Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 25 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seite 9 gegebene Erklärung zum Inhalt hat. Dies ist um so mehr zu begrüßen, als das in Rede stehende Gerücht trotz oder vielleicht wegen der wiederholten Für- und Gegenerklärungen im „Morgen" und in der „Morgen-Zeitung" immer weitere Kreise zieht und es in Anbetracht des öffentlichen politischen und publizistischen Wirkens Dr. Strickers ungemein notwendig ist, endlich einmal festzustellen, ob der Inhalt des Gerüchtes wahr sei oder nicht, eine Frage, die beim Ehrenbeleidigungsprozeß vom 14. d. M. nicht geklärt wurde, weil das Gericht keinen Anlaß sah, darauf einzugehen. Gemeindewahlen in Polen. In den meisten polnischen Provinzgemeinden fanden die Wahlen in den Gemeindevorstand in der ersten Juniwoche statt. Das vereinigte Komitee der religiösen Juden hat einen großen Sieg errungen. Nach den statistischen Ziffern, welche der orthodoxe „Jud" veröffentlicht, wurden von 721 neugewählten Vorständen 417 Agudistcn (59 Prozent), 58 von anderen unparteiisch religiösen Gruppen (7 Prozent), 22 von der speziellen Liste der Radomsker und Alexander Chassidim (3 Prozent), ferner 77 Handwerker (11 Prozent), 101 Zionisten (14 Prozent), 24 Misrachisten (3 Prozent) und 6 Volkisten (1 Prozent) gewählt. Der „Jud" zieht eine Bilanz aus den ersten Wahlresultaten, die für die Aguda und den religiösen Block günstig ausgingen. Das führende orthodoxe Organ sagt, daß die verschiedenen Parteien mit klarem Programm in den Wahlkampf eingetreten seien. Die Propaganda wurde von den Gegnern mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln geführt. Besonders die Aguda und ihre Führer wurden mit den häßlichsten Waffen bekämpft. Trotzdem entschied die große Masse der Wähler für den religiösen Wahlblock, der den religiösen Charakter der jüdischen Gemeinden auf sein Programm gesetzt hat. Der jüdischnationale „Tog" in Wilna gibt offen seinem tiefen Schmerz über den Sieg des religiösen Blocks Ausdruck, der gleichbedeutend mit dem Niedergang der jüdischen Gemeinschaft sei. Zu Rathenaus Todestag. Im ..Völkischen Kurier" schreibt ein Hauptmann Tröbst, daß die Geheimnisse des Mordes an Rathenau noch immer nicht restlos aufgeklärt seien: er deutet an, die Juden hätten ein Interesse darari, daß diese Dinge geheim bleiben und stellt die Frage: „Sollte das internationale Judentum doch nicht etwa ganz unbeteiligt an der Beseitigung seines besten Sohnes gewesen sein?" Ist es zwar Wahnsinn, hat es doch Methode. Schaumschlägerei. In Neurumänien, dem von Ungarn abr gerissenen Länderteil, haben sich entsetzliche Judenverfolgungen nach Muster der finstersten Zarenherrschaft ereignet. Mord, Totschlag, Plünderungen und Brandlegungen, die ganze Garnitur des Pogroms trat in Erscheinung. Nachdem sich die menschlichen Bestien genügend ausgetobt hatten, beruhte der rumänische Ministerpräsident Bratianu die Präfekten der betreffenden Provinzen über das Geschehen referieren zu lassen. Die Herren wuschen natürlich ihre blutigen Hände in Unschuld. Das wäre noch begreiflich. Unerhört und unverschämt aber benahm sich Prinz Bibesco, rumänischer Gesandter in Washington, der die jüdische Telegraphenagentur zu einem Dementi mißbrauchen wollte. Der edle Prinz weiß natürlich von Washington aus, was sich in seinem neuen Vaterlandsgebiete ereignet hat. Mit solchen Schaumschlägereien wird die Kulturwelt nicht hinters Licht geführt werden können. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die rumänische Greuel von den Erwachenden Ungarn in der Bukowina und Siebenbürgen ausgingen und sich der wohlwollenden Neutralität, wo nicht gar des Schutzes der rumänischen Soldateska erfreuten. Jüdische Kundgebungen für Dr. Seipel. In der letzten Plenarsitzung der Wiener israelitischen Kulutsgemeinde wurde auf Antrag des Präsidenten Prof. Dr. Alois Pick eine Kundgebung für den durch das Attentat des Arbeiters Jaworek schwer verletzten Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel beschlossen. In der Kundgebung wird gesagt, der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde verurteilt mit innerster Empörung das Attentat und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß der Bundeskanzler seine dem Frieden und der Wiederaufrichtung Oesterreichs gewidmete Tätigkeit bald wieder aufnehmen könne. Ebenso haben der geschäftsführende Ausschuß der Agudas Jisroel und deren österreichische Landeszentrale an den Bundeskanzler ein herzliches Schreiben gerichtet, in welchem sie ihrem Schmerze über das fluchwürdige Attentat Ausdruck gegeben und dem Bundeskanzler die innigsten Wünsche für seine Genesung ausgesprochen haben. Theater, Kunst u. Literatur Ernst Toller, Das Schwalbenbuch. Gustav Kiepenheuer-Verlag, Potsdam 1924. Kaum sind die Wogen der Erregung, die Philistergezeter über den „deutschen Hinkemann" hochgehen ließen, ein wenig zur Ruhe gekommen, so schenkt uns der Dichter schon wieder ein neues Werk. Gegenüber jenem Buche, das voll ist von rasendster Anklage gegen unsere ganze Zeit, bedeutet der vorliegende Hymnus ein Hineinflüchten der Seele in eine andere Welt. In der Zelle Toller's, in die ihn die Kurzsichtigkeit bayerischer Politiker nun seit Jahren gebannt hat, nisteten einen Sommer lang Schwalben. An sie richtet er diese Verse, die uns aufs neue zeigen, daß dieser deutsche Dichter jüdischen Stammes zu den ganz Großen unserer Zeit gehört. Vielleicht ist es ein Kulturdokument und kann dem späteren Historiker unserer Tage ein wertvoller Hinweis sein, wenn der Verlag gezwungen wurde, diesem unpolitischen, menschlich so rührenden Werke die folgenden Zeilen voran zu schicken: „Die Korrekturen zum „Schwalbeubuch" sind vom Verfasser nur unvollständig geprüft worden. Die Niederschönfeldsche Festungsverwaltung hat die hier gedruckte Fassung beschlagnahmt, „da sie eine Reihe von Stellen enthält, deren Verbreitung dem Strafvollzug Nachteile bereiten würde.'* Jetzt im Sonnner, wo man das Bedürfnis hat, weit draußen im Grünen all das Quälende unserer Zeit zu vergessen, nehme man diese herrlichen Verse hinaus und *usse sich irgendwo, am Rande einer grünen Wiese liegend, hinauftragen in ein Reich ewiger Schönheit. Der Genius Toller wird von seinen Freunden stets gewürdigt werden, mögen auch schwachsinnige Menschen ihn verlästern und nach Möglichkeit in seiner Schaffenskraft beengen. Dr. W. C. Aladär von Boroviczeny: ..Der König und *ein Reichsverweser*', Verlag für Kulturpolitik, München. Preis broschiert G.-M. 7.—, in Halbleinen G.-M. «N.50. Im Mittelpunkte dieses Werkes, das ohne Zweifes zu dem Ersehütternsten gehört, das die gesamte Memoirenliteratur hervorgebracht hat, stellt Exkaiser Karl von Oesterreich und der gegenwärtige Königs-Regent von Ungarn, Horthy. Noch nie ist die Rolle dieses Verräters mit so vernichtender Klarheit dargestellt worden, wie in diesem Buch, das nachweisen will, daß auf Horthy allein das Scheitern der Restaurationsversuche zurückzuführen ist. Nach den Mitteilungen ßoroviczOnys, des diplomatischen Beraters Karls, der die Reise im Aeroplan nach Ungarn vorbereitet und selbst mitgemacht hat, steht fest, daß der Kaiser zwar die Unterstützung einer Großmacht wie Frankreich hattj, und daß ihn nur die Gewehrkugeln des Reichsverwesers von dem Throne zurücktrieben, den er selbst innehalten wollte. So ergibt sich aus Schilderung, Akten, Erlebnisseti und autheut'sehen Dokumenten der alte, tragische Kampf um die Macht zwischen dem Herrn und dem hochgekommenen Diener. Alle dabei sich von selbst ergebende Ro- 'mantik, stärkste Spannungen und abwechslungsreichste Episoden machen Boroviczenvs Buch zu einer Lektüre, die nicht nur den forschenden Geschichtsfreund, sondern überhaupt jeden die Zeit Miterlebenden vom Anfang bis zur Schlußseite fesseln muß. ohne ihn auch nur einmal loszulassen. Abwehrschriften. Das muß man den Deutschen im Reiche nachsagen, sie machen ganze Arbeit, auch in der Politik und da solche h-mte sich fast ausschließlich um die Judenfrage dreht, folgt den konzentrischen Angriffen planmäßige Abwehr. "Während jene aber die Kampfweise der Leidenschaft, Lüge und Borniertheit anwenden, geht diese taktisch viel geschickter mit Argumenten der Wahrheit und logischen Beweisführung ans Werk. Solcherart gehalten ist das „Abwehr-ABC, herausgegeben vom „Verein zur Abwehr des Antisemitismus"', Berlin 35, Fiottwellstr. 7. Der Titel ist sehr bescheiden gewählt, denn dieses ABC ist ein förmliches Vademccum. das Auskunft 'über alle judenfeindliclien Organisationen Deutschlands und deren höhere Persönlichkeiten gibt, denen die Maske des Idealismus abgerissen und meistens nachgewiesen wird, daß sie nicht nur moralisch defekt, sondern auch wegen gemeiner Verbrechen mit Kerkerstraren bemakelt sind. — In ähnlicher Weise, nur noch systematischer und ausführlicher gehalten ist S. Stern's „Angriff und Abwehr", ein Handbuch über die Judenfrage, im Berliner P h i 1 o - V e r l a g 1924 erschienen. Dieses kleine, aber sehr inhaltsreiche Büchlein geht von den Anfängen des deutschen Antisemitismus aus und widmet den Erscheinungen der Gegenwart eine Aufmerksamkeit, die von