: das tut ihr; aber vom Anzünden und Aufflammen wollt ihr nichts wissen — das besorgen nur „rohe Fanatiker", ihr seid daran un-