Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 24 (13.6.1924)
- Date
- 1924-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24 Dl£ WAHRHEIT Seite 7_ .Welt" zum Frieden führen sollen. Wir gehen bösen -Zeiten entgegen und die Hoffnung, daß dieser Hexenkessel von Wut iind Haß der Völker sich in absehbarer Zeit beruhigen werde, ist nur eine sehr geringe. Wir wünschen dem Bundeskanzler rasche Genesung, denn das Schiff lein, das er zu leiten hat, läuft Gefahr, in wilde Brandungen zu geraten und braucht seine starke und zielsichere Hand. Siegfried Fleischer. Die Teilnahmskundgebung der Union deutsch österreichischer Juden. Wir. haben an Herrn Bundeskanzler Dr. S eip el die nachfolgende Zuschrift gerichtet: Wien, am 4. Juni 1924. Euer Exzellenz! Hochverehrter Herr Bundeskanzler! Tief erschüttert durch den verbrecherischen Anschlag eines Unseligen auf das kostbare Leben Eurer Exzellenz, sprechen wir unseren tiefsten Abscheu über dieses Verbrechen aus, durch welches Oesterreich seines hervorragenden und aufopferungsvollen Führers beraubt werden sollte. Nach den heute vorliegenden Meldungen scheint die frohe Zuversicht berechtigt, daß das kostbare Leben und mit ihm die unermüdliche Tatkraft, die hingebungsvolle Arbeit Eurer. Exzellenz für die Wiederaufrichtung des Staates uns erhalten bleiben werde. Wir bitten den Allmächtigen, daß er das kostbare Leben Eurer -Exzellenz auch weiterhin in seinen-Schutz nehme, daß. Ihre Gesundung eine rasche und vollständige sei und daß Eurer Exzellenz auf solche Weise ermöglicht sei, das so verheißungsvoll begonnene Werk der Wiederaufrichtung des Staates und all seiner schaffenden Kräfte erfolgreich zu Ende zu führen. Mit dem Ausdrucke innigster Verehrung Eurer Exzellenz ehrerbietigst ergebene Union deutschösterreichischer Juden. Wahrheiten vom Tage Der Präsident: Dr. J. 0 r n s t e i n. Der Sekretär: Siegfried Fleischer. Ans unseren Rechtsschutz u. Abwehrbüro. Ein hakenkreuzlerischer Verleumdungsversuch. An jenem Sonntagabend, an welchem ein verkommener Mensch dem . Bundeskanzler Dr. Seipel eine Kugel in die Brust jagte, durchzog eine Schar von Hakenkreuzlern die Kaifeehäuser in der Praterstraße und beschimpfte und mißhandelte jüdische Gäste mit dem Rufe, daß"die .luden den Bundeskanzler ermorden wollten. Die Polizei hat nachträglich eine Erklärung veröffentlicht, daß ihre Organe diesem wüsten Treiben ent- ' gegengetreten seien und einige der Exzedenten verhaftet •haben. Es ist heute vollkommen klargestellt, daß Jaworek ein Eigengänger ist und daß keine politische Partei direkt für das von ihm verübte Attentat verantwortlich gemacht werden kann. Am allerwenigsten selbstverständlich, die Juden, welche alle Ursache haben, die rein sachliche, staatsmännische. und jeder politischen Verhetzung abholde Wirksamkeit Dr. Seipels zu unterstützen. Daß aber auch bei dieser Gelegenheit die Hintermänner eines Novosad und jener Mordbuben, die den Tod des Sozialdemokraten Still auf dem Gewissen haben, "den Versuch machten, die Juden eines ungeheuerlichen Verbrechens' zu beschuldigen, kennzeichnet die ganze sittliche Verkommenheit der hakenkreuzlerischen Bande. Gipfel der Schamlosigkeit. Das Troppuuer nationalsozialistische Hetzblatt ,,Neue Zeit" findet es für angezeigt, über das ruchlose Attentat auf Dr. S e i p e 1 und die. dadurch bedingte allgemeine Empörung folgendes zu schreiben: „Der Protektor des Großbankwesens in Oesterreich, der klerikale Bundeskanzler Dr. Seipel, wurde Sonntag abends auf dem Wiener Südbahnhofe durch zwei Revolverschüsse schwer verletzt. Der Attentäter ist ein Hilfsarbeiter, ist auch Katholik und richtet dann die Waffe gegen sich, so daß er sich schwer verletzte. Die Verletzungen des Bundeskanzler Dr. Seipel sind nicht lebensgefährlich. Die Blätter melden von ungeheuren Aufregungen in Wien über das Attentat. Nun, wer die Wiener kennt, wird zugeben, daß sie sehr gerne irgend eine Gelegenheit suchen, um sich „auf zurege n", wir sagen tratschen. Recht auffällig ist, daß die jüdische Großbankenpresse die Gelegenheit benützt, um Dr. Seipel über den grünen Klee zu loben.'' Eine solche Infamie ist man selbst von Hakenkreuzlern, trotz ihrer wiederholten Schandtaten in Wort und Schrift nicht gewohnt. Und da wagen es noch ihre Wiener Kumpanen, die Herren Frontkämpfer und Nationalsozialisten ins Wiedener Krankenhaus zwei Deputationen zu senden, die in F e 1 duniform erschienen und Adressen für Dr. Seipel überbrachten. Die Nationalsozialisten erklären gar in ihrem Schreiben: „Wir sehen in dem Attentäter nicht den Hauptschuldigen, sondern einen armen verhetzten Volksgenossen, der, erfüllt von jüdisch-marxistischen Phrasen,"in seiner Verzweiflung ein Opfer seiner falschen Ueberzeugung wurde. Die Hauptschuldigen sehen wir in jenen volksfremden Elementen, welche seit Jahren systematisch alles Gute in unserem Volke untergraben und zum Mord und Totschlag gegen Andersgesinnte aufgereizt haben, in schamloser Ausnützung der bestehenden Pressefreiheit hetzen die jüdisch-marxistischen Blätter gegen alles, was sich irgend gegen Juda und sei.ne Helfershelfer wendet." Angesichts der Notiz des Troppauer Hakenkreuzlerwisches, die nur aus Wien inspiriert sein konnte, muß man sich wahrlich fragen, wer mehr die „armen Volksgenossen" verhetzt, die „jüdisch-marxistischen" oder die Hakenkreuzblätter, und wer von beiden die Preßfreiheit schamloser ausnützt? Ein wahrer Edelmann. Noch am 9. Mai hatten wir die Freude, hier einen Artikel des Prinzen Alexander zu Hohenlohe über „Ludendorff im wahren Lichte" bringen zu können. Jetzt ist der Prinz nicht mehr. Nach jahrelanger Krankheit ist er in Armut dahingegangen. In Armut — denn nachdem ihn Krieg und Kriegsfolgen sein eigenes Vermögen gekostet hatten, enthielt ihm der ältere Bruder, ein schwerreicher Majoratsbesitzer, fast alle Subsistenzmittel vor, um ihn für seine Gesinnung zu bestrafen. Er hatte die Familie schon schwer dadurch verärgert, daß er die freimütigen Erinnerungen seines Vaters, des früheren Reichskanzlers, herausgegeben hatte. Und nun bekannte er sich während des Krieges und nach dem Krieg gar offen zum Pazifismus! Das schlug dem Faß den Boden aus. Prinz Hohenlohe, von seiner Familie und seinen Standesgenossen im Stich gelassen, hatte die einzige Genugtuung, daß die Friedensfreunde der ganzen Welt ihn als Helden voll höchster Zivilkurage anerkannten. Er war kein Schwärmer. Er war nur ein einsichtsvoller Mensch, den der Verstand zum Pazifismus bekehrt hatte und den das Herz zwang, aus seiner Gesinnung kein Hehl zu machen. Dieser Aristokrat war ein Geistesaristokrat. Völkische Trauer um Poincare. Die „Völkische Presse", das „Amtliche Organ des völkischen Rechtsblocks in Bayern", widmet in ihrer Nummer 85 dem Sturz Poincares einen Artikel, in dem fast aus jeder Zeile die sympathische Bewunderung für den französischen Nationalisten spricht. Wörtlich heißt es von ihm: „Er war eine der glänzendsten staatsmännischen Erscheinungen unserer Z e i t." Ja, die deutschen Nationalisten haben viel an Poicar6 verloren. Ohne seine Politik hätte es vielleicht nie den Rechtsruck am 4. Mai gegeben. Bayreuth — New-York. Bekannt sind die Beziehungen der „Villa Wahnfried" in Bayreuth zur deutschvölkischen; Bewegung, besonders zu Herrn Ludendorff-l.indström. Nun er-