Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064093--12853-3080326- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 25 August 1914 zugewanderten Angehörigen ä&r j ü d isclem Rasse aus Deutschland unter teiiliwieiser Koiiiiskation ihres Vermögens, die Rüokgängiigimadiuin'g sämtlicher Aenderuugen von jüidfechen Namen und idie S t el lu n g all e r Angehörigen der jüdischen Rasse unter ein Sonderrecht verlangt. Die Kampagne zur Wiederherstellung der Monarchie in Deutschland wird somit mit einem Vorstoß gegen (die Gleichberechtigu'ng der Juden eingeleitet luod es ist bei der derzeitigen Mtatalität des deutschen Volkes gar keine Präge, daß eine solche Kampagne große Aussicht auf Erfolg hat. Für die derzeitige Lage in Deutsch9a;hd fehlt jede Vergleichsmöglichkeit Man hätte es begreiflich finden können, diaiß die tiefe Enttäuschung dies deutschen Volkes über die erlittene Niederlage sich in einem gewaltigen Anwachsen der kommunistischen Idee Luit gemaicht hätte, ähnlich wie im Jahre 1871 die furchtbare Enttäuschung des französisehlen Volkes sich in dem blutigen Pariser Kommunistenaufsitand Luft gemacht hat. Aber daß däe Psyche des deutschen Volkes sich nach den Enttäuschungen dies Krieges in einer Rückkehr zur Monarchie, zur ödesten und blödesten Soldaterei und zum koddrigsten PreußentumLuft machen werde, das war nicht vorauszusehen. Nicht »die Person des Herrn Ludendorff urnd seines engeren Anhanges, nicht die von flhrni und seinen Genossen in der ersten Sitzung eingebrachten Anträge auf Entrechtung der Juden sind es, weiche uns mit tiefer Bekümmernis in die nächste Zukunft Wicken lassen. Bs «ist der absolute Mangel jedes politischen Sinnes und Verständnisses, der Triumph der ödes^n und blödesten nationalistischen Phrasen, dte aus den ersten Kundgebungen des neuen Reichstages ersichtlich werden und uns mit aufrichtiger Besorgnis für die nächste Zukunft des deutschen Volkes erfüllen. Vielleicht wird; noch das Schlimmste abgewendet; vielleicht gelingt es noch, auis dem Zentrum, den Demokraten und dem Großteil der deutschen Volkspartei eine geringe Mehrifoeft zusammenzukiittern, die unter der wohlwollenden Dulldung der Sozialdemokraten eine Zeitlang die parilamentarisohen Geschäfte führen kann. Aber die formelle Frage, ob dieser Reichstag lebensfähig ist oder ob eki anderer au seine Stelle treten wird1, ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist die in dien Wahlen deutlich manifestierte Mentalität des deutschen: Volkes, .entscheidend ist die Skrupelosigkeit, mit welcher sich dieses Volk allem bösen Gewalten, dem Nationalismus, dem Antisemitismus, den Militarismus in die Arme getroffen hat. Und entscheidend ist, daß dies in einem Augenblicke geschieht, wo in Frankreich der gesunde Menschenverstand und die humanistische Richtung sich gegen Poincare und Millerand durchgesetzt hat, und in England die Arbeiterpartei die Grundsätze der Menschichkeit und der Friedfertigkeit zum Durohbruche bringen wii. Die <läppischen Anträge des Herrin LudendOrff, dessen geistige Oede in dem scharfen' Lichte des Parlaments erst noch ganz und voll hervortreten wind, lassen uns kalt. Auch im deutschen Reiche ist 'die politische und wirtschaftliohe Stellung der Juden von den Lebensbedürfnissen des deutschen Volkes nicht mehr zu trennen und wie sich der Patriotismus der deutschen Juden durch Hinga'be von Gilt und Blut im Kriege bewährt hat, so ist er auch heute uneratibehrilüch für den Wiederauifbau des Reiches. Das hat sich auch in Oesterreich erwiesen, und es gibt heute in diiesem Staate keinen vernünftigen Politiker mehr, der einen' Wiederaufbau, ohne die Mit Wirkung der Juden für möglich hielte. Das wind sich auch in Deutschland erweisen. Also nicht um die Juden, sondern um dais deutsche Volk ist uns bange. Siegfried Fleischer. Aus unseren Rechtsschutzu. Abwehrbüro. Lucien Wolf über den Numerus clausus in Oesterreich. Unter den zur internationalen Konferenz für Emigration und Immigration in Rom eingetroffenen Vertretern jüdischer Vereinigungen befindet sich auch Herr Lucien Wolf, der über den Stand der jüdischen Sache auf der Konferenz befragt wurde. Herr Lucien Wolf führte aus, daß die Vertreter der jüdischen Organisationen der Konferenz ihre Wünsche in einem vom internationalen Komitee der privaten Organisationen zum Schutz der Emigranten vorgelegten Memorandum unterbreitet haben. Im übrigen wird alles getan werden, um Erleichterungen'für jüdische Auswanderer zu erlangen, besonders für diejenigen Auswanderer, die im Besitze ordnungsmäßiger Visa, jedoch nicht in ihr Besthnm'imigslanidi kommen können. „Mit der Lage der Juden du den osteuropäischen Ländern", erzählte Herr Wolf, „beschäftigte sich das etiglisohjüdische Foreign Committee in einem weiten Maße. Besonders was den Numerus clausus an den Universitäten anbelangt. Man wird darüber ein Gesuch an den permanenten internationalen G e r ic h t s h o f richten. Sobald die Dokumente vollständig beisammen sind, werden wir uns an den Völkerbund wenden, daß er den Gerichtshof um einen konsultativen Bescheid bezüglich der Gesetzlichkeit des Numerus clausus ersucht. Nach Rücksprache mit Rechtssachverständigen in Wien habe ich den Eindruck, daß wir d i e Sympathie, des Völkerbundes auf unserer Seite haben. Es ist klar, daß, wenn wir eine Entscheidung des permanenten Gerichtshofes darüber erhalten, daß der Numerus clausus einen Verstoß gegen die Minoritätenrechte "bedeutet, dies das Ende des Numerus clausus' bedeuten wird. Die Bestimmungen der Minoritätenverträge haben eine große Macht In Wien wurde mir zum Beispiel versichert, daß die Regierung nicht nur entschlossen ist, die Agitation für den Numerus clausus zu untersagen, sondern auch die Propaganda für die Einschränkung der ^verfassungsmäßigen Rechte der Juden." Diese Versicherung ist bisher niC-M zur Wahrheit geworden. Ein Gottseidankruf der „Arbeiterpresse". Wofür dankt dieses rüde Hakenkreuzlerblatt dem lieben Gott? Dafür, daß es noch Richter in Oesterreich gibt, von der Sorte jener, die im Spillern und kürzlich in Wien in Prozessen, wo Mord und Totschlag drohen, zugunsten der Schuldigen judizierten. Nach Ansicht der „Arbeiterpresse" hätte immer das rote Karnickel angefangen und die NairiioniaJsoziialisten steh mir ifarer bedrängten Haut gewehrt. Hier wie dort sei von ihnen bloß in die Luft geschossen worden. Offenbar sind die Leute der „Arbeiterpresse" im Besitz von Wunderpistolen, die um die Ecke schießen können, sonst wäre es nicht möglich, daß ein in die Luft gefeuertes Projektil einen Menschen töten kann. Den Gipfel brutaler Anstandslosigkeit erklimmt dieses Blatt in der Notiz „Die Völker wehren sich", die mit unverhohlener F.reuicfe die Pogrome in Klaiusenburig und Budapest begrüßt, bei denen es „wohl nicht besonders zivilisiert hergegangen sein soll". Die. skandalöse Auslassung schließt mit der Aufforderung „Arische Studenten wehrt Euch!" ______;_____• _ _ ~I J\ 12 * f CTltÄ Kleiöer-, Pelzeu. Gummimäntel-Fa I 1 I VI JfJk \f |^ HT Zentrale: Detailverkauf: ß * » »TH ■ * «-rf 1 m Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstra