Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT * \ DeulschOslerrelchische Wochenschrift ftir jüdische Interessen HU dem Belhlatt; Yeröifienfliciiungen der „Union deutschösterreidiisdier Joden * Redaktion und Administration: Wien II., HeinesiraOe,13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 6. Juni 1924. Nummer 23 Autoritätswege und Erziehungsmaximen im Lichte des fünften Gebotes. Gedanken zum Schwuausfeste. Von Dr. Adolf A11 m a n n, Oberräbbiner in Trier. Ein Köllig wollte einst seinen treuen und bewährten Dienern, einen Beweis seiner HuÜd und Ankennung gelben, Er führte sie in seine Sphiatzkaiminer, Meß die geheimsten Türen vor ihnen öffnen und sprach: „.Ergötzt euch an dem Anblick und wählt euch jeder das Böste aus!" Aber sie blieben wie gebannt und .geblendet stehen und waren nicht imstande, sich etwas auszuwählen, denn die ihnen freigestellte Wahl ward ihnen zur Qual. Bis der Herrscher sagte:-„Greift nur mutig zu und nehmt, di© Schätze sind alle von gleich hohem Werte, wenn auch verschieden vom Ansehen." So ergeht es ums im geistigen Sinne, wenn wir am Schwuaus Gedanken über das Fest fassen wollen. Vor uns öffnet sich an diesem Feste die Schatzkammer Gottes. Der Offenlbarungsakt am Sinai, dem die Feier hauptsächlich gilt, erschließt uns die Pforten zur himmlischen Weisheit. Mit Jecheskel in der Haiftauro läßt man uns gleichsam durch die geöffneten Türen des Himmels schauen. Der Kostbarkeiten und Schätze der Gotteslehre sind, viele und wir sollen «daraus eine Auswahl treffen für eine gedankliche Aussprache über das Ganize. Was sollen wir uns da.wählen7 Doch die Qual ist nicht nötig für diese Wahl. Hier gilt der Grundsatz: „Greift nur hinein ... . wo ihr es packt, da ist es interessant." Alles in unserer Tauroh ist vorn Guten das Beste. Nur die Gesichtspunkte vom Einzelnen sindverschieden, die Werte im absolutem Sinne Meinen sich gleich. So sind die zehn Gebote des Dekallogs in ihrer Bedeutung für die ethische Grundlage des Menschengeschlechtes in Wert und Zusammenhang wie aus einem Guß. Von jedem beliebigen ausgehend, könnte man den Schatz der Schätze, gewinnen. Aber wir greifen hinein und wählen uns zum heutigen gedanklichen Ausgangspunkt die in die Augen fallendste mittelste aus der Reihe der 10 Perlen, das fünfte Gebot aus dem Zehnwort, und zwar: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit diu lange lebest auf dem Erdreiche, das der Ewige, dein Gott, dir gibt." Dieses. Gebot schließt den Inhalt dier einen Gesetzestaifel aib und leitet hinüber zu dem der anderen. Es vermittelt zwischen den Maximen der menschlichen Heiligkeit auf der einen Tafel und denen der heiligen Menschlichkeit auf der anderen. Wie der Mensch ein Gottesgiläuibiger sein-soll, kündet die eine Tafelhälfte, und wie der gottesgläubige Mensch sein soll, die andere. Das fünfte Gebot kündet aber beides; Gotteskindschaft dies Menschen steht in engem Konnex mit dem hohen Menschentum zwischen Eltern und Kind. Inwieweit sich jemand zu den Eltern als Kind hingezogen fühlt, vermag' er sich der Gotteskindcbaft -bewußt werden und ebenso eine feste Bindung als Sohn des Menschentums zu gewinnen. So klar dieses auch ist, findet dias Eltern-Ehrgebot doch nicht allgemein seine richtige Betrachtungsweise und diieses besonders mit Bezug auf eine — wie uns scheint — höchst charakteristische Seite. Wenn jemand fragen würde, an wen richtet sich die Aufforderung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter ..."?, so würde er über die Frage erstaunt sein und darum entgegnen, daß dies doch fraglos ist. Die Aufforderung gilt dem Kinde. Der Sohn und1 die Tochter haben Vater und Mutter zu ehren. Das ist gewiß nach dem Buchstaiben des Gesetzes so, nach dem Geist, Sinn und Zweck der göttlichen Verordnung steht aber mehr, viel mehr drinnen. Allerdings, das Kind soll Vater und Mutter ehren, aber solilen nicht ebenso Vater und Mutter das Kinid ehren und zu Ehren bringen? Was das heißt? wird man fragen. Die Schrift selbst sagt es, es heißt: der Vater ehre, seine Vaterschafft und die Mutter ihre Mutterschaft im Kinde. Wenn das Kind von innen heraus sich gedrängt fühlen soll, die Eltern zu ehren, so müssen die Eltern selber auf die Würde und Haltung ihrer Elternschaft bedacht sein, müssen Ehrfurcht empfinden vor ihrer elterlichen Berufung. Jüdisches Kind, ehre deinen Vater und deine Mutter, und jüdischer Vater, ehre deine W'ürde als Vater, jüdische Mutter, ehre deine Würde als Mutter. Es ist kein spielendes Glück, sondern eine Freude, mit der sich erhöhte Pflichtschuld verbindet. Glaube ja nicht, daß du als Vater oder Mutter schon an und für sich Verehrung fordern sollst, wenn du es nicht darfst. Nein, du mußt dir die Ehrfurcht erst verdient machen, durch .charakterfeste Selibstehre deiner Würde. Die Kinder haben freilich die unbedingte. Pflicht,« Vater und1 Mutter Verehrung zu zollen, aber das Gebot des Dekalogs schreibt den Eltern doch nicht vor: fordere die Ehrfurcht. Die Ehrfurcht können die Eltern nicht fordern, sondern nur erwarten und sie kommt . von selber ebenso wie der Gehorsam von selber kommt, wenn die Eltern statt des verkehrten unerzieherischen Systems, auf ihr Ekern-recht zu pochen, auf ihre eigene vorbildliche Haltung und Lebensführung Bedacht nehmen. Em Kind rmiiß bewundernd