Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 25 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 25 schaftlicher Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit. Dieser Jude, der sein Judentum nie verleugnet hat, erschien mir als der vollkommenste Typus des guten Europäers: Synthese von Kapitalismus und Idealismus". Ebenso hervorragende Menschen waren auch die anderen Juden, mit denen Gerlach verkehrte, so z. B. der ermordete Hugo'Haase. Abschließend bemerkt „der Junker": „Mein verstorbener Freund Hans Leuß, der ehemalige antisemitische Abgeordnete, hat in Sachen dies Antisemitismus eine ähnliche Entwicklung 'durchgemacht wie ich. Wenn Bekannte ihm gegenüber anzweifeln, ob jemand, der einmal Antisemit gewesen sei, jemals wieder ganz davon loskommen könne, pflegte er zu sagen: „Im Gegenteil. Gerade wer den Antisemitismus von ihnen her kennen gelernt und am eigenen Leibe durchgemacht hat, der ist gefeit gegen jeden Rückfall, wenn er erst einmal zur Erkenntnis seine Jugendtorheit gekommen ist". In der Tat: „Immun gegen die Masern is t nur, wer sie durchgemacht ha t". Hinter den Kulissen. Von Ludwig Ungar. (Schluß.) Darnach darf man sich nicht mehr verwundern ob der naiven, schon mehr idiotischen, boma-fide-Leichtgläubiigkeit Henry Fords und seiner teils gutgläubigen, teils direkt mala fide handelnden Spione in Sachen der angeblichen „Protokolle" der von Br.asoI, RocMonoff, Frl. die Bogory (29 H) und anderen russischen Antisemiten erfundenen „Weisen von Zion". Der „Protokolle"-Unsinn spielt leider, wie man ja weiß, eine Hauptrolle in der Vertiefung von Fords Judenfeindlichkeit und bildet eine der aus der Luft gegriffenen Grund- Jagen seiner Tätigkeit gegen den „internationalen Juden". Auch in diesem Punkte sehen wir nach Hapgoods Enthüllungen, Fords „System" Hand in Hand gehen mit der thauvinistischen Reaktion der „hundertprozentigen Amerikaner", die bekanntlich auch in den öffentlichen Kundgebungen der „Ritter vom Ku Klux Klan'* eine große Rolle spielen. So zum 'Beispiel verschickt die „Gesellschaft zum Schutz der Vereinigten Staaten" an ihre Mitglieder Exemplare der famosen gefälschten „Protokolle". Die letzteren wurden von Mitarbeitern des bereits erwähnten Beilissverfolgers und einstigen russischen Geheimpolizisten Boris Brasol „für eine amerikanische Verlagsfirma zurecht gemacht". Dieser Prachtmensch „arbeitet einerseits für Ford, andererseits für Easley, dem Leiter des Nationalen Bürgerbundes, des heftigsten Fortschrittsfeindes im Lande. Brasol schreibt für Easley Artikel, in denen er das Judentum und den Freisinn gleichmäßig angreift". Unser Gewährsmann erklärt es für schwierig, „unter den Torheiten des Fordschen Feldzuges gegen die Juden die blödeste herauszufinden". Aber er ist „geneigt, den Protokollen den Vorzug zu geben", und zwar aus drei triftigen Gründen: „1. Weil sie der einzige Beweis sind, den Ford für die Weltverschwörung der Semiten besitzt, die Erkenntnis der Verrücktheit dieses „Beweises" folglich das ganze Gebäude zum Einsturz bringt; 2. weil die Fälschungen gar so plump sind; 3. weil die Protokolle, ehe Ford sie als „neue Entdeckung" kennen lernte, wie man ihm einredete,-„in Europa, längst in vier Sprachen verbreitet waren". Um aus den Protokollen in den Vereinigten Staaten möglichst viel herauszuschlagen, log man den Behörden und den Fordleuten vor, man habe sie aus Rußland insgeheim herausschmuggeln müssen, während sie in Wirklichkeit von jedermann ohne weiteres ausgeführt werden konnten, da sie nirgends verboten waren. Auch in Deutschland,. England und Frankreich stand' 'dem Verkauf und der Ausfuhr der betreffenden Uebersetzungen nichts im Wege. Aber die russischen Ausschlachter fanden Glauben. Sie fingen damit an, daß ein einstiger russischer Heeres-Offizier eines Tages ins Bureau des^ Dr. Harris Hougthon (103 A) kam und der daselbst angestellten Russin Natalie de Bogory (29 H) ein Exemplar der Protokolle in englischer Uebersetzung zeigte. Hougthon, damals noch an der Spitze des New-Yorker Geheimdienstes der Armee der Vereinigten Staaten, ließ durch mehrere seiner Tippfräuleins Abschriften herstellen, nicht ahnend, daß in England überall die gedruckte Uebersetzung käuflich zur erwerben war. Die ersten Auszüge aus den „Protokollen" konnte man schon 1905 in eineim am Orte der Zarenresidenz Zarskoje-Seilo gedruckten Buche lesen, und es ist sogar höchst wahrscheinlich, daß Nimmmm Feuilleton Zur Einweihung des Linzer Domes. . Reminiszenzen von Albert L ö \v. In Linz, wo Schreiber dieser Zeien damals wohnte, wurde am 18. Mai 1872 von einigen sehr geachteten Mitglieder des Kultusvorstandes, in den ich mit Akklamation gewählt worden war, die Einweihung des Religionsschuilgebäudes vollzogen. Sie erfolgte durch den ausgezeichneten Kanzelreidner Herrn Rabbiner Dr. Adolf Ehr.enteil aus Horiz (Böhmen). Schreiber dieser Zeilen verfaßte zur Hebung dieser Feier ein passendes Schuiied, welches von der Liedertafel „Frohsinn" vertont wurde. Auch halbe ich im Verein mit dem Vorstandsmitgliede Herrn Salo W a 11 e r s t e i n aus Dresden ein zum Weihefeste passendes Programm entworfen, um dieses Fest würdevoll zu gestalten. Es wurde im Gemeiindierat beschlossen, daß drei Vorstandsmitglieder die persönliche Einladung zur Einweihung der Reiligionsschule besorgen sollten. Der erste Weg führte uns zum Bistum. Mit einem schön formulierten Audiienzgesuche begaben wir uns zu einem Domherrn' im Bischofshause; dieser empfing uns in liebevoller Weise, las das Gesuch durch und begab sich in die Bischof s!kanzlei; wir harrten in gespannter Erwartung und wurde unser Mühen bestens gelohnt. Der freundliche Domherr kam mit dem Bescheide zurück, daß wir von Hochwürden Bischof Rüdiger im Empfangäsaale erwartet werden und ein junger Priester uns zum Audienzsaale führen wird. Es währte nicht lange und ein Priester im Ornate begrüßte uns, führte uns zum Empfangssaale, begab sich zum Bischof und in einigen Minuten öffnete sich eine hohe Türe und vor uns stand Bischof Rüdiger im Priesterornate. Mit dem Segensspruche „Gelobt sei Gott, unser Herr der Welt, der mitgeteilt von seiner Ehre Herrliehikeit dem Menschen von Fleisch und Blut", näherte ich mich ehrfuchtsvöll diesem Kirchenfürsten. Herr Wällerstein trug unsere Einladung vor, der Einweihung des Schulgebäudes lunssrer noch jungen Kultusgemeinde die hohe Ehre der Anwesenheit des Bischofs zuteil werden zu lassen. Eingehend erkundigte sich dieser nach der Zahl der jüdischen Mitglieder, aus welchen Gegenden sie nach Linz gekommen, wie die Verhältnisse seien und wie es um die Einigkeit in der Gemeinde bestellt sei, sodann ersuchte er, den Segensspruch, den ich im Urtexte gesprochen zur Translation zu bringen, und reichte mir ein Buch im schönsten Einband, in das ich diesen Segenssprueh in hebräischer Schrift schreiben möge; er ließ sieh nochmals den Satz vorlesen und sagte:'„Schön und lobenswert ist es in der jüdischen Gemeinschaft, daß man für (gewisse Vorkommnisse im Löben solch hübsche, Gott ehrende