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Die Wahrheit · 1924-06-20 · Heft 25 (20.6.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr.'36 Der Kanzler absolut — wenn er unseren Willen tut. Im Tiroler „Nationalsozialist", einem der inferiorsten Hakenkreuzblätter, vergießt ein Armer im Geiste Krokodiltränen über den Bundeskanzler S e i p e 1, dem Opfer des roten Terrors. Nebenbei erwähnt: Es ist sehr merkwürdig, daß die früheren schonungslosesten Angreifer des Bundeskanzlers nach dem auf ihn verübten Attentat als die reinsten Waisenknaben an Harmlosigkeit erscheinen möchten. Niemand hatte etwas gegen die Partei dieses bedeutenden Mannes; nur sein System wurde bekämpft — sagen, vielmehr schreiben die von rechts und links. Es sei.dahingestellt, ob Reue, ein Rest von Scham oder Verantwortlichkeitsbewußtsein solche Erklärungen diktieren. Beim „Nationalsozialist" scheint ein anderes im Spiele. Diese Blüte des papierenen Antisemitismus hat es auf die Seelensanierung des Bundeskanzlers abgesehen und möchte ihn für die Pläne und Ziele des Nationalsozialismus gewinnen. So wird in beweglichen Worten über das Unheil des roten Terrors geklagt. Ausgerechnet von einem jener üesellen, die bei politischen Meinungsverschiedenheiten mit dem Revolver argumentieren. Wer gefährdet die Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Staates und des hannlosen Hakenkreuzlers? Der „Nationalsozialist" ist flugs mit der Antwort zur Hand: die Marxisten und Juden. Beides geht auf eins hinaus und folglich müssen beide unschädlich gemacht werden. „Wenn nur dem Dr. Seipel auf seinem Krankenlager die Erkenntnis aufginge, daß man den heutzutage ganz terroristisch eingestellten Marxismus nicht durch sanfte Predigten, aber auch nicht durch donnernde Entrüstung, sondern einzig und allein mit seiner eigenen Waffe: Terror gegen Terror!. bekämpfen kann und wenn er dann nach seiner Genesung diese Erkenntnis in die Tat umsetzt — so hat das Attentat für Oesterreich gewiß sehr nützliche und segensreiche Folgen gebracht. Und wir können dem Bundeskanzler versichern: so sehr wir Genf immer bekämpfen werden, in diesem Falle werden wir als treue Bundesgenossen auf seiner Seite stehen." So weit alle Welt den Bundeskanzler Dr. Seipel kennt, wird er um den Preis der nationalsozialistischen Waffenbrüderschaft sich kaum zum gewaitätigen Absolutismus bekehren. Ludendorff als Schlangeuniensch. Der Nationalheilige der gesamten völkischen Rotte, dem schwere Schuld und Kriegsverbrechen nachgewiesen wurden, läßt sich nicht daran genügen, daß der Troß seiner Pressehörigen an ihm vergebliche Mohrenwäsche übt. Der Edle besorgt das gleiche Geschäft als Wanderredner mit Vorliebe im katholischen Süden Deutschlands, denn dort sitzt fest und kaum erschütterbar das unbedachte Wort vom Schädling des deutschen Volkes, gemeint war das katholische Zentrum. Bei dem Umstand, daß namentlich in Bayern diese politische Partei den stärksten Anhang hat, will es Held Ludendorff, zumal ihm jetzt als Reichstagsabgeordneter von ihr hart zugesetzt wird, dort mit ihr auf ein halbwegs leidliches Verhältnis bringen. So hat er ausgerechnet in der alten Bischofsstadt Bamberg auf dem dort stattgefundenen Deutschen Abend sich gegen bisher unwiderlegte Beschuldigungen krampfhaft zur Wehr gesetzt. Es ist fast mitleiderregend, wie der alte Schwätzer sich als Schlangenmensch wand und krümmte. Der geistliche Studienrat Schulte- Hubbert hatte in einer Zentrumswahlrede die entsetzliche Anschuldigung erhoben, Ludendorff habe im Kriege in seiner Abneigung gegen die Katholiken vorzüglich katholische Regimenter in die heißesten Kämpfe geschickt. Der geistliche Studienrat Schulte-Hubbert dürfte wohl glaub- und vertrauenswürdiger sein als der mit allen monarchistischen Salben geschmierte Schlachteriverlierer, der sich in Bamberg noch unglücklicher verteidigte als an der Maas und Marne. Er drückte sich um die furchtbare Anklage des geistlichen Studienrats hilflos verlegen mit der Erklärung: „Ich habe immer den Standpunkt vertreten, daß es keine katholischen und protestantischen Soldaten, sondern nur deutsche Soldaten gibt." Klingt das nicht wie ein Plagiat an seinem ehemaligen allerhöchsten Herrn und Meister und dessen Rattenfängerrede vor. .Kriegsbeginn: „Ich kenne keine Parteien, nur Deutsche." Ebenso vergeblich waren die Schlangenwindungen, um Kardinal Faulhaber abzuschütteln, der bekanntlich mit Bezug auf den Katholikenfeind Ludendorff sagte: „Kommt die Stunde, wo man wieder Hunderttausende braucht zum Totschießen, dann wird man Frieden mit den Katholiken schliessen". Darauf bemerkte der Hitler-General: „Das Vaterland braucht die Soldaten zur Verteidigung der höchsten Güter, nicht zum Totschießen". Wie doch? Im frevelhaft heraufbeschworenen Weltkrieg brauchte man auch die deutschen Soldaten angeblich zur Verteidigung der höchsten Güter, wobei Millionen zu Tode oder zu Schaden geschossen wurden. Armer Ludendorff! Auf der Rednerbühne macht er sich fast so kläglich wie auf dem Schlachtfelde. Kurbad Tiberias. Aus Jerusalem wird gemeldet, daß eine Anzahl jüdischer Kapitalisten wegen Uebernahme'der Konzession auf die heißen Quellen in Tiberias mit den jetzigen Konzessionären, die Araber sind, in Verhandlungen steht. Der Uebernahmspreis beträgt 100.000 Pfund. Die Entwicklung Tiberias soll unter Berücksichtigung der modernen Badeerrungenschaften erfolgen; man hofft, es zu einem weltbekannten Badeort zu machen. Die Heilkraft der Quellen ist von medizinischen Fachleuten bestätigt worden, die die Quellen vom therapeutischen Standpunkt als die wertvollsten der Welt bezeichneten. Frau Rebekka Schweitzer aus New-York, die Witwe des früheren Schatzmeisters der amerikanischen zionistischen Organisation, Peter Schweitzer , hat beschlossen, auf den Namen ihres verstorbenen Gatten ein Hospital in Tiberias zu errichten. Ehrenbeleidigungsprozeß Stricker kontra Bettauer. Vor dem Strafbezirksgericht I. fand Samstag, den 14. d. M., die Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungsklage statt, die der ehemalige Abgeordnete und Herausgeber der „Morgen-Zeitung" Bundesbahnrat Ing. Robert Stricker gegen den bekannten Schriftsteller und Redakteur des „Tag" und „Morgen" Hugo Bettauer eingebracht hatte. Die Verhandlung leitete Landesgerichtsrat Dr. Arie, den Kläger vertrat als Anwalt Qemeindrat Dr. Leopold P1 a s c h k e s, für den Angeklagten intervenierte als Verteidiger Dr. S c h n e p p. Die Klage behauptet, daß Hugo Bettauer am 6. Mai im Kontor des Verlagsbuchhändlers Dr. Präger zu diesem gesagt habe, Stricker hätte in einem Bankhaus (gemeint ist der Präsident der Union- Bank Siegmund Bösel) Geld erpreßt oder zu erpressen versucht, und hinzugefügt: „Wenn er es nicht für sich selbst erpreßt hat, hat er es für seine Partei erpreßt." Der Vorschlag des Vorsitzenden, einen Ausgleich einzugehen, scheiterte an Bettauers Erklärung, daß er von seiner Behauptung nichts zurücknehme. Bettauer gab sein Gespräch mit Dr. Präger wieder und stellte auf Befragen des Klageanwaltes fest, Dr. Präger ein in der Redaktion des „Tag" und des „Morgen" kolportiertes Gerücht mitgeteilt zu haben, wonach sich Stricker gegen den Union-Bank- Präsidenten Bösel einer E*r p r e s s u n g schuldig gemacht habe. Dr. Präger gab die Unterredung mit Bettauer wieder und erklärte, er habe den Eindruck gehabt, daß Bettauer nicht gegen Dr. Stricker persönlich vorging, daß er dessen persönliche Lauterkeit nicht bezweifle, sondern lediglich weitergab, was er in seiner Redaktion gehört hatte. Der im Gerichtssaal anwesende Redakteur des „Tag" Hans M a r g u 1 i e s bestätigte als freiwilliger Zeuge, daß tatsächlich in der Redaktion des „Tag" derartige Beschuldigungen gegen Dr. Stricker besprochen wurden. Die Aussagen Bettauers wurden schließlich vom Vorsitzenden auf Verlangen Dr. Plaschkes in einem Protokoll präzisiert, welches besagt: „Ich bin bereit, das, was ich dem Dr. Präger über Ing. Stricker gesagt habe, nämlich, daß er gegen Bo'sel unschön, unfair, abscheulich gehandelt habe und daß sein Verhalten einer Erpressung verflucht ähnlich sähe, zu beweisen." Dr, Plaschkes gab die Erklärung ab, daß er die Klage nunmehr auf diese Beschuldigung ausdehne. Der Richter ließ dies nicht zu, sondern konzedierte bloß die Gestattung eines diesbezüglichen Vorbehaltes. Nach einem kurzen Plädoyer des Privatbeteiligtenvertreters und nach einer Replik des Geklagtenvertreters ging der Richter Dr. Arie mit efnem Freispruch Bettauers vor. In der Begründung wird ausgeführt, daß der Angeklagte lediglich ein Gerücht wiedergegeben habe, ohne die Absicht, dieses Gerücht, von dem er dem Zeugen Dr. Präger Mitteilung machte, weiterzuverbreiten und daß durch die Wiedergabe des Gerüchtes mangels Oeffentlichkeit, des prozessual entscheidenden Moments, auch keine Weiterverbreitung des Gerüchtes ^erfolgt sei. Die Mitteilung an Dr. Präger sei auch ohne beleidigende Absicht durch Bettauer erfolgt. Herr Stricker hat nunmehr — wie wir erfahren-— gegen Bettauer eine neuerliche Ehrenbeleidigungsklage eingebracht, welche die von Bettauer zu Protokoll

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