Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seite 3 Fall sein, wenn es um -die Ehrung der Eltern geht, die idbeh der Inbegriff unseres Ehrwürdigsten auf auf Erden sein sollten. Allein, ein Blick auf die Lebensverhältnisse geworfen, wie sie vielfach sind, im Gegensatz dazni, wie sie sein sollten, -gibt die Aufklärung. Die Lebensverhältnisse zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen Alter und Jugend überhaupt sollten so sein, daß ein Teil in dem anderen und mit dem anderen so lebt, daß die beiden Leben ineinanderfließen und sich ergänzen. Lebt jeder Teil, wie das in unserer modernen Zeit zutage tritt, nur ein Leben für sieh, das mit dem des anderen Teiles nichts Innerliches gemeinsam hat, dann ist das Leben jedes einzelnen nur ein Eigenlieben und ein Eigenleben ist kurz und flüchtig. Löben Alter und Jugend, Eltern und Kinder alber ein Leiben ineinander und füreinander, dann lebt jeder Teil ein Leben beider Teile und dieses Leiben ist lang und daiuernid. „Auf, daß lange währen deine Tage", drückt also nicht, soweit einen Lohn aus, denn der ist für das Jenseits vorbehalten, ais vielmehr eine Voraussage der notwendigen Folge, die eintritt, wo »die Befolgung dels fünften Gebotes in dem bisher erörterten Sinne obwaltet. Die guten Kinder ehrfurchtsstrahlender Eltern leiben auch das Leiben von; Vater umd Mutter. Sie sind also reich an Lebenstagen, so jung sie auch sein mögen, und die vorbildilichen frommen Eltern leiben neu auf in ihren ebenbiJdlliichen Kiudiern. Sie-bleiben ailso jung, so alt sie auch sind. Und wenn sie selbst der kühle Rasen deckt, sie leben noch immer im Löben ""der Kinder, ein Leben langer Tage auf dem Erdreiche, das sie sich ini ihren Kindern gegründet und das der Ewige, ihr Gott, ihnen ewig gibt. Das langwährende Leben" auf dem Erdreiche, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, ist im jüdischen war den Talmudbeflissehen gleichsam eine geistige Abwechslung, die sie erfrischte und erfreute. Die Synagoge ist ganz nach altem Ritus gebaut, obwohl aus neuerer Zeit; die Ausstattung nicht überladen, aber trotzdem kostbar. In der heiligen Lade befindet sich als weihevolles, geheiligtes Andenken, ein Sefer Thora, welches von dem Verfasser des „Konban Nessannel" selbst geschrieben worden ist. Seine Minhagim sind auch in der Gebetordnunig maßgebend. Vor der einen Seite der Gortesläde befinden siclijdie Lichter von den Awelim für das ganze J-aihr gestiftet, vor der anderen die für die Jahrzeiten usw.. nicht für Kerzen oder Oel, sondern eigentümlicherweise für elektrische Beleuchtung. Sollte dies noch aus der schrecklichen Kriegsnotzeit sich erhalten haben, in der Oel urnid Kerzen zu den Bedarfsartikeln gehörten, die nicht so leicht zu bekommen . waren? Die heilige Lade sollte mir noch eine Ueberraschung bieten, die mir dazumal noch ganz neu war; auf meiner Weiterreise in einer anderen Gemeinde, wo ich dasselbe erlebte, war sie mir keine Ueberraschung mehr. Als ich nämlich mit der „Hozoah" beehrt wurde und also die heilige Lade zu öffnen hatte, da wurde ich plötzlich aus der Lade heraus wie von einem Lichtstrahle überflutet und alle Sifre Thora, einige bekleidet mit den silbernen, vergoldeten Kleikodesch, angetan mit den goldgestickten Samt- und Seidenmäntelchen, erstrahlten wie in einem zauberhaften Lichterglanze. Im ersten Momente erstarrte ich fast vor Ueberraschung und als ich. wie hypnotisiert, genau hinschaute, erkannte ich, daß dies ein einfacher natürlicher, wie auch wohl von dem Erbauer genau vorberechneter Vorgang war. In der Lade selbst ist nämlich in der Höhe ein farbiges Fenster angebracht, und da dieses nach Osten gerichtet ist und in der Zeit des Mussafgebetes das Sonnenlicht genaue von Osten aus in das Fensterchen hineinleuchtet, so war mir der blendende, farbenleuchtende Strahl, der sich beim Oeffnen der Bundeslade über dieselbe so herrlich ergoß, in einfacher Weise erklärt. Schrifttum oft und viel erörtert. Welches, o Jude, ist das Erdenreich, das der Ewige, dein Gott,, dir gibt? Ist es dein Wohnsitz, dein Beruf, deine Stallung? Ist es das Leben oder ist es der Tod; ist es die Wiege oder das Grab; ist es auf Erden oder ist es im Himmel? Welches ist es und wo ist 'es? Die Antwort ist eine Gegentrage: Welches ißt es nicht und wo ist es nicht? Alles, was diu dein nennst, ist Gottes Erdreich, und wo du bist und wodurch diu bist, ist Boden und Basis des Gottesreiiehes. Dein Glück und dein Leid, deine Freude und deine Wehmut, deine Arbeit und dein Erwerb, dein Leben ••und dein Sterben, es ist dias Reich, das der Ewige, dein Gott, dir gibt. Zu dir, Jude, spricht Gott nicht: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt", aber er spricht auch nacht: „Mein Reich ist nur von dieser Wellt". Er spricht: „Mein Reich ist hier und drüben, da und dort, jetzt und immer". Nur wenn du das weißt und fühlst, mit ganzer Seele daran hängst, dann kannst du wissen und hoffen, daß ein Leiben der Ehrfurcht vor dem, was heilig ist, ein Leben der langen Dauer ist- und ein Schimmer vom Glänze der Ewigkeit geht dir schon hiernieden auf. Man hat das Wort von ,4'öm Erdreich, das der Ewige, dein Gott, dir gibt", verschiedentlich bezogen auf das heilige Land, unserer Väter Heimat, auf den Ackerboden, den der Me tisch ensohn im Schweiße seines Angesichte zu bebauen hat. auf dias Jenseits des irdischen Gut und Böse, das man hier nur ahnt und nicht sieht, noch kennt. Aber wir'meinen: es hat nicht Bezug auf dieses oder jenes, es hat Bezug auf alles zusammen. Wer Eltern und Ahnen ehrfürchtet und ihr Leben wieder.le'bt, steht mit festen Füßen auf dem heiiligen Boden der Väter. Wer dias Reich der Vorhergehenden achtet und liebt, hat auch Es war dies ein Erlebnis, das mich unwillkürlich an ein gleichartiges in Paris erinnerte, als ich dort das Grab Napoleons im fnvalidendom besuchte. Dieses Grab, welches sich genau unterhalb der großen Kuppel des Domes befindet, ist schon an sich selbst eine überraschende und zugleich erschütternde Sehenswürdigkeit. Es war zur Abendzeit, fast vor Sonnenuntergang. Plötzlich ergoß sich ein lichtgelber goldener Sonnenstrahl direkt über die steinerne Gruft. Alles stand wie starr erstaunt, es machte fast einen erschreckenden Eindruck, bis uns der Führer auf ein großes gelbfarbiges Fenster hoch oben nach der Westseite des Mausoleums hinwies, von wo aus vor Sonnenuntergang die letzten Strahlen über das Grab sich ergießen. Napoleon, sein Grab, eine untergegangene Sonne. Da in der Synagoge erlebte ich — lehawdil — das Gleiche, der Morgenstrahl der aufgehenden Sonne, über Israels Thorarollen sich ergießend! Von dem Gottesdienste in der Synagoge der Religionsgesellschaft möchte ich nur eines noch erwähnen. Am Freitag Abend, am Schluß des Gebetes, tritt ein .lahrzeithaltender vor die Bundeslade hin. um das Kadisch zu sagen, aber angetanmit dem Gebetmantel wie der Vorbeter. Ich hatte dies bisher nur in den sephardischen Gemeinden gesehen, ebenso in den Synagogen zu London und Paris, wie auch in den italienischen. Mit besonderem Pomp habe ich diese Form im großen Tempel zu Mailand beobachtet, wo der Rabbino maggida am Freitag Abend nach dem Minchagebete, angetan mit dem ganzen Ornate und mit dem Tallis bekleidet, die Awelim um sich versammelt. di;e gleichfalls mit Talessiim bekleidet sind, ein Gebet für die Verstorbenen mit Anführung ihrer Namen verrichtet und dann mit ihnen zusammen das Kadfech spricht Gleichzeitig werden in einer Reihe von Lampen rings um die heilige Lade die Lichter entzündet: aber die ganze Form des Vorganges macht einen Eindruck, wie wenn es einer Messe in der Kirche nachgebildet werden sollte. In der Synagoge von Karlsruhe ist gewiß keine Spur von Chukkoth agot, abe* der"1 Gebetmangel zum Kadisch in der Nacht, erschien mir dennoch etwas auffällig.