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Die Wahrheit · 1924-06-13 · Heft 24 (13.6.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 24 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Wien IX. öS*» „Union deutschdsterrelfehlsetier Juden" P*9fsparfe£»$«n~&»xt» Hr. fm <, Tölesh©it Kf. g»g»»«»»ic:'i mm a»sw ■ Der Volkerhall. Noch hallen die Schüsse nach, welche den Bundeskanzler Dr. Seipel in einem Augenblicke auf das Schmerzenslager streckten, wo die unermüdliche Tat- und Arbeitskraft, wo der selbstlose Patriotismus dieses Mannes geradezu unentbehrlich sind. Noch ist durch die Untersuchung nicht klargestellt, ob der Attentäter ein einsamer Eigenbrödler oder der Sendling einer anarchistischen Verschwörung ist. Wir kennen die selbstlose Hingebung Dr. Seiipeis an unseren schwer um seinen Bestand ringenden Staat und seine unermüdliche Sorge um das Schicksal unseres Volkes. Er hat seine testen sittlichen Ueberzeugungen, aber er ist frei von jeder Unduldsamkeit, von jedem Zelotismius, von jeder Geringschätzung oder gar Mißachtung der politischen und sittlichen Ueberzeugungen Andersdenkender. Es erfüllt uns mit aufrichtiger Freude, daß die Kugel des Attentäters kein edles Organ verletzt hat und daß die Wiedergenesung Dr. Seipels in verhältnismäßig kurzer Zeit m gewärtigen ist. Unser von des Völkerbundes Gnaden wiederbelebter Staat kann seines zielsicheren Führers nicht entbehren in einer Zeit, in welcher sich in ganz Europa wieder schwere Wetterwolken zusammenballen und nicht nur zwischen d'erf einzelnen Staaten untereinander, sondern auch innerhalb der Völker heftige Kämpfe auszubrechen drohen. Haß und Lüge und blutige Gewalttat schreiten und schreien wieder durch die Welt. Das Deutsche Reich bietet ein Schauspiel vollständiger Verwirrung und Zerfahrenheit. Die starke Macht, welche dort die Kommunisten erlangt haben, die wilde Aufwühlung der nationalen Leidenschaften und der sozialen Gehässigkeiten durch die »nationalistischen Parteien lassen für die nächste Zeit das Schlimmste befürchten, und es ist nur zu sehr wahrscheinlich, daß die Geste der Versöhnung und Friedfertigung, welche gegenwärtig von Frankreich ausgeht, im deutschen. Volke nicht auf das nötige Verständnis " stoßen wird. Im Osten aber, auf dem Balkan, brodelt •wieder der alte Hexenkessel!. In Rumänien versucht die große Bauernpartei, unter der Führung des Generals Averescu -die gegenwärtige Regierung zu stürzen iund den Prozeß der Zusammensohweißung des neurutrnän<ischen Staatsgebietes mit dem altem Gebiete zu -unterbrechen. Wenn die Bewegung nicht sofort zu einem Kriege mit Rußland führt, so wäre dies nur dem glücklich-unglücklichen Ereignis der Explosion fast des gesamten rumänischen Kriegsmaterials in unmittelbarer Nähe von Bukarest zu danken, von der es durchaus noch nicht feststeht, ob sie nur ein unglücklicher Zufall war, oder ob sie auf einen verbreclieriscihen: Anschlag zurückzuführen ist. Die Bauernbewegaung in Rumänien unter Averescus Führung bedroht den Bestand der neurumänischen Verfassung und mit ihr die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Juden nicht nur in Altrumänien, sondern auch in Siebenbürgen und in der Bukowina. Auch in Albanien ist der Aufstand der Malissoren siegreich und die Fortschritte der Erhebung müssen Italien auf den Plan rufen, welche« das dringendste Interesse daran hat, daß Albanien nicht von Serbien verschlungen werde. Wenige Jahre nach dem Abschlüsse der Friedensverträge von Versailles, Saint Germain und Trianon droht die Welt wieder in Flammen aufzugehen und die Glut des Hasses, der unter der Asche fortgeglimmt hat, bricht auf allen Seiten wieder hervor. Nur mit schwerer und tiefer Besorgnis können wir Juden diesen Stand der Dinge konstatieren, denn zu den bewegenden Kräften aller nationalistischen •Bestrebungen, aller kriegerichen Hetzereien und aller inneren Zermürbung der Völker gehört der Judenhaß. Wir fürchten sehr, daß es den Juden nicht gegönnt sein wird, durch die friedliche Durchdringung Palästinas sich einen Platz .in der Welt zu schaffen, auf welchem sie ihre nationalen und menschlichen Rechte ungestört weiden ausleben können. Die Friedensverträge, die in den Vororten .um Paris abgeschlossen worden sind, haben der Welt die heißersehnte Ruhe nicht gebracht, weil sie die inneren Gegensätze nicht zu beseitigen vermochten, welche vor zehn Jahren den Weltkrieg entzündet haben. Bolschewismus und Faszismus sind als neue Elemente des sozialen und Völkerhasses mächtig emporgewachsen, und die inneren Gegensätze und Gehässigkeiten sind in den besiegten Staaten, ebenso furchtbare Gefahrquellen geworden, wie in den Siegerstaaten. Und die ewige Tragik des Judentums, daß es für alle Uebel dieser Welt verantwortlich gemächt wird, tritt auch jetzt wieder in Erscheinung. Selbst in unserem kleinen und bescheidenen Oesterreich, welches nur von der Gnade des Völkerbundes ein armseliges und kaum noch gesichertes Dasein zu führen vermag und in welchem die wirtschaftliche Tüchtigkeit und Rührigkeit der Juden nicht entbehrt werden kann, beginnt diese Hetze von neuem. Die Frontkämpfer und Häkenkreuzler, die durch Plakate und öffentliche Aufzüge und durch Prügeleien in den Kaffeehäusern den Judenhaß schüren und in Oesterreich die Geschäfte der Hiitlergaride besorgen, ja tiiie sogar 'die Juden für das Attentat auf Dr, Seipel verantwortlich machen, obwohl sie gleichzeitig gegen die „Seipel'sche Saniererei" hetzen, haben die Gelegenheit benützt, um im Wiedener Spitale bei dem Bundeskanzler ihre Visitkarte abzugeben und ihm heuchlerisch ihre Anteilnahme zu versichern und bei dieser Gelegenheit die Schuld an dem verabscheuungswürdigen Verbrechen jenen „volksfremden Elementen" zuzuschieben, die „seit Jahren systematisch alles Gute in unserem Volk untergraben und zum Mord und Tötschlag gegen Andersgesinnte aufgereizt'haben". Das ist das Lamm, das dem Wolfe das Wasser trübt. In Deutschland und Oesterreich das Hakenkreuz, in Rußland der Sowjetstern, in Italien das Rutenbündel — das sind die Symbole, welche die aufgewühlte

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