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Die Wahrheit · 1924-05-30 · Heft 22 (30.5.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 22 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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äsL ^^^^^^^i^zZs^Ji^iSi: 3&^dt£k ^M2&&s^u^i ^läfe*1 Seite fc DIE WAHRHEIT Nr. 22 Jüdisches Geld und Hakenkreuz. Die „Vossische Zeitung" erhielt 'folgende Zuschrift: „In Ihrer Beilage „Zeitbilder" (Nr. 12 vom 23. März) brachten Sie Bilder von dem durch den Wiener Industriellen Oskar v. Körner gestifteten Heim am Scharmützelsee unter dem Tftel „Oesterreichs Liebeswerk für die Berliner Kinder". Am Ostersonntag vormittag begegneten mir die Knaben des v. Körner-Heims in Saarow- Pieskow. Es waren ungefähr 30 bis 40 Jungen im Alter von 10. bis 14 Jahren, kenntlich an der gleichartigen Bekleidung. Sie sangen auch, aber was sie sangen, wird für Sie immerhin eine Ueberraschung darstellen: Das schöne Lied „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band" wurde von den 10- bis 14jährigen mit Begeisterung herausgebrüilt. Offensichtlich handelt es sich hier doch um einen Mißbrauch der zu wohltätigen Zwecken gespendeten Mittel; denn ich kann mir nicht denken, daß Herr v. Körner, der ja nicht nur ein reicher und wohltätiger, sondern auch ein kluger Mann ist, beabsichtigt, die auf seine Kosten ernährten und erzogenen Kinder auf diese Weise in frühester Jugend politisch zu .infizieren. Vielleicht weiß er aber auch gar nicht von diesen Begleiterscheinungen seines Wohltuns und da wäre es doch ganz angebracht, wenn einmal in der Oeffentlichkeit auf solche Entgleisungen aufmerksam gemacht würde." Wir möchten hierzu noch bemerken: Herrn Oskar von Körner dürften diese Dinge — so wollen wir hoffen — tatsächlich unbekannt sein. Er, der vor seiner Adelung Jude war, ist wohl. heute wie seine Frau fromm katholisch. (Allerdings, seine Tochter mußte wieder Jüdin werden, als sie im vergangenen Jahre einen Juden heiratete). Dies ist aber kein Grund dafür, daß er es duldet, daß von Juden erarbeitetes Geld dazu Verwendung findet, Antisemiten zu züchten. Es ergeht deshalb an ihn die öffentliche Bitte, hier energischen Wandel zu schaffen. Sie werden wieder üppig. Es schwillt ihnen der Kamm, weil sie bei den deutschen Reichstagswahlen nicht ganz in die Pfanne gehauen wurden, die Gräfe, Wulle, Ludeitdorff. Der Graf Reventiow tut in seinem „Reichswart" besonders dick mit dem Hinweise, daß der Ausgang dieser Wählen jene in Frankreich nicht so beeinflußt hat, wie von der Regierung Marx angedroht wurde. Im Gegenteil: die Rechtseinstellung der Deutschen brachte eine Linkseinstellung der Franzosen. Es ist sogar dahin gekommen, daß Poincare sein Bündel schnüren wird. Und wenn schon? Den Bösen sind sie los — die Bösen sind geblieben. Denn wer immer an die französische -Ministerpräsidentenschaft kommt, der Kurs wird nicht eingestellt. Mögen die Völkischen das Maul noch so voll nehmen — „erfüllt" muß ja schließlich doch werden. Vor kurzem brachte der Simplizissimus ein gelungenes satirisches Gedicht, in dem von allen Bewerbern um die Führung einzig Poincare gepriesen wurde, da nur er Deutschland so scharf maßregeln könne, daß die Einigkeit aller Parteien aus schwerster Not hervorgehen müßte. Es liegt tiefer Sinn in diesem Hohn. Wenn es nicht gerade Poincare ist, so könnte ein beliebig "anderer die Aufgabe der Züchtigung mit Skorpionen übernehmen. Der bloße Bierschwefel in den Organen der Völkischen wird bereits an der Seine nicht mehr tragisch genommen. Man wird sich dort an den Verantwortlichen halten und zuwarten, wie der neue Reichstag Außenpolitik macht. Bereits haben die Nationalen beträchtlich Wasser in ihren_ kriegerischen Wein gegossen. Die wilde Kampfgebärde, das wilhelminische „Zerschmettern" des Erbfeindes war nichts als Vorwahltheater. Nun die braven Streber ihr Mandatschäfchen im Trockenen haben, überlassen sie die eigenen Falstaffereien den noch nicht angekommenen. Es ist ein langer Weg nach Tipperary; ebensolang vom Wort zur Tat. Der „Völkische Beobachter" eingegangen. Der zur „Großdeutschen Zeitung" umgetaufte „Völkische' Beobachter", die größte der dreivölkischen Zeitungen Münchens, und das besondere Sprachrohr Hitlers, hat sein Erscheinen aus Mangel an Betriebsmitteln eingestellt. In der am vorigen Mittwoch erschienenen letzten Ausgabe heißt es: „Die Verhältnisse zwingen uns, eine durchgreifende Neuordnung unseres gesamten Unternehmens vorzunehmen. Aus diesem * Grunde wird die „Großdeutsche Zeitung" von heute ab für einige Zeit nicht erscheinen." Damit verschwindet auch die liebliche Erscheinung der Ausrufer dieser Zeitung an den belebtesten Punkten Wiens, gewöhnlich, völkische Studenten, die durch die aufdringliche Art ihrer Reklame für den „Beobachter" wiederholt öffentliches Aergernis hervorriefen. Ein Preisgekrönter. Unter den von der. Gemeinde Wien mit Ehrengaben bedachten Vertretern der Kunst und Literatur befand sich auch Ottökar Kernstock. Dieser Herr ist im Hauptberuf katholischer Priester und hat auch einiges zu seinem Vergnügen gedichtet. In früheren Jahren gehörte der Mann zu jenen achtbaren Klerikern, dieausschließlich im reinen Christentum wurzelten. Nach dem Umsturz begann er es mit dem Antisemitismus und ist so tief gesunken, daß er für den „Schwaben-Spiegel", Augsburg, das Hakenkreuz besang. Sein . poetischer Erguß, am 12. Ostermond erschienen, klingt in die Worte aus: „Das Hakenkreuz im weißen Feld Auf feuerrotem Grunde, Hat uns mit stolzem Mut beseelt. Es schlägt in unsrer Runde Kein Herz, das feig die Treue bricht. Wir fürchten Tod und Teufel nicht! Mit uns ist Gott im Bunde!" Die letzte Zeile glaubt wohl Ottokar Kernstock selbst nicht. Aber es ist jedenfalls erstaunlich, daß dieser nationalsozialistisch gewordene Geistliche von der roten Kommune Wien eine Spende annimmt. Nicht zurückschießen l Es gibt bekanntlich nichts Rücksichtsloseres und Brutaleres als neudeutsche Wesensart, ob es sich nun um Wort, Schrift oder Tat handelt. Völkische oder nationale Literatur verüben mit Hintansetzung einfachster Anstandsgesetze wahrhafte Exzesse des Geistes — man verzeihe das harte Wort — gegen Anderseingestellte. Aber ach und wehe, falls diese hierauf reagieren. Die germanische Tapferkeit huldigt dem Grundsatz, nicht zurückschießen! Ein ergötzliches Pröbchen liefert die „Großdeutsche Zeitung", München, die sich mit dem Artikel „Jüdische Frechheit des Simplizissimus" sehr gekränkt fühlt, weil dieses Witzblatt in einer Zeichnung T. Th. Heines., den Abgott aller Rechtsgerichteten, den General Ludendorff, unter die Fuchtel nahm. Daß Begründer, Verleger, Zeichner und Mitarbeiter des „Simpel" die arische Blutprobe bestehen, ist außer Zweifel, aber, auch daß es nach dem Umsturz wieder dahin rezitiv wurde, echt bayrisch gegen den „Saupreiß" loszuziehen. Da nun Ludendorff dem Großteil der Bayern nur noch als „Saupreiß" gilt, entspricht das freisinnige Witzblatt dem Geschmack seiner Leser, den glorreichen Kriegsverlierer zu verhohnigeln. Hoffentlich läßt es sich davon durch keinerlei großdeutsche Drohungen abhalten. ' Horthy braucht einen Zuchtmeister. Der Nachfolger des korrupten England-Vertreters in Budapest, des gemaßregelten Herrn Hohler, ist bei den Erwachenden noch nicht warm geworden. Dieser Umstand oder die Hoffnung, daß die Arbeiterregierung Macdonalds bald überstanden sein werde, oder die Mißlaune über die lang hinausgezogene Kreditlinie durch den Völkerbund haben der christlichen studierenden Jugend Budapests einen Freibrief verschafft, ihren häßlichsten Instinkten die Zügel schießen zu lassen. An der hauptstädtischen Universität kam es zu den eine Zeitlang zurückgestellten Verprügelurigen jüdischer Kollegen. Es ist interessant, wie das akademische Gesindel allerorten unter der gleichen Parole seine Heldentaten verübt. In Wien, Prag und Bukarest exzedieren die arischen Studenten wegen des Mangels jüdischer Leichen für Obduktionszwecke. Die Budapester brauchten also um ein anderes Motiv nicht verlegen zu sein. Nur versuchten sie gleich eine praktische Lösung der Frage an Ort und Stelle, indem sie drohten, die jüdische Kollegenschaft zu erschlagen und dadurch das genügende Material für den Seziertisch zu erlangen Völkerrechtlich formuliert heißt das Schutz der Minoritäten. Zum Tode Emanuel Reichers. Sämtliche Zeitungen Berlins würdigen in ihren'Nachrufen die Bedeutung Emanuel Reichers für die deutsche Bühne. Selbst die extrem antisemitische „Deutsche Zeitung", die nicht aufhört, jeden Tag über die „Verseuchung" der deutschen Schauspielkunst zu klagen, widmet dem „galizischen" Schauspieler - Emanuel Reicher einen Nachruf, der folgendermaßen ausklingt: „Er war ein Jude, ein echter Jude, mit dem hohen Bewußtsein seiner Rasse. Sie nährte die ihm zum priesterlichen Amt gewordene Schauspielkunst . . . Aus allen seinen Leistungen erhob sich die Reinheit jüdischen Bekennertums. Stets blieb er der Jude. Ihm konnte die Gastfreiheit der Völker nichts anhaben. Er erhielt sich seine Eigenart. Vertuschung gab es nicht. Er wagte sich nicht an dramatische Stoffe, die seiner semitischen ,'Natur widersprachen. . . . Eiv^d'er Jude* führte, uns Deutsche zum Böden unserer Kultur . . . Wir achten in Emanuel Reicher den ernsten, wahren Schauspieler!"

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