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Die Wahrheit · 1924-06-20 · Heft 25 (20.6.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deisfschösferreiciusche Woctanstiritt fOr indische Interessen MM dem DelMfiff; Verofienüidiungen der „Union deolscftöslerreldiisdier jaden4* Redaktion und Administration: Wien ML, Heinesirafie *3. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 20. Juni 1924. Nummer 25 Der Weg aaeh Damaskus. In einer Reihe von Aufsätzen, die er „E r i nn er u n gen eines Junkers" nennt, schildert der bekannte Politiker und Redakteur der „Welt am Montag", Hellmuth von G e r 1 a c h, seine politische Entwicklung. Besonders interessieren* uns in dieser Aufsatzreihe der „Weltbühne" seine Erlebnisse mit „Juden und Antisemiten". Er war in seiner Jugend selbst Antisemit gewesen. „Daraus brauche ich kein Hehl zu machen. Dessen brauche ich mich nicht einmal! zu schämen. Ich'hätte ja ein politisches Wunderkind sein müssen, wenn . ich, ohne Kenntnis der Juden und in ihrer Verachtung auferzogen, aus! .dem schlesischen Junkerschloß gleich mit beiden Füßen in die Demokratie hineingesprungen wäre". Als Student trat Gerlach State in einer der feudalen Corps, von denen ihm „das Obligatorium des unmäßigen Säufens" zurückhielt, dem Verein Deutscher Studenten bei. „Dort machte ich die hohe Schule des Antisemitismus durch. Die Juden waren nicht nur von der Mitgliedschaft ausgeschlossen, sondiern der Kampf gegen das Judentum war sogar einer der Daseinszwecke des V. D. St. Mit Juden in Berührung kam ich nun natürlich erst recht nicht. Durch Personen- und Sachkenntnis nicht getrübt, konnte sich mein Antisemitismus also üppig, entfalten. Auf den Kommersen des Vereines Deutscher Studenten erschienen alle Größen der antisemitischen Bewegung. In kürzester Frist wurde ich mit ihnen bekannt und bald' darauf intim. Ich darf wohl sagen, daß ich die Führer des Antisemitismus! in den Achtziger- und Neunzigerjahren fast ohne Ausnahme aus nächster Nähe habe kennen lernen können. Ich war ja eine der Hoffnungen der antisemitischen Bewegung. „Unser Kronprinz" nannte mich einmal scherzend Lieber mann von Sonnenberg. Ichdenke gar nicht. daran, mich besser zu machen, als ich bin. Und so will, ich ruhig bekennen: Wenn ich fast zehn Jahre in der antisemitischen Bewegung ausgehalten habe, so trug meine Eitelkeit einen Hauptteil der Schuld. Es schmeichelte mir, daß ich junger Dachs von den Männern, deren Namen man täglich in der Zeitung las, die im Reichstag donnernde Reden hielten und in den Volksversammlungen von Tausenden bejubelt wurden^ jedes Vertrauens gewürdigt wurde. Man zog mich zu den internsten Beratungen zu. Man beehrte mich mit den wichtigsten journalistischen und rednerischen Aufträgen. Man bot mir schon mit 26 - J a h. r e n eine Reichskandidätur an". Bald aber lernte Gerlach die Antisemiten näher kennen, insbesondere den oben genannten Liebermann von Sonnenbeng, der einmal auf die Bemerkung, daß der antisemitischen Bewegung doch eigentlich jede wissenschaftliche Grundlage fehle und diese vor allem zu schaffen sei, erwiderte: „Lieber Freund, ersc wollen wir eine Macht werden, und dann wollen wir nach einer wissenschaftlichen Grandlage suchen". Auch die „wissenschaftliche Größe" des Antisemitismus, Theodor F r i t s c h, enttäuschte Gerlach tief. Fritsch sprach einmal neben Gerlach über die Sozialgesetzgebung. Sein Referat bewies, daß er nicht ein einziges Buch über sein Thema gelesen haben konnte. Er, der ein Dutzend Jahre ältere Mann, kam denn auch nachher zu Gerlach, uim sieb wegen der Dürftigikeit seiner Rede zu entschuldigen. So also sehen die Männer aus, die Deutschland vom Judenjoche befreien und es rein germanisch regieren wollen. Auch in moralische Beziehung erlebte Gerlach manche Enttäuschung. Nach einer Versammlung, in der ein paar antisemitische Abgeordnete die Verführung deutscher Verkäuferinnen durch die Konfektionsjuden brandmarkten, ging es zu dem Antrsemitenwirt Rieprich in die „Hopfenblüte". Bald hatte jeder der braven Familienväter eine oder zwei Kellnerinnen auf den Knien sitzen. Und dazu sangen sie das bekannte Westfalemtied, es leicht variierend: „Glückselig, wessen Ann umspännt zwei Mägdlein aus dem Westfaleuland". Zutreffend sintf auch Gerlachs Bemerkungen über die rüden Zwisti'gkeiten im eigenen Lager der Antisemiten. Während so d!er Nimbus der antisemitischen Führer immer mehr verblaßte, lernte Gerlach die Juden kennen, die er bisher stets nur in absentia kritisiert und in contumaciam verurteilt hatte. „Vielleicht den stärksten Eindruck von allen Juden, mit denen ich in meinem Leben zu tun genabt habe, hat auf mich Charles L. Hallgarten gemacht. Hallgarten hatte als Bankier ein großes Vermögen in Amerika gemacht, war aber noch in voller Manneskraft nach seiner Vaterstadt Frankfurt zurückgekehrt. Sein Vermögen verwandte er fast ganz für gemeinnützige Zweck e. Um selbst im Hintergrund bleiben zu können, behielter seine amerikanische Staatsangehörigkeit bei. Jedes Ersuchen, den Vorsitz in einer der von ihm - begründeten und subventionierten Institute zu übernehmen, konnte er mit dem Hinweis auf seine amerikanische Staatsangehörigkeit ablehnen. So verfuhr dieser Vertreter des Judentums, das sich bekanntlich immer in den Vordergrund drängt! H a 11 g a r t e n war nicht S ozialist, aber durchdrungen von leiden-

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