Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-06-20 · Heft 25 (20.6.1924) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064095--12886-3080361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seite 7 Der Sieg der Vernunft. D o ti m e r g u e ist an Stelle Miller ands Präsident der französischen Republik und H e r r i o t. der Führer d!er radikalen Partei, ist Ministerpräsident. Die Präsidentenwahl in Versailles hat wieder eine clier in Frankreich üblichen Ueberraschungen gebracht« Aber das . Schflirnmistte, was man Doumergue nachsagen kann, ist lediglich der Umstand, daß er sich mit den Stimmen der Rechten wählen ließ. Seine Persönlichkeit läßt keinen Zweifel darüber zu, daß er ein verläßlicher Parteigänger des radikalen Blocks ist und 'daß er mit Herriot ehrlich zusammenarbeiten werde, um den Frieden und die Friedfertigung Europas herbeiizuführen. Die große Wandlung in Frankreich, seine Befreiung von den Kriegsverlängerern und Kriegshetzern ist vollzogen und die Blicke der Welt richten sich nunmehr erwartungsvoll auf D e u t s c h- 1 a n d, in der bangen Erwartung, ob dort diite nationalistische Mehrheit sich bereit finden werde, sich der in FrariKreich vollzogenen Wandlung anzupassen. Die Juden der ganzen Welt, vor allem aber unsere Qlaubensbrüder in Deutschland haben an dieser Frage das höchste Interesse. Die antisemitische Hetze ist im Deutschen Reiche eine der stärksten bewegenden Kräfte zur Schürung des Völkerhasses und zur Lebendighaitung des Revanehegediankens geworden. Wie die nationalistischen Hetzer im Kriege die Juden verantwortlich machten für den Ausbruch des großen Völkermordens, so beschuldigen sie sie jetzt, daß sie die Vorbereitungen zum Revanchekriege sabotieren. Der Judenhaß ist das Brennmaterial, mit welchem in Deutschland die Flamme des Chauvinismus genährt wird. Nur mit äußerster Mühe hält sich noch die Zentralregiening und sucht an der Hand de* Sachverständigengut- ■aöhten der Erfüllungspolitik zum Durchbruche zu verhelfen. Mit allen Mitteln der rohesten und brutalsten Gewalt trachten die nationalistischen Verbände - und Qeheimgese'llschaften den Gedanken des Revanchekrieiges lebendig zu erhalten, und das wichtigste und wirksamste Agicationsmittel hierfür ist der Judenhaß. Es muß abgewartet werden, ob diese geistige Einstellung des deutschen Volkes durch den Durchbruch der Friedenstendenz in Frankreich gestärkt oder abgedämpft werden wird. Man wird auch »die ersten praktischen Bemühungen "H e r r i o t's in Frankreich und M a c d o n a 1 d's in England zur Auslösung friedlicherer Gesinnungen im deutschen Volke abwarten müssen, ehe s;ch ein klares Urteil darüber gewinnen läßt, ob der Gesinnungsumschla;g, der sich in Frankreich und in England vollzogen hat, die kriegerische Stimmung im deutschen Volke zu stärken oder zu seil wachen geeignet ist. Wir hoffen auf das Letzfere nicht nur im Interesse des Weltfriedens, sondern auch im Interesse der künftigen Stellung unserer Glauhensbrüder im Deutschen Reiche zu dem deutschen Volke. Sechs Jahre sind sei; der Beendigung des Weltkrieges verflossen. In diesen sechs Jahren ist, von Amerika abgesehen, die ganze Welt nur ärmer und schwächer "geworden und mit dem nationalen Chauvinismus ist der Judenhaß ins Ungeheuerliche gewachsen. Niemals noch ist der c>nge Zusammenhang zwischen dem Unfrieden der Welt und dem gesteigerten Hasse gegen die Juden stärker zutage getreten, als in diesen sechs Jahren. Den Friedensbemühungen der französischen Radikalen und der englischen Arbeiterpartei türmen sich in Deutschland fast unübersteigbare Hindernisse in den Weg. Aber die Hoffnung ist berechtigt, daß der Sieg der Vernunft und des guten Willens im europäischen Westen schließlich auch im Herzen Europas zum Siege über Völker- und Rassenhaß führen wird. —seh— Mitteilungen des Zentral vorstand es. Der Dank des Bundeskanzlers. Der „Union deutschösterreichischer Juden"* ist vom Bundeskanzleramt folgendes Schreiben zugekommen: „Für die aus Anlaß des Anschlages gegen die Person des Herrn Bundeskanzlers übermittelte Kundgebung warmer Anteilnahme beehrt sich das Bundeskanzleramt auftragsgemäß den besten Dank des Herrn Bundeskanzlers zum Ausdruck zu bringen. Dr. U e b e 1 h ö r, Sektionschef."* Medizinalrat Dr. Heinrich Haase beging vor wenigen Tagen im engsten Familien- und Freundeskreise die Feier seines 60. Geburtstages. Dr. Heinrich Haase gehört seit langen Jahren dem Vorstande der „Union deutschösterreichischer Juden" an und entfaltet in demselben eine überaus anregende Tätigkeit. Seine gründliche und gediegene Bildung, sein vornehmes Wesen, seine Menschenliebe und sein großes Verständnis für den geistigen Gehalt und den ethischen Wert des Judentums machen ihn zu einem unserer wertvollsten Mitarbeiter und Berater. Medizinalrat Dr. Heinrich Haase steht auch als 'Obmann an der Spitze unserer Ortsgruppe Leopoldstadt, welche er seit Jahren zu einer der wertvollsten Tragsäulen der „Union deutschösterreichischer Juden" ausgestaltet hat. Wir beglückwünschen den Jubilar auf das herzlichste zu seinem Ehrentag und geben dem innigen Wunsch -Ausdruck, daß es ihm noch lange Jahre beschieden sei, sowohl durch seine ärztliche Kunst, als auch durch seine geläuterte Geistigkeit das leibliche und geistige Wohl seiner Mitbürger zu fördern. An jene unserer geehrten Mitglieder, welche mit der Zahlung des Mitgliedsbeitrages für 1924 noch im Rückstände sind, richten wir das dringende Ersuchen, denselben so rasch als möglich mittelst des in ihren Händen befindlichen Erlagscheines oder mittelst Postanweisung an uns gelangen zu lassen. Wir wissen, daß die geschäftliche Stagnation, in der wir uns gegenwärtig befinden, jedes Opfer für öffentliche Zwecke doppelt empfindlich macht. Unsere Arbeit für das Wohl und das Recht der Juden in Oesterreich kann jedoch nicht von den Schwankungen der geschäftlichen Konjunktur abhängen. Wichtige Aufgaben stehen uns in der nächsten Zeit bevor. Die Wühlarbeit der Hakenkreuzler verschärft den Antisemitismus, und je schwieriger sich das Erwerbsleben gestaltet, umso mehr sind unsere Gegner bereit, die Juden dafür verantwortlich zu machen. Die im Herbste vorzunehmenden Wahlen für den Wiener Kultusvorstand sind diesmal von größter Bedeutung und es darf keine Mühe und kein Opfer gescheut werden, um auch diesmal dem Willen der Mehrheit der Wiener jüdischen Bevölkerung zum Durchbruche zu verhelfen. Wir wiederholen die dringende Bitte, uns für die bevorstehenden Kämpfe die nötigen Mittel nicht zu versagen und die noch rückständigen Mitgliedsbeiträge mit aller Beschleunigung einzuzahlen. Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44 k_

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.