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Die Wahrheit · 1924-06-13 · Heft 24 (13.6.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 24 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Deutscliösterreiciiisclie Wochenschrift für jfidisdie Interessen mt dem Beiblatt: Yerölfenflidiunaen der ..Union üeufschösterreidiisdier Juden « Redaktion und Administration f Wien II., HeineiiroOellS. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 13. Juni 1924. Nummer 24 Zum Verständnis der gegenwärtigen Krisis in der europäischen Geisteskultur. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. Erst wenn das Wesen einer Krankheit erforscht ist, .kann die Therapie einsetzen. So bei Einzelnen, so bei ganzen Völkern. Wenn wir das Elend' des deutschen Volkes uns vergegenwärtigen, so fragen wir nach den Entstehungsuirsachen. Hier beobachten wir nun, d;aß jeder durch seirne Pa-rteibrille gesehen einbesonderes, der Parteigruppe entsprechendes Bild -gewinnt. Von diesem egozentrischen Standpunkt aus werden Heilmittel ergründet, um eine Gesundung herbeizuführen oder — auf unsere jetzigen Verhältnisse angewandt — um an dem Aufstieg des zu Boden geschleuderten! deutschen Volkes mitzuarbeiten. Vitole sind berufen, aber wenige sind auserwah.lt. Das allejwichtigste Moment wird am wendigsten betont: die Ertüchtigung einer wahrhaft menschenwürdigen Gesinnung, die das Hei des Qa n z e n nicht einseitig in der Konfession, in der Rasse und! im Nationalen erblickt, sondern im Humanen. Man möchte dem alten Ph'nius zustimmen, wenn er sagt: Nur das ist "gewiß, daß es nichs gewisses, gibt uriri -nächst erbärmlicheres und hochmütigeres als den Menschen. Dem Theologen eröffnet sich eifo herrliches Arbeitsgebiet, um die Masse des Volkes günstig zu beeinflussen, die Macht besitzen sie. . . Der Geistliche müßte auf der" höchsten Stufe der Bildung stehen, über reiche Erfahrung, vollkommenes Verständnis, aller menschlichen Dinge und genaue Kenntnis des menschlichen- Herzens müßte er verfügen und damit vereint die unerläßliche Forderung: Duldtog und Milde. Aber die Geistlichen — selbstverständlich nicht alle — erfassen nicht dem Kern ihres Berufes, sie predigen Haß statt Liebe. Aus der Religion der Nächstenliebe entwickelt sich -die blutdürstige Tyrannei, die schwersten Greueltaten werden im Namen v der Religion verübt — trotz des schönen Satzes: ecclesia non sitit sanguinem (die Kirche dürstet nicht nach Blut). Es muß als Axiom hingestellt werden, daß der Antisemitismus niemals in welcher Form auch, ob als Salonodefr Radauantisemitismus, einen geistigen^ Fortschritt anbahnen kann. Es ist oft genug betont worden, daß das antisemitische Treiben, diese Seuche, unreligiös, unsittlich und^unchristlich ist.-Trotz--alledem wird der Antisemitismus imimerwährenidL alui der , Kanzel, dem Katheder und selbst im sogenannten wissenschaftlichen Schritten gepredigt untd gelehirt. Es bleibt dlaibeV daß im Kampfe gegen Selbstsucht, Gemeinheit und Gesinnungslosigkeit unserer Tage nur eines nötig ist: Erziehung zu Idealen, zum Glauben1 an das Gute, Wahre und Schöne im Leben und in der Kunst. l^ese Gedanken bewegten uns, als wir das Buch des Geheimen Konsistorialrats Professor der Theologie Dr. Reiinhold Seeberg in Berlin lasen, das den Titel unserer Ueberschrift führt. (A. Deicherrsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig - Erlangen 1923.) Der gelehrte Verfasser kennzeichnet die geistigen Strömungen im Zeitalter Wilhelm U. und betrachtet es durchwegs als eine Periode des Innern Niederganges auf dem Gebiete der Literatur, Kunst und der Kirche. Viel Treffliches finden wwr hier verzeichnet. So ist uns aus dem Herzen geschrieben, wenn er 'den in unserer Zeit stark hervortretenden mystischen Zug als „etwas Ungesundes und \V e r i r rt e s" c frarak t e r:s: e r t. Hier interessiert uns besonders des Verfassers Steilungnahme zur Judenfrage. Er sagt: „Niemand wird leugnen, daß die erregte Stimmung des Hasses wider einen Bestandteil unserer Bevölkerung in einer Zeit, da positive Arbeit unfct energischer Wiederaufbau unser aller Aufgabe ist, in hohem Grate bedenklich ist. Und; man kann noch mehr sagen, es erscheint keineswegs als sicher (Non limiet!), daß diese Erregung dazu-beitragen wird, die schädlichen Einflüsse, die etwa (sie) von der jüdischen Presse und der jüdischen Leitung eines Theaterwesens ausgehen (echt antisemitisch!), auf diesem Wege auch nur aus den Kreisen der Jugendlichen auszuscheiden." Der Herr Geheimrat gibt zu, „daß wir unter unseren jüdischen Mitbürgern, sie seien uns nun mehr oder weniger sympathisch (ich habe nun einmal eine Antipathie!), eine große Zahl ernster sittlicher Persönlichkeiten haben, welche dem Vaterland nach besten Kräften dienen und weiter zu dienen willens sind, welche die nationale Not dieser Zeit innerlich mitempfinden, und, um ihr zu steuern, jederzeit mitzuhelfen bereit sind." Der Herr Professor wirft die Frage auf: „Ist es klug, die Juden, die von dem jüdischen Geiste sich lösen wollen, in die Genossenschaft dieses Geistes zurückzustoßen?" Was versteht der Herr Professor unter dem „jüdischen Geist44?*) Das ist ein altes antisemitisches Schlagwort, das in die große Masse des Volkes geworfen wird, um verheerend, vergiftend zu wirken. Man denkt da an-das Wort im Faust: „Ich habe selbst das Gift an Tausende gegeben: sie welken hin, ich muß erleben, daß man die frechen Mörder lobt.44 Sind dem *) Zu seiner Orientierung lese der Herr Geheimrat die treiiliche Schrift J. Heineman.ns „Vom jüdischen Geist" {Philo-Verkfg, Berlin). —

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