Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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'iS^aUBätäXBSläMSSiäSBK' ^MMtJi^ssMIM^MSMäiSi mmä^^£xm^t^^sm^^^mM^mmm^x^^MM Seite 2 DIE WAHRHEIT zu Vater und Mutter aufschauen können umd1'aufzuschauen Anlaß halben. Daher spricht unser Geibot auch nicht von der Li'eibe neben der Verehrung. Denn wenn die Kinder zur Verehrung Anlaß, halben, ist die Liebe eine Sache der Selbstverstä'nldliiCihJkieit und braucht nicht in ein Gebot gefaßt zu werden. Man hört Klage darüber führen, daß die Jugend unserer Tage die Bande (der Scheu;unld Ehrfurcht, auch den Eltern gegenüber gelockert hat und auch diese natürliche Autorität nicht mehr so gefestigt erscheint wie ehedem. Das ist gewiß wahr und1 tief zu beklagen. Allein, liegt die Quelle des Uebels immer bei der Jugend? Warum klagen sich nicht manchmal auch die Eltern an, daß sie selbst vielfach die Ehrfurcht vor ihrer elterlichen Berufung nicht haben, die Scheu vor dem, was ihnen hehr und! heiihg sein softe, nfcht besitzen und so ihre Autorität sellbst verloren oder gar verscherzt haben. Es gibt , noch einen Vater über den Vater, das ist Gott und es gibt noch eine Mutter über der Mutter, das äst die Religion. In dem Maße, wie die Eltern Ehrfurcht vor diesem Vater und dieser Mutter, m demselben: Maße machen sie sich selbst ehrfürchtig vor ihren Kindern. Sehr bezeichnend taerfür ist die Ansicht der Weisen', die die Elternverehnunig ohne weieres aufhebt, wenn das Verhalten der Eitern dem Kinde zu einer Uebertretag eines der Gottesgebote Anlaß gibt. Noch bezeichnender aber ist, daß in den zehn; Gelboten 'das Gebot der Elternehrfiurcht auf das Gebot des £aJb- 'baths folgt Der Salbbath ist die anschaulichste Ehrfurchtsbezeugung vor Gott. In einem Hause, wo die Kinider die Ehrfurcht vor Gott und Religion betätigen sehen, wird es auch nicht an der Ehrfurchti vor den Eltern fehlere Auf das Gebot der Elternehrfurcht folgtidais Geibot: „Du sollist nicht töten." Kindern, die ihre| Eltern den Gehorsam versagen und ihnen Unehr machen, verwunden das Herz der Eltern-und töte es schließlich seeli'sch. Ebenso aber töten idiie Elter das reine, manchmal angeborene Ekelgefühl ihre Kjimder, wenn sie es verabsäumen öder gar absieht] lieh 'unterlassen, ihnen mit dem Beispiel der Re Igibnstreuie aiand Frömmigkeit, mit Güte und Woi tun voranzugehen. Man seufzt heute und ruft' nacl dem verlorenen Paradies 'des" alitjMfedien ORaimdlienl glückes, das in einer stillen* schlichten, edlen Einfaf 'bestand. Ist das wirklich für-immer verloren? Nein imialcht die verschlossenen Fenster eurer Herzen nid wiadtenum weit auf, Juden und, Jüdinnen, laßt' Lu| iunid Sonne des Glaubens wiederum unbeschränkt iil eure Häuser dringen, schmückt euer Heim mi| Blumen des Sabbaths und der Feste, machet da TauroMernen und Lehren wiederum' zum guten Toi der Gesellschaft, lasset uns Alte1 selbst so sein1, wia wir die Jugend gerne haben wollen, dlann wird di^ Jugend sein, wie Gott sie will, und alle zusammen werden wir dann uns erfreuen der Folge des fünftel! Gebotes, das ein Leben der dangen Dauer nach sich zieht. Bei keinem der zehn Gebote und auch selteij bei/anderen Vorschriften der Tausroh steht bei der! Verordnung gleich der verheißene Lohn zur Seite] wie hier, bei dem Gebote der Elternehrfuircht. Mu£ es nicht ein reines und zartes Gefühl vielleicht noch eher verletzen als anspornen, wenn für die Eltern^ ehrfurcht ein Lohn in Aussicht gestellt wird? Sollen wir doch die Gelbote Gottes nicht aus Berechnung der Vergeltung ausüben, sondern aus reiner Freudign keit am; Guten. . Nun wieviel mehr müßte dies der Feuilleton Deutsche Reisebriefe eines Badeners (b6i Wien), in. Karlsruhe, den 23. der Sephira 5684. Ich befinde mich nun auf dem Wege nach Karlsruhe. Aus dem Coupefenster blickend, drängt sich mir unwillkürlich die Veränderung der Bodenbeschaffenheit auf. Die ganze Strecke von Baidenweiiler über Freaburg bis Baden-Baiden hatte eine besondere Eigentümlichkeit: der Boden, die Steine, der Schotter und der Sand sind durchaus rötlich und erinnerten mich als einstigen Palästinareisenden an däie Bodenbeschaffenheit des heiligen Landes; dort ist auch der rötliche Schein des Bodens zu Hause. Ich erklärte mir dazumal die Bezeichnung des Erdbodens in der Bibel als „Adamah" von diesem rötlichen Scheine, da doch ,,-adom" rötlich heißt. Und da nach der Auffassung der Bibel der erste Mensch vom Staube der Erde geschaffen worden ist, bedeutet sein Name „Adam" eigentlich nicht so sehr r.Erdensohn", wie man gewöhnlich das hebräische ..Adam" übersetzt, sondern zugleich der „Rötliche". So erhielt auch Esau, als er von der rötlichen Speise des Linsengerichtes zu kosten verlangte, den Namen „Edom", der „Rötliche", indem er zu Jakob gesprochen hatte: Gib doch von dieser „rötlichen" Speise dem „Rötlichen". Seine Ausdrucksweise wäre nun ein köstliches Wortspiel gewesen, das ihm dann, als Bezeichnung seiner Rasse, historisch haften geblieben ist, indem von nun an „Esau" den Namen „Edom" beibehielt. Kaum daß man dieses Schwarzwaldgebiet mit seinen Heilquellen verläßt, verliert sich der rötliche Anblick des Erdbodens und erhält das Aussehen der sonstigen allgemeinen Bodenbeschaffenheit. Aber nun genug von diesen geologischen! Betrachtungen, - die sich mir nur in Erinnerung an Palästina! unbewußt aufgedrängt haben. Meine Briefe von der ziemlich! ausgedehnten deutschen Reise haben ja nur den Zweck, vom! jüdischen Leben und Wesen zu berichten, besonders wie esl sich jetzt in der Nachkriegszeit manifestiert; aber nicht utnj die Eindrücke wiederzugeben, wie das deutsche Judentum sich! politisch und national gegenwärtig sozusagen auslebt, wie es] sich in seinen religiösen Bewegungen umwandelt und repräsentiert, sondern.nur wie es sich äußerlich „dem Gastwanderer] auf Augenblicke" darstellt. Wir sind in Karlsruhe, einer ganz modernen Stadt, schon] in ihrer Anlage und! Bauart. Da4 es die Schöpfungsiauine einesj Markgrafen ist, der vor kaum drei Jahrhunderten gelebt hat. so hat es zum Unterschiede von vielen anderen deutschen] Städten gar nichts Mittelalterliches an sich. Es' sind schnurgerade Straßen, die fächerartig vom. Mittelpunkt, dem Für- J stenschlösse, ausstrahlen und ein Bild ruhiger Entwicklung] geben. Das ist es auch, was sich uns im jüdischen Leben der | Gemeinde wiederspiegelt. Die jüdische Stadtgemeinde, ein] ruhig geordnetes Gebilde der badensischen Kirchenverfassung, | geht ihre/aus der liberalen reformistischen Zeit her ausgetretenen Wege; die jüdische Religionsgemeinschaft wandelt unbeirrt ihre alte geläufige Bahn der jüdischen Orthodoxie.1 Sie stehen einander gar nicht im Wege und gesellschaftlich, sozial verkehren sie untereinander in Freundschaft und Herzlichkeit und lassen jeden nach seiner Fasson selig werden. Ein idyllisches Bild eines friedlichen, jüdischen Gemeindelebens, welches so freundlich sich in dem Namen der Stadt, als „Karlsruhe", "verkörpert. Am Abend, zur späten Sephirazeit, fand ich im Bethamidrasch der Religionsgemeinde eine stattliche Anzahl von älteren und jüngeren Männern, die sich mit dem Tälmudstudium eifrig beschäftigten. Herzlich begrüßt, beteiligte ich mich an demselben und es wurde freudig jede einzelne Bemerkung aufgenommen, die von mir gemacht wurde, es