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Die Wahrheit · 1924-06-13 · Heft 24 (13.6.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 24 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 DIE WAHRHEIT Seite $ hescbliießen, die Kirschen 'gemeinsam zu essen, doch dürfe jeder stete nur eirie Kirsche in 'den Mund nehmen. Plötzlich versetzt der Blinde seinem Genossen eine schallende Chi feige. •„Warum schlägst du mich?" schneit der Betroffene. „Weil diu gegen unsere Verabredung drei Kirschen auf eiranal än den Mund nimmst," erwidert der Blinde. „Wale kommst, du darauf?" ruft der Sehende. „Bist du auf einmal sehend geworden.?" „Das nicht, aber ich nehm' immer zwei in den Mund und! du sagst kein Wort. Es ist also klar, daß du mich betrügst." Das Judentum hei Oswald Spengler. Von Dr. M a x G r u n w a 1 d. (Fortsetzung) Nicht also Waffengewalt und nicht des Wortes Kraft, sondern die Ueberlegenheit des Geistes, den dieses Gesetz atmet, muß sich mit innerer Notwendigkeit die Welt erobern. Denselben Grundsatz der Gerechtigkeit werden andere Staaten sich zu eigen machen, und so wird er Gemeingut der Völker und diese in ihrer Gesamtheitein Bund, eine Menschheit werden. Der Starke wird friedlich neben dem Schwachen, der Schlaue neben dem Harmlosen leben, denn es wird fehlen, worum die Menschen streiten. Der Vorteil des einen wird nicht mehr der Nachteil des anderen sein. Alle werden sich beugen Gesetzen, aus denen die Gerechtigkeit spricht, und die den Frieden auf Erden verbürgen (Jesaja 11). Dieses Zukunftsbild ist keine Utopie. Die Aufhebung der Sklaverei, der Parlamentarismus, die gesetzliche Einführung der Sonntagsruhe, der Fortschritt des sozialen Gedankens, die Bodenreformbestrebungen von Henry George bis auf Qppenheimer, Damaschke und Landauer, das Völkerrecht und andere Ansätze zwischenstaatlicher Verständigung, alle diese Errungenschaften der Neuzeit sind nicht nur dem Geiste nach, sondern in zum Teil datenmäßig nachweisbare Zusammenhange auf das alte Gesetz Israels zurückzuführen, dem Judentume zu danken. Daß die Juden Jahrhunderte hindurch mit den schwersten Opfern an Gut und Blut dieses Gesetz „bewahrt" haben, wenn sie auch erst jetzt daran gehen können, es wieder als Staatsgesetz zu praktizieren, zeugt von einem Idealismus, den nur gehässige Verkehrung augenscheinlicher Tatsachen als Imperialismus deuten kann. Das „alte" Judentum. Den Judenhaß führt Spengler darauf zurück, daß ein Altersabstand von tausend Jahren zwischen zwei Kulturen die Möglichkeit einer Verständigung ausschließt, und daß somit das Judentum im Abendlande einen Fremdkörper darstellt, der sich nicht amalgamieren kann. Schon die soziale Entwicklung Europas spricht gegen diese These. Die chronologische Differenz wird durch die fortschreitende Annäherung des Okzidents an die Grundlehren des Judentums mehr und mehr ausgeglichen. Nicht die weitestgehende Assimilation eines denaturierten Judentums schlägt die Brücke über die zeitlich Unproportionalität. Auf der anderen Seite macht sich aber, wie gesagt, bei aller Zunahme äußerlichen Abrückens, innerlich, in dem unwiderstehlichen Treiben immanenter Kräfte eine Abnahme der Polarität zwischen Abendland und Judentum geltend. Die Renaissance des Alten Testamentes, wie in der Philosophie durch und seit Spinoza, in der Religion lange vor Luther einsetzend, hat zu einer Judaisierung des Abendlandes geführt, die sich von der Infiltrieiung auf dem Wege des Christentums so ' wesentlich unterscheidet, daß diese Auswirkung altisraelitischen Geistes von den Machthabern in Kirche und christlichem Staate als Ketzerei verfolgt wurde. Aber nicht als "„alt" wurde diese „Schwarmgeisterei" empfunden, sondern im Gegenteil als „umstürzlerisch", als „neuerungssüchtig". Dem ganzen christlichen Dogmenbau ■ wurde der Boden entzogen, uralter, autochthoner Weltanschauung und Lebensauffassung das Dach über dem Kopfe entführt. Das kindliche Lallen aufdämmernden sozialen Empfindens klärte sich zu artikulierten Lauten, festigte sich zur dauernden, die Gewissen aufrüttelnden Forderung in der leitenden Zucht der freigewordenen, von der Kette kirchlichen Leseverbotes gelösten, von geistlicher Deutung entmündigten Bibel. Das erste zage Tasten naturwissenschaftlichen Denkens - rankte sich auf an den exakten, jedem Machtspruch äußeren Zwanges unerreichbaren Einsichten der durch den Durchbruch jüdischen Geistes autonom gewordenen sonnenklaren Vernunft. Bei diesem Zusammentreffen westlicher und jüdischer Geistesart lagen die Dinge ähnlieh, wie bei dem Aufeinanderprallen der Forderung Moses mit dem pharaonischen Despotismus. Nicht -allein der bis zum physischen Ekel gegen die Hebräer gesteigerte Rassenstolz des in hundert Generationen rein gezüchteten Aegyptertums (Gen. 43,32), dei Vorläufer das „arisch-germanischen" Rassendünkels, sondern der Geist des ägyptischen Kastenwesens, dem die Lehre Moses schnurstracks zuwiderläuft, stand seinen Ansprüchen verständnislos gegenüber. Selbst die zehn Plagen öffneten nicht Geist und Herz des Pharao dem Verständnis des Hebräergottes. Sie brachen nur für. den Augenblick seinen Widerstand. Haben doch auch, wie die antisemitische Reaktion beweist, die blutigen Umwälzungen seit 1789 den Boden der Zivilisation Europas nicht nachhaltig erschüttert und für die Aufnahme der religiös-sozialen Aussaat des Alten Testaments empfänglich gemacht. Stand damals in Aegypten auch dem Judentum sein Alter im Wege? Die ägyptische Kultur war ihr an Alter doch um Jahrtausende voraus. - Aber gerade hier tritt der wahre Unterscheidungsgrund deutlich zutage. Die Gesetzgebung der Thora, ein so vollendetes, einheitliches, in sich geschlossenes System mit so persönlicher Geitessignatur, daß man nicht begreifen kann, wie jemals Zweifel an der Geschichtlichkeit Moses auftauchen konnten, dieses Unvergleichliche Staatsideal bekundet eine Reife, die, nach historischen Analogien beurieilt, nur Jahrtausende sozialer Erfahrung erzielt haben könnten. Und dies nur unter besonders günstigen Umständen. Wie wäre es sonst zu erklären, daß selbst heute noch, drei Jahrtausende nach Moses Auftreten, sich erst Anfänge zur internationalen Durchführung seiner Prinzipien hervorwagen. Ein ganz überragendes Genie, ein Genie des Herzens nicht zum Letzten, gehörte dazu, um diese Offenbarung überhaupt zu fassen. Und für das Volk, das in einer Massenpsychose einen Kernausschnitt daraus am Sinai zu hören bekam, galt mit Recht das Leitwort „Naasse wenischma!" „Erst beginnen, dann besinnen! Probieren geht über Studieren." Nur lange, mühselige Erziehung mit unzähligen Rückschlägen kann diese Geistesblitze zum Gemeingut der Masse machen (Dt. 8,5). Eine wirksame Bekräftigung fand aber dieses Gesetz an den Erfahrungen, die ein anderes Volk, ein Volk uralter Kultur, gesammelt hatte. Die sozialen und politischen Zustände Aegyptens, Land und Menschen des Nillandes bildeten die wirksame Folie zu dem Staatsgesetz Israels, das nicht selten gerade auf den Gegensatz Mizraim warnend hinweist, noch öfters stillschweigend gegen Lehre und Leben im Pharaonenreiche zu ' polemisieren scheint. Nicht eine Verschiedenheit im Takt und Lebenstempo, sondern ausgesprochener Antagonismus reißt eine Kluft zwischen diesen beiden Kulturen auf. Und die gegenseitige Ablehnung zwischen Judentum und Abendland, denen beiden der Kassandraruf Spenglers den Untergang verkündet, sie war die längste Zeit gleichfalls innerlich in einem prinzipiellen Gegensatze begründet, dessen Spannung sich erst zu lösen begann, als leidige Erfahrung, neue Erkennntnis erleuchteter Geister, Wandel der äußeren Lebensverhältnisse den Weg frei machten, um in die Bahn alttestamentlicher Geistesrichtung einzulenken. Eine solche Pseudomorphose, um Spenglers Ausdruck zu gebrauchen, ein solches Umlernen einer Kultur trotz aller blutmäßigen und zeitlichen Gebundenheit halten wir nicht nur für möglich. Wir sehen darin einen Fortschritt, ein Wort, das freilich nicht in Spenglers Lexikon zu finden ist. Für ihn nimmt das Leben seinen Ablauf, unbekümmert um ethische Forderungen, wie das Wasser dahinströmt, ohne des Eises zu achten, das sich darüber lagert. Der jüdische Optimismus. Hier scheidet sich der Weg Spenglers, des Pessimisten, von dem des Judentumes, des Chorführers des Optimismus. Selbst der Fernstehende wird gestehen müssen, daß kein Volk auf Erden weniger äußeren Anlaßzu einer optimistischen Lebensanschauung hätte, als der Jude, und wird darüber staunen, daß dieser Märtyrer unter den Völkern stets um so enger sich an sein Judentum angeschlossen hat, je schwerer seine Leiden waren. Der Wilde prügelt, wenn ihm etwas wider Wunsch geht, seinen Fetisch, und der Moderne schmollt mit Prometheus: „Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Tränen gestillt je des Geängstigten?" Der Jude dankt Gott, wenn Prüfungen ihn helmsuchen (Jesaja 12, I). (Sehluß folgt.)

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