Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 22 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 DIE WAHRHEIT Seite 9 Theater, Kunst u. Literatur Lag B'omer-Feter. Der junge, erst vor einigen Monaten ins Leben gerufene „Bund jüdischer Eltern im 2. Wiener Gemeindebezirke" entfaltet eine außerordentlich rührige Tätigkeit. Nach dem glänzenden Kinderfest zu Chanuka, mit dem er sein Auftreten einleitete, zeigte er in der vollendet gelungenen Purimfeier im Zentralkino, daß seine Leitung auf der Höhe ihrer Aufgabe steht. Der Elternabend im Sitzungssaale der^Bezirksvertretung Leopoldstadt fiel so günstig aus, daß der'Verein sich an ein schwierigeres Experiment .wagen durfte. Es sollte zum ersten Male in Wien in großem Stile eine Lag B'omer-Feier versucht werden. Der Umstand, daß dieses altjüdische Schulfest auf einen Wochentag fiel, an dem die Kinder bis in die Nachmittagsstunden Unterricht haben und die Eltern durch ihren Beruf bis in den Abend in Anspruch genommen werden, sodann die Besorgnis, daß das warme Maiwetter viele von einer Veranstaltung in geschlossenem Räume zurückhalten könnte, vor allem das Ungewohnte einer Lag B'omer-Feier gaben zu bedenken. Das über alle Erwartung befriedigende Gelingen des Experimentes bewies aber, was sich allen Widerständen zum Trotz leisten läßt, wenn eine Vereinsleitung energisch und zielbewußt eine hohe Aufgabe in Angriff nimmt. Lange vor Beginn der Feier war der große Saal des ».Bayerischen Hof" überfüllt. Es war ein echtes Maienfest. Ein solcher herzerquickender Anblick einer unübersehbaren Schar festlich gekleideter blühender Kinder wird nicht oft geboten. Der Vereinsobmann Postamtsdirektor Gustav K o 1 m i n hielt eine zündende Eröffnungsansprache an die erschienenen Festgäste und Kinder. Ausgehend von einer kurzen sachlichen Belehrung über die Tendenzen des Vereines wies er auf die Bedeutung und Notwendigkeit einer gedeihlichen Entwicklung und des Fortbestandes des jüdischen Elternbundes hin, zwei Faktoren, die durch den Zusammenschluß von Eltern und Vereinsvorstand einerseits, durch Mitarbeit und praktische Betätigung sowie durch materielle Förderung anderseits erzielt werden können. Zum Schlüsse verlieh er dem Wunsche Ausdruck, daß diese Bestrebungen von Seiten der Eltern entsprechend gewürdigt und unterstützt werden mögen. Die formvollendete Festrede des Herrn Religionslehrers Markus Pick traf vorzüglich den Ton, der den Kindern zu Herzen gehen mußte. Ein schönes Vorspiel leitete das Fest ein. Der von Herrn Prof. Rudolf HeirrTann einstudierte Kinderchor trug den Psalm 121.1 ..Ich erhebe meine Augen zu den Bergen" in der Mendelssohnschen Vertonung vor. Schüler und Schülerinnen deklamierten in trefflicher Weise sinnige, dem Feste entsprechende, darunter auch hebräische Gedichte. Opernsängerin Fräulein Hanna M u n k sang meisterhaft Mozarts „Veilchen". Schuberts .,Forelle" und das „Heidenröslein". Nach einer Pause begrüßte der Vereinsobmann, der gemeinschaftlich mit seiner kongenialen Gattin und den übrigen Herren und Damen des Vorstandes in aufreibender Mühewaltung das Fest vorbereitet hatte, die erschienenen Gäste, so den Protektor des Vereines Herrn Rabbiner Dr. G r u n w a 1 d, den in Vertretung des Vorstandes der Kultusgemeinde erschienenen I. Sekretär Herrn Dr. Adler. Herrn Schulinspektor W i e s n e r, Frau Rabbiner Dr. Fimk, Herrn und Frau Prof. Moritz Antscherl u. a. m. Der Obmann dankte dem als Arrangeur bewundernswerten Herrn Religionslehrer Gotthold A n tscherl. dem unermüdlich, in selbstloser Weise für den Verein tätigen Herrn Ballettmeister H e i m a n n, der Frau Direktor Beate B a u m g a r t e n, die nach einer Skizze des Vereinsprotektors das Festspiel Lag B'omer gedichtet hat, und allen sonstigen Mitwirkenden. Nun wurde von drei Schülern und drei Schülerinnen das Festspiel aufgeführt. Von der noch heute in Palästina lebendigen Lag B'omer-Feier ausgehend, wird das Fest als ein Siegesfest in dem unvergleichlichen jüdischen Freiheitskampf gegen Hadrian gedeutet und Rabbi Akiba als Seele dieses heldenhaften, letzten blutigen Ringens des jüdischen Volkes um die Erhaltung seines Glaubens gefeiert. Berufsschauspieler hätten kaum eine tiefere Wirkung erzielen können, als diese jungen Dilettanten. Der stürmische Beifall, den das Festspiel mit seiner schönen poetischen Sprache und lyrischen Fassung erntete, hatte zur Folge, daß die Autorin auf die Bühne gerufen und durch Uebergabe eines schöne'n Blumenstockes geehrt wurde. Herrn Religionslehrer A n t s c h e r i gebührt das unbestrittene Lob, dieses Theaterstück in glänzender Weise exakt und effektvoll einstudiert zu haben. Als kleiner Meister produzierte sich auf der Geige Friedrich M e s 11 e r, am Klavier durch M. Morgenstern begleitet. Herr Lehrer Antscherl fesselte hierauf die Aufmerksamkeit der Schuljugend durch Vorlesung einiger einschlägigen jüdischen Dichtungen. Und nun folgte der Clou des Abends, Tänze und Festreigen, die dem Dirigenten Heimann zur höchsten Ehre gereichen. Den passendsten Abschluß der Feier bildete ein Zauberkünstler, der dieKleinen»ganz im Banne hielt. Hierauf dankte der Obmann nochmals allen kleinen und großen Gästen für den zahlreichen Besuch und entbot ihnen die herzlichsten Abschiedsgrüße, in der Hoffnung auf ein baldiges, frohes Wiedersehen. Für das jüdische Leben in Wien bedeutet diese Feier ein beachtenswertes Symptom. So feiert man bei uns in Wien Lag B'omer, wenn eine treibende Kraft da ist. wie der ..Jüdische Elterubund", den zu unterstützen Pflicht jeder jüdischen Familie wäre. Leonhard Frank, Der Mensch ist gut. Volksausgabe. Gustav Kiepenheuer - Verlag, Potsdam. Immer wieder muß die rücksichtloseste Wahrheit über das Wesen und Wirken des Krieges einer Welt, die so leicht seine Greuel ver- ' gessen will, gesagt werden. Diese Autgabe erfüllt vor allem das Buch von Leonhard Frank. Die entrollten Bilder entsprechen der grausigsten und furchtbarsten Wirklichkeit: der blu- - tige Wahnsinn des Feldes, die unmenschlichen Qualen in den Lazaretten und der würgende Schmerz in der Heimat. 0. H. Arnold Zweig, Söhne. Das zweite Geschichtenbuch. Grundpreis geheftet 4 Goldmark, in Ganzleinen gebunden 7 Goldmark. Verlag von Albert Lang e n in M ü u chen. — Arnold Zweig ist längst als einer der Stärksten, Echtesten und Reifsten aus unserer jüngeren Dichtergeneration bekannt. In seinem vor Jahr und Tag gleichfalls bei Albert Langen erschienenen ersten ..Geschichtenbuch", das schon mehrere Auflagen erlebte, hat er sich als ein ungewöhnliches Erzählertalent gezeigt und sich einen eigenen Typ der Novelle geschaffen. Seine Geschichten, farbig in de'r Erfindung, mannigfaltig in der Stimmung, zart in der Darstellung nnd kräftig in der Wirkung, fesseln durch künstlerisch beherrschte Gelassenheit und feine Beobachtung, durch höchst eindringliche Psychologie und tiefe Kenntnis des Seelenlebens, ebenso aber durch plastische Klarheit der Sprache und vornehme Gepflegtheit des Stils. Alle diese Vorzüge geben auch dem zweiten Geschichtenbuch sein besonderes Gesicht, nur unterscheidet es sich von dem ersten dadurch, daß die in ihm vereinigten Erzählungen Variationen über ein Thema, das Thema „Söhne", sind. In den „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer" wird der letzte Sohn der Geschichtsschreiber seiner Familie und schildert deren Aufstieg aus Niedrigkeit auf die Gipfelhöhen der Kultur und ihren allmählichen Verfall durch Ueberkultur. In der Erzählung „Bruder" wird der Sohn zum Rächer seines ermordeten Vaters. Spannend und von stärkster Wirkung ist darin besonders der düstere „Die Krähe" überschriebene zweite Teil, während im dritten die Friedlosigkeit des modernen Juden unter seinen deutschen Landsleuten erschütternd dargestellt wird. In scharfem Gegensatz hierzu steht „Benaröne". eine lustige Gymnasiastengeschichte. Abgeschlossen wird der Band durch eine feiive, schön menschliche Novellette „Das Kind", die durch die Zartheit und die wortkarge Maßhai-, tung errgeift. welche darin walten. Alles in allem: ein Novellenband von ungewöhnlichem Wrert, der jedem anspruchsvollen Leser Freude bereiten muß. .Der Judenhaß von Prof. Lujo B r e n t a n o, mit einem Vorwort von Rabbiner Dr. M. Eschelbacher. Düsseldorf. Im Philo-Verlag ist diese vor einem Jahr als Feuilleton der „Neuen Freien Presse" erschienene Studie neu herausgegeben, die den Standpunkt dieses unvoreingenommenen deutschen Gelehrten kennzeichnet und,in die Worte ausklingt: „Was uns Deutschen nottut, ist Einheit des Fühlens und Denkens. Sie kann nicht erreicht werden, indem wir dem Beispiel in der JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien IL, Taborstraße 44