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Die Wahrheit · 1924-06-20 · Heft 25 (20.6.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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der „Union deutschösterreichischer Juden" : Postsparkassen Konto « : Nr. 9454 : : Telephon Nr. 19-2-77 « II1HIHHU1 Vom ungarischen tilobus. Solange die ungarische Regierung ihre; Völkerbundanleihe nicht in Sicha-riieit wußte, hat sie Nachrichten, über eine bevorstehende liberale Revision dies bisherigen Horthy-Regimentes verbreiten lassen, unid Graf Bethlen sonnte sich in dem Lichte eines europäisch gerichteten Mannes. Etwas vorzeitig — denn die Völkerbundanleilie soll in Qenf erst in den nächsten Tagen endglütig beschlossen wardien — wird nun durch irgend eine Indiskretion ein Plan der ungarischen Regilerung bekannt, durch welchen, die Ausländer in Ungarn und insbesondere die Jnäen der rücksichtslosesten Willkür der Betyaren* welche jeweilig als verantwortliche Regierimg 'Se Geschäfte des Herrn Horthy besorgten, preisgegeben werden sollen. Nach den vorliegenden Meldungen soll der Minister des Innern berechtigt sein, einem Ausländer jederzeit das Wohnungszertifikat zu entziehen, wenn der Ausländer eine für gewisse Schichten der Bevölkerung nachteilige wirtschaftliche Tätigkeit entfaltet. Die Freizügigkeit für Ausländer in Ungarn soll vollständig aufgehoben werden. Die Polizeibehörden sollen ermächtigt werden, im administrativen Wege jeden Ausländer auszuweisen und gegebenenfalls mit Gewalt über die Grenze zu bringen, der sieh üiber seine Identität, Staatsbürgerschaft und sein Vorleben nicht genügend auszuweisen vermag, öder dessen Aufenthalt auf dem ungarischen Staatsgebiete „aus allgemein politischen Rücksichten" bedenklich erscheint. Direkt gegen die Juden richtet sich die Bestimmung, daß äDle diejenigen Ausländer ohne weiteres als bedenklich anzusehen sind, welche im Zusammenhang mit einer Einwanderungsbewegung nach den 1. Jänner 1914 in das gegenwärtige ungarische Staatsgebiet eingewandert sind. Die Anwesenheit solcher' Einwanderer wird vom Standpunkte des Staaoes für unerwünscht erklärt. Abfällige Aeußerungen eines Ausländers über den ungarischen Staat, die nationale Armee, die Person des Staatsoberhauptes oder die ungarische Rasse gelten als ausreichende Gründe für die Abschaffung eines Ausländers. In einem amtlichen Comunique sucht die Horthy-Regienung die bösen Wirkungen dieser durch eine Indiskretion des „Az Ujsäg" bekannt gewordenen Anschlages auf jegliches Recht und jegliche Zivilisation abzuschwächen. Die amtliche Erklärung bestätigt aber nur die Richtigkeit der von „Az Ujsäg" veröffentlichten grausamen Absichten. Was hier -geplant und nach Flüssigmachung der Völkerbundanleihe gewiß auch durchgeführt werden wird, ist ein unerhörter 'Rückfall in (las brutalste Asiatentum. Es soll hier nicht untersucht werden, ob die angekündigte Verordnung dem ungarischen Staate zum Nutzen oder Schaden gereichen werde. Das ist schließlich Sache der gegenwärtigen magyarischen Mächthaber. Gewiß aber ist, daß die neue Horthy-Verordnung alle in Ungarn lebenden und vielfach nützlieh wirkenden Juden vogelfrei macht und sie gegebenenfalls mit dem Verluste .ihrer dort vielfach mühsam aufgebauten Existenz bedroht. Während Ungarn von seiner Zugehörigkeit zum Völkerbünde, also zu einer die ganze Welt umfassenden zivilisatorischen Einrichtung, materiellen Nutzen schlagen will, schickt es sich an, allen Grundsätzen der Menschlichkeit und allen Verpflichtungen gegen die primitivsten Grundsätze des Völkerrechtes ins Gesicht zu schlagen. Wir sind es gewohnt und machen die tägliche Erfahrung, daß die ungarischen Gerichte Recht und Gesetz verleugnen, wenn es sich um die Beurteilung von Ausschreitungen und Verbrechen der „Erwachenden Magyaren" und insbesondere uim die Iiinschlachtung ungarischer Juden durch die Mörderbanden dieser Organisation handielt. Wir "sind es gewohnt und die täglichen Scheinprozesse gegen die Würgerbanden des gegenwärtigen Gouverneurs beweisen es, daß jüdisches Blut in Ungarn in Strömen straflos vergossen werden darf. Die führenden Persönlichkeiten der ungarischen Jüdenschäft ducken sich angesichts dieses Terrors und wagen gegen Herrn Horthy und seine Werkzeuge nicht aufzumucken. Wir begreifen das, denn noch liegt ihnen der Schrecken] von Irak und Debreczin in den Gliedern. Aber die Würgengel des heutigen Ungarn täuschen sich in der Annahme, diaß auch Europa dieser Fortsetzung der Blut- und Würgarbeiü der letzten Jahre ruhig zusehen werde. Wenn Ungarn sich in seinen Ansprüchen und Begehrliic'hkeiten als Glied der europäischen Völkerfamilie fühlt, so darf es nicht innerhalb seiner vier Wände im asiatische Barbarei zurückfallen. Es ist ein ■geführlicher Irrtum der gegenwärtigen magyarischen Machthaber, den Volkerbund lediglich als die ewig rieselnde Geldquelle zu betrachten und, wenn sie sich die Taschen gefüllt haben, zu Hause wieder uugescheut dem brutalsten Asiatentum zu verfallen. Graf Bethlen will die Welt des Auslandes mit honigsüßen Worten täuschen. Aber, der Kontrollor des Völkerbundes sitzt bereits in Budapest und, da er ein Amerikaner ist, wird er die Augen nicht nur für die Geldgebarung, sondern äuch für die Erfüllung der kulturellen'Pflichten der ungarischen Regierung offen halten. An unsere Glaubensbrüder in Ungarn aber richten wir eine ernste Mahnung: Der „ungarische Globus'' ist eine in Europa längst überwundene'/Fiktion, die riur noch in den Köpfen der „Erwachenden Magyaren" spuken mag und auf der ganzen IVelt sind scharfe Augen auf das Gebaren der gegenwärtigen Machthaber in Budapest gerichtet. Die . vorzeitige Veröffentlichung des „Az Ujsäg" dürfte den Herren in Budapest sehr ungelegen gekommen sein und wir würden ihnen dringend: raten, noch im letzten Augenblicke in Genf ausreichende Zusicherungen dafür zu geben, daß sie mit Hilfe, fres Völkerbundkredites ihren Staat nicht nach asiatischem, sondern nach europäischem Muster einrichten und führen wollen. Siegfried Fleisch e r.

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