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Die Wahrheit · 1924-05-30 · Heft 22 (30.5.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 22 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 22 > Kultur rückständiger Völker, sondern dem derjenigen folgen, deren Stärke es ist, daß sie durch gerechte Behandlung der in ihrer Mitte wohnenden Juden ihre gesamte Bevölkerung in eine einheitlich fühlende Nation verschmolzen haben. In England ist Disraeli nicht der einzige jüdische Minister geblieben; dort hat man einen Juden sogar zürn Vizekönig von Indien gemacht. In Frankreich finden wir seit der großen Revolution Juden vielfach tonangebend in Gesellschaft und Politik. In den Vereinigten Staaten ist ihr Einfluß außerordentlich groß, und für Italien ist nichts bezeichnender, als daß bei der Feier der Gründung der Stadt Rom sowohl deren Bürgermeister als auch der Premierminister Juden gewesen sind. In Deutschland dagegen hat die in den letzten Dezennien aufgekommene Antisemitenbewegung wesentlich dazu beigetragen, jene deutschfeindliche Stimmung hervorzurufen, unter der wir zur Zeit, da der Krieg ausbrach, so sfchr gelitten haben und welche noch heute die westlichen Völker mit Mißtrauen auf das deutsche Volk blicken läßt. Man sah darin einen Beleg, daß die spezifisch deutsche Kultur, von der in Deutschland die Rede war, in nichts anderem als Gewaltverherrlichung bestehe. Sie hat zur prinzipiellen Verurteilung des deutschen Geistes als des Feindes der Gleichberechtigung der Menschen und aller friedlichen Kultur mächtig beigetragen. Es ist nicht daran zu denken, daß die westlichen Völker zum Wiederaufbau des Deutschtums die Hand reichen, solange mau in diesem die Inkarnation von Gewalttätigkeit gegen andere Völker erblickt. Aber auch die zum Wiederaufbau des Deutschtums unerläßliche Einheit setzt eine solche Verschmelzung der deutschen Juden mit der übrigen deutschen Bevölkerung voraus, wie sie in den westlichen Ländern erfolgt ist. Das restlose Aufgehen der Juden in der deutschen Bevölkerung ist die einzig mögliche Lösung der Judenfrage. Sie aber hat das Aufhören des Judenhasses und dieser das Erlöschen der antisemitischen Bewegung zur Voraussetzung." Die Schlußargumentation Brentanos trifft indes nicht das Richtige. Er stößt in das Horn des allgemein bekämpften Dr. Naumann, der auch nur vom nationaldeutschen Juden das Heil erhofft. Romain Rolland: „Mahatma Gandhi" (R o t a p f e 1 - V e r- 1 a g. Erlenbach-Zürich 1923). Die Seele Indiens wird für den Europäer lebendig; Gandhi, der reine Mensch. ..erweckt sie, er, der Patriot, der gläubige Hindu. Der Held der ..Non-Resistenz", der Gewalt durch tapferes Martyrium unterdrücken will, der die Wiedergeburt Indiens vom Geiste erhofft und nicht vom technischen oder industriellen Fortschritt. Die ewige Idee reinen Menschentums soll sich durchringen, aber nicht in Wort, sondern in der Tat. Gandhi ist praktischer Politiker um seines Vaterlandes willen, er wirkt durch das eigene Vorbild, er verlangt von sich mehr, als von seinem Anhange, weil er als der Reife, Einsichtige höhere Verantwortung, höhere Pflichten hat. Er nimmt den Kampf mit der englischen Regierung auf, er organisiert die revolutionäre Bewegung, nur darauf bedächt, im Augenblick die „gemäße Tat" zu tun. Er wendet sich bewußt gegen die europäische Zivilisation, die den Körper pflegt, während die Seele hungert. Er geht in der Verneinung des Westlichen zwar nicht soweit wie Tolstoi, da er die Schönheiten der Kunst zu schätzen vermag, er lehnt jedoch alles ab. was seinem Volke in harter Not nicht unbedingt und sofort nützt. „Wenn die, die um mich sind, aus Mangel an Nahrung sterben, so ist mir nur eine Beschäftigung gestattet, die Hungernden nähren. Indien Jst ein Haus in Flammen .... Einem ausgehungerten, arbeitslosen Volk darf Gott nur in einer Form zu erscheinen wagen, in der Form von Arbeit und von Lohn, der Nahrung bedeutet . .#. .. Der Dichter lebt für die Zukunft und verlangt, wir sollen es ebenso halten .... Ich habe es für unmöglich gefunden, die Leiden der Verhungernden mit einem Gesang zu lindern." Mit diesen Worten begegnet er dem Vorwurf des Dichters Tagore, daß die Nationen miteinander leben, ineinander aufgehen, nicht aber wie es in Indien unter Gandhis Führung geschehe, sich abschließen und die Wohltat fremder Gesittung bedingungslos ablehnen sollen. Der Kosmopolit spricht zu dem Realpolitiker; da kannes gegenseitige Achtung, Verständigung«*an der Oberfläche, niemals wahre Einigung geben. Den Einen bannen die ewigen Welträtsel, den Anderen die vergänglichen Dinge. Trotzdem will auch Gandhi den Dichtern und ihren Liedern Achtung bezeugen, wenn er Indien die Freiheit gesichert. Vorläufig gelten die Notwendigkeiten des Alltags. Er stählt das Volk zu seelischen Widerstand, er erneuert den Grundgedanken des Christentums in wehrhaftem Sinne, die Religion seiner Väter ist mit seinem Wesen verwachsen, gehört zu ihm, wie die Wurzel zum Baume. Daß leben leiden heißt, weiß er, weiß aber desgleichen, daß Leid bloß Sinn hat um des höchsten Gutes seelischer Unbeflecktheit und nationaler Ehre willen. Ihm und wohl jedem Asiaten bedeutet die heimatliche Sclfolle Keimzelle der Entwicklung und der Kraft. Er hat Indien befreit durch sein Vorbild, durch seine Lehre.. Er hat im Gefängnisse für seine Idee gelitten. Heute ist er wieder den Seinen zurückgegeben. Sein Geist überwand die Gewalt. Wir werden diesen verehrungswiirdigen Mann nie völlig begreifen. Tagore konnte es aus innerer Verwandtschaft, weil er aus dem Lande der Phantasie stammt. Rolland, der geniale Franzose, liebt und bewundert Gandhi, wie man ein holdes Wunder liebt, an das "man glaubt, weil 'man mit dem Gefühl urteilt. Westen und Osten — zwei Sphären. Doch große Geister grüßen einander .aller Wege, denn sie wollen schließlich alle dasselbe: Ein freies, gütiges Menschentum. Dr. Otto Fröhlich (Wien). Das Weltbild Dantes von Dr. Max Fische r. Matthias Grünewald - Verlag, Mainz. Diese Schrift, die zum 60Q. Todestag des größten italienischen Dichters erschienen ist, will zur Vertiefung in Dantes unsterbliches Werk Divina Comedia dienen. Es erweckt auch für uns Juden regstes Interesse, bietet es doch mancherlei Reflexionen über biblische Gestalten. Zu dem Freundeskreis Dantes zählte auch der jüdische Dichter Immanuel (ital. Manoelo). Jüdischer und italienischer Geist, jüdische und italienische Bildung und Poesie vereinigte sich in den. italienischen Juden dieses Zeitalters, und die harmonische Vereinigung beider fand gleichsam ihre Verkörperung in Immanuel (siehe näheres in dem ausgezeichneten Werke „Geschichte der Juden in Rom" von Dr. Vogelstein und Dr. Rieger, Berlin 1896, Bd. I, pag. 428 uff.). Sp. M. Richard Kola, „Rückblick ins Gestrige." Erlebtes und Empfundenes. (R i k o 1 a - V e r 1 a g, Wien, Leipzig, München.) Die Biographie eines Fünfzigers, der in voller Schaffensfreude mitten im praktischen Leben steht und frohen Herzens Rückschau hält. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, früh vaterlos, doch von mütterlicher Liebe umhegt, in jungen Jahren bereits in leitender Stellung, heute Chef eines großen j Bankhauses und Präsident eines, gewaltigen Konzerns, Inhaber --des nach ihm benannten Rikola-Verlages, im Nebenamt Schriftsteller, Theaterkritiker, durch seine Position eine Zeitlang Berater der Regierung — wahrhaftig dieser Mann hat alle Höhen des Daseins durchmessen und sich den klaren Blick bewahrt. Niemals war er vom Willen anderer abhängig, ein Eigener auf , dem Felde seiner Tätigkeit, der mit eisernem Fleiße dem gesteckten Ziele zustrebte, den Freuden und Schönheiten des - Lebens zugeneigt und dadurch jung erhalten trotz aufreibender ' Arbeit. Nun kann eMn der Vollkraft die Mußestunden an der Seite der geliebten Trau genießen, mit sich und der Welt zufrieden. Er möchte den eigenen Lebensgang der heranwachsenden Jugend als Beispiel dafür hinstellen, sich durch Schicksalsschläge nicht entmutigen zu lassen, den Kampf um den Erfolg immer aufs neue aufzunehmen. Die junge Generation geht jetzt in eine harte Schule, "sie wird die Ratschläge eines verstandesklaren, energischen Mannes woli! verwerten. Dr. Otto Fröhlich (Wien). »tUSSVRIIIIgrffilllSllli Von der Bundesregierung Bewilligte Effchteniotteric Zugunsten des EllSABEfHfür Kriegswaisen, Lehrmädchen und Arbeiterinnen IVien IB., PSealzgcsssc; *8 felevhon Mr. 43-5-40 Gesamttreff er 600. Millionen Kronen Haupttreffer 120, §0, 33, 3© und lO MIIBIow8«3Ha und tausend canele^res TrefSer :*f> Lose In allen Banken und Trafiken erhältlich! — Wieder Verkäufer gesucht S Hr®nen

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