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Die Wahrheit · 1924-06-13 · Heft 24 (13.6.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 24 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 24 Herrn Geheimrat folgende Männer — um nur einige wenige zu nennen — Vertreter des jüdischen Geistes? Lazarus und Steinthal, die Begründer der Völkerpsychologie, der Kantforscher Hermann Cohen, Georg Simmel, Max* Dessoir, Edmund Husserl, Karl Joel, Otto Liebmann, Ernst Cassierer, Heinrich < Gompertz, Theodor Benfey, Wilhelm' Freund, Da- " niel Sanders, Fritz Mauthner, R. M. Meyer, Bielschowsky, Gundolf, letztere drei die bedeutendsten Goethebiographen, Ferdinand Cohn, Willstädter, Liebreich, Heinrich Hertz, die Nobelpreisträger Haber, A. Einstein, Paul Ehrlich und Meyerhof, die berühmten Rechtswissenschaftler Jellinek, Paul Laband, Hermann Staub, Lew in Goldschmidt, Friedberg, Löhning und Frh. Dernburg, von -den zahlreichen Komponisten, Malern, Bildhauern und ausübenden Künstlern ganz abzusehen, das würffr hier zu weit führen. Eine weitere Frage: Repräsentieren nur die schlechten jüdischen Elemente den jüdischen Geist? Wer sich dem Antisemitismus ergibt, verwickelt sich m Widersprüche und verliert das logische Denken. Nun verweist der Herr Professor auf folgendes: Man sollte nicht unterschiedslos gegen alle Juden (vom Verfasser des Büches gesperrt) als solche sich kehren, sondern den Gegensatz und das Hindernis (dort suchen, wo sie winklich täegen. Nicht gegen die einzelnen Personen jüdischer Herkunft, sondern gegen das Judentum als eine internationale Macht, als eine zersetzende geistige. Richtung, als „Ferment der Dekomposition'4, wie es schon Mommsen in der antiken Welt wahrzunehmen nicht umhin konnte, sollte sich der Widerstand und der Kampf richten." Da haben wir's! Herr Professor Seeberg will keine Judenschnüffelei wie Bartels, sdhdern den Kampf gegen das Judentum, nicht gegen das biblische, prophetische und talmudische Judentum, sondern— welch ein Gruseln befällt den gelehrten Herrn — gegen die Gefahr, „die von dem jüdischen Geist ausgeht", von einer winzigen Mino-" rität, die den ganzen deutschen Volkskörper vergiftet. Hilflos steht das tapfere, deutsche Volk da und läßt sich infizieren. Das alte antisemitische Mätzchen mit dem Hinweis auf Mommsen, den großen Historiker, der das Wort geprägt hat: Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Das Wort von der Dekomposition ist nicht antisemitisch aufzufassen. Mommsen war es, der energisch gegen die Aufnahmen des antisemitischen T r e i t s c h k e in die Akademie Front machte. (Siehe den Brief Mommsens, den die „Wahrheit" unlängst veröffentlichte!) Wer eine glänzende Schrift über das „zersetzende" Judentum lesen will, der greife zu der diesen Titel führenden Broschüre von Prof. Dr. Erik Nölting (Berlin 1924, C. A. Sch'wetschke&Sohn, Verlag). Will man nicht den Wortsinn verkehren, sagt Professor Nölting, will man nicht Heilung und! Aufrichtung Vergiftung und Zersetzung nennen, so bricht der gegen diais Judentum erhobene Vorwurf in sich zusammen. Zumindest seine Grundtendenz ist das Gegenteil von.Zersetzung, ist durchaus positiv und aufbauend gerichtet. So Professor Nölting. In der Tat. Nirgends ist der konservative Zug stärker vertreten als im Judentum, nirgends finden wir intensiver die im Pietätsgefühl wurzelnde Achtung vor dem Hergebrachten — zugleich at>er auch den sicheren Instinkt, das Altgewohnte abzuschaffen, wenn es dem allgemeinen Wohle dient. . All die antisemitischen Schlagworte, wie sie von Fritsch und Dinter, Wulle und Kunze gebraucht werden, finden wir auch bei Herrn Geheimrat See- Feuilleton i«i Deutsche Reisebriefe eines Badeners (bei Wien)f IV. Hamburg, den 33. der Sephira 5684. Von den Wanderungen des Patriarchen Abraham, als er von Aegypten nach Palästina zurückkehrte, heißt es in der Bibel: „er ging seine früheren Züge," welche Eigentümlichkeit des Ausdruckes den Talmud veranlaßte, nieraus die Lehre zu ziehen, daß" man auf seinen Reisen immer die früheren Ruhestätten aufsuchen .soll; an-iit anderen Worten, man dürfe nicht die Herbergen wechseln. Der Midrasch deutet dies anders. Es wurde betont, daß Abraham die früheren Herbergen deshalb auf seiner Rückreise wieder aufsuchte, ,yum seine Rückstände zu begleichen". An dieser Auffassung hielt ich mich, als ich auf meiner Wanderung die Stadt Frankfurt nochmals .aufsuchte; ich hatte nämlföh einen Rückstand, einte moralische Schuld zu begleichen. Der berühmte und' hooharcgesehene Rabbiner der israelitischen Retogionsgesellschaft in Frankfurt hatte mich nnt der Vornahme der Kilduschdan bei meiner Hinreise beehrt und ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihm meinen Dank hierfür abzustatten. Das wollte ich nun nachholen. Die Wohnung des Rabbiners ist eine seiner Stellung vollkommen würdige; sie schließt -sich an den gewaltigen Bau einer der herrlichsten Synagogen der Neuzeit an. An der Vormauer, die sie der Straße zu abschließt, war, wie man mich aufmerksam machte, noch die schwache Spur eines eingekratzten Hakenkreuzes zu sehen, welches kurz vorher des Nachts in feiger Weise verstohlen eingemeißelt worden war. Als dies am anderen Tage bemerkt wurde und den Staidtvätern bekannt 'geworden war, schickten sie sofort Männer der Sicherheitswache hin, um das Hakenkreuz offiziell ausmerzen zu lassen . Gleich nebenan ist der Eingang in das Haus des Rabbi, welches von ihm und seiner Familie allein bewohnt wind und einen' reizenden Garten besitzt, von dem aus den Eingang direkt in die Synagoge führt, und zwar auf seinen' Rabbünerplatz, worauf — wie ich aus dem Gespräche entnialhm — der Rabbiner besonders stolz ist. Bs ist eiin Vergnügen und eine geistige Erholung, mit ihm eine Konversation zu führen; geistig frisch, vielwissend und nicht ohne Humor. Ich hatte noch das besondere Vergnügen, nach vielen Jahren JugenderinnerjUingen von der Preßbuirger Jeschiwa _auis^mtiauischen und Bemerkungen zu hören, die den Spruch der Weisen bestätigen, daß auch das „Siehaschu'lim von Talmide Chachomim" geistige Anregung bietet. An seiner Seite waltet die würdige Gattin-, die er in spätem Alter gefreit, die ihrer berühmten Vargängerjin, der Toohter des seligen S. R. Hirsch, nicht nachstieiht, da sie der im Deutschland weit verzwiöiigten und wohlbekannten Familie F e u c h t w a ngie r angehört und weiß, was die- .lüdischkeit von einer frommen Frau fordert und wie Männer der Thora geehrt werden sollen. Haus und FairrÄe bieten einen wohltuenden Anblick und man sagt sich, dieses Haus ■und diese Familie 'gehören in die nächste Nachbarschaft einer solchen Synagoge, wie ist« dSe fromme Frankfurter israelitische Religionsgesellschaft — es ist dies die offizielle' Bezeichnung der orthodoxen Gemeinde — besitzt. Die Synagoge zu schildern, wie sie sich nach außen und innen repräsentiert, dazu gehört eine eigene hervorragende architektonische Kenntnis, ich kann nur betonen, obwohlich schon viele Tempel und Synagogen im Abend- und Morgenlarade gesehen, so (imponierend wie diese ihat noch keine aiuf micn gewirkt, obwohl sie keine Türme und keine Kuppein-hat, aber das Künstlerische der Ausführung bis in die kleinsten

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