Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 21 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064091--12819-3080290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
iä.f. . .Jsi?^iaE3Säfaai«.j Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 21 die Männer, die hinter ihr stehen, lassen jsie hinreichend ernst erscheinen. Der Totsager des Zionismus ist nämlich Israel Zangwill, der in Nr. 15 des Stephan Großmannschen „Tagebuch1' mit einem geistvollen Aufsatz seinen Standpunkt vertritt. Bei' politischen Todeserklärungen genügt es nicht, daß man sie feststellt, sie müssen auch begründet werden. Dem unterzieht sich nun Zangwill mit , der ihm eigenenN Sachlichkeit und aller Schärfe logischer Beweisführuns. Er konstatiert, daß Palästina ein geographisch kleines Land sei, von dem Franzosen und Araber immer noch Stücke abtrennen, so daß entweder „ein ganz/kleiner Mund einen großen Schwanz oder ein ganz großer Schwanz einen kleinen Hund bewegen werde". Anders kann es kommen, wenn die jüdische Republik in Rußland in den Distrikten von Hornel, Witebsk und Minsk feste Umrisse gewinnt. Zangwill hält dafür, daß die Judenbieit kein Kosmos, sondern ein Chaos sei und nur „die Einheit des Leidens in großen Gebieten Buropas" bilde Bitter bemerkt er mit Beziehung auf die 50 Millionen Lire, die Griechenland als Söhne für ein paar ermordete Italiener zahlen mußte: „Wenn wir die Macht hätten^ Blutgeld für unsere Ermordeten aufzuerlegen, die Finanzierung Palästinas wäre ein Kinderspiel. An einer anderen Stelle das eben so kluge Wort: „D e r e i n z i g e W eig Z«onis t zusein ist in Z ion zu sein." Das ist eben der Kern der Sache, den auch Mussa Kazin el Hussein erkannt hat, als er an die Times schrieb: Wenn Palästina wirklich eine Heimat für die Juden sein spM, dann müßten sie dort Herren sein. An dieser arabischen Herrenfurcht scheitert eben der Zionismus trotz der größten Opfer, die dem unversöhnlichen Feind gebracht wiurden, dessen Gesinnung übrigens auch von bezahlten (französischen?) Agenten beeinflußt wurde. Zangwill tadelt es, daß die verschiedenen zionistischen Parteien einander den Weg verstellen und erklärt zum Schlüsse: „Die Fragen der Diaspora s i n d d i e wichtigeren, weil der Zionismus erst kam, um die Diaspora aufzuheben erst recht ühre Grund- Lagen befestigt hat." * * * Prompt eine Woche nach dem Erscheinen des Zangwiirischen Aufsatzes im „Tagebuch" meldete sich in derselben Wochenschrift Chaimi W e i z m a n n. Nicht als ob er gegen den früheren Artikel polemisieren -wollte. Weizmann sprach daran vorbei und hinweg, als wäre alles, was der andere geschrieben, Luft und keiner Widerlegung wert. Weizmann ist ex professo Optimist, dfer unbedingte Lebensbejaiher des Zionis- ■ mus und fand ein Dutzend Argumente zu beweisen, der Zionismus sei nicht tot; aber es waren, näher betrachtet, bloße Sophismen und Syllogismen ohne Schlagkraft unid Ueberzeugung. Auch er verschließt sich der arabischen Schwierigkeit nicht, glaubt aber, daß beide Stämme zusammenarbeiten können, weil es so bereits im Mittelalter in Spanien war. Daß ein so praktisch denkender Mensch wie Weiizm&nn, solcher Ideologie fähig ist! Ohne Zangwill zu nennen, gibt er ihm in manchen Fragen auf Umwegen recht. Die „Einwanderer" können nicht kunterbunt aufs Geratewohl zugelassen werden, damit nicht am Ende die Auswanderung aus Palästina der Einwanderung die Wage hält. (Es soll schon einmal so etwas der Fall gewesen sein.) Dann: „Wir müssen es frei' heraussagen, daß wir das Ende des Experimentes nicht voraussagen können." (Den Amerikanern sagte er es anders.) Wer hat nun recht? Zangwill oder Weizmann? Brotneid. Die „Linzer Volksstimme" nennt siich ein völkisch-antisemitisches Kampfblatt der ehrlich schaffenden Stände. (Völkisch-antisemitisck ist ein Pleonasmus, den ohne Judenhatz ist ein völkisches Blatt nicht denkbar.) Es kann aber auch gegen seine eigenen Mitbewerber, die ja den ehrlich schaffenden Ständen angehören, kratzbürstig werden, des lieben Vorteils wegen. So rumpelt die „Linzer Volksstiminie" m der Ausgabe vom 10. Mai den „Eisernen Besen" an, weil dieser eine antisemitische Internationale' schaffen möchte. Nachdem die „Lr V." nicht selbst auf diesen Gedanken kam, bemüht sie sich, ihn lächerlich zu machen, und bezeichnet ihn als Utopie. Die antisemitische Einheitsfront lasse sich nur in jenen Ländern herstellen, die den gleichen Feind wie die Deutechen haben. So in England und. Italien. Der Schwachkopf weiß nicht, daß dort der schlechteste Nährboden für diese Giftpflanze ist. Die. „Linzer Volksstimme" bildet sich darauf ewas ein, daß sie geschrieben: „Es wäre zu begrüßen, wenn die uns feindlichen Nationen vom Judentum aufgefressen würden." Diesem wird a'liso die Rolle (der, Cholera- und Typhiü&baziillen zugedacht. Eime vornehme arische Kriegführung! Zu diesem Tiefstand der Moral kann sich selbst der ruchlose „Eiserne Besen" nicht aufraffen. Er blieb dem; Kampforgan der ehrlich schaffenden Ständen vorbehalten. Wer Ist schuld an den Francsverlusten? „Die Börse" setzt sich in einer ihrer letzten Nummern an leiitenider Stelle mit der Frage auseinander, wer a« idiem Francsdebakle eigentlich die Schuld trage. Sie kommt dabei) zu folgenjdtem, etwas verblüffend wirkenden Schlüssle, der aber bei näherem Nachdenken beinahe überzeugend wirkt: „Die großen Francsverluste hat die deuts ch yö lk&'sche Or ientiie r ung beinahe der gesamten öffentlichen Meinung Wiens auf dem Gewissen. Seit dem Kriegsbeginn bezieht die Wiener Presse ihre Informationen zaimeist aus deutschen Quellen. Jahrelang haben, die Wiener Finanziers, Industriellen und Kaufleute gefälschte geistige Naihruingsmittel bezogen und man darf sich daher über die Folgen nicht wundern. Die einseiigie politische Denkart der Wiener Presse hat Milliardenverluste auf dem Gewissen." Wenn man. bedlenkfc daß Berliner oder Frankfurter Blätter eine der Hetzrieden Poincares stets mit einem ebenso aufreizenden Kommientar wiedergaben, so wird man die Fordienung der „Börse" verstehen; die* Wiener Presse möge ihren Nachrichtendienst nicht mehr wie bisher nur aus Deutschland1, sondern auch aus Paris beziehen. Die Notwendigkeit einer solchen allgemein orientierten Presse - wurde Wiederholt allseits anerkannt, aber von schönen Worten zur Tat ist efoi weiter Weg. Studententerror in Rumänien. Eine jüdische Theat,ertruppe hatte kürzlich in Czernowitz ein zweitägiges^ Gastspiel angesetzt. Die Czernowitzer rumänischen Studenten verlangten „aus nationalen Gründen" vom Polizeipräfekten ein Verbot dieser Vorstellung. Der Polizeipräfekt gab diesem Ansuchen nicht statt, sondern bot vielmehr Polizei zum Schutze der Vorstellung in großer Zahl auf. Da drangen nun die Studenten auf einem Umwege in das Theater ein und gelangten plötzlich auf die Bühne, wo sich eben eine jüdische Tänzerin befand. Die Bühne war im Nu geräumt, im Zuschauerraum entstand eine Panik und das Publikum stob nach allen Seiten auseinander. Daß die Polizei gegen die terroristischen Studenten einschritt, ist wieder ein Beweis dafür, daß es in der wilden Wallachei doch bessere Menschen gibt und die heutige rumänische Regierung durchaus judenfreundlich ist. Die „zionistische** Hakoah. Die „Wiener Morgenzeitung" hat auf die offenen Fragen des Herrn Rudolf Seiden, eines ehemaligen Blauweiß-Führers und in der zionistischen Bewegung anerkannt rührigen Parteimannes, in der Hakoah-Angelegenheit ebensowenig geantwortet wie der Parteianwalt der Zionistischen Partei für Oesterreich oder das Präsidium des Sportklubs. Eigentlich hat das Blatt wohl eine - Antwort bereits vor der Anfrage gegeben, und zw'ar in seiner Ausgabe vom 25. April, wo es in seiner Palästina-Beilage „Das neue Palästina" — ganz versteckt an letztet Stelle — unter dem Titel „Um die nationale Festwoche in Palästina" sich aus Jerusalem schreiben läßt: Die Sportwut, die ganz Europa ergriffen hat und die jüdische Jugend in der Galuth von der nationalkulturellen Betätigung fernhält, hat auch auf Palästina übergegriffen. Ernste Publizisten, wie R. B e n j am i n, haben auf die Erscheinung aufmerksam gemacht, daß das offizielle Palästina elf Fußballern, die in ihren Emblemen, und Fahnen keinen hebräischen Buchstaben hatten und sich alle hebräischen Reden und Ansprachen ins Deutsche übersetzen ließen, soviel Ehrenbezeugungen erweise, wogegen, die Anwesenheit mancher jüdischen Autorität fast stillschweigend übergangen wurde. In der letzten Nummer des misrachistischen „Hator" führt der Schriftsteller Ben-Ami Klage über die Zusammenstellung des Programms der Festwoche, die zürn größten Teil aus* Sportkonkurrenzen besteht, Ben-Ami meint, daß die jüdischen Gäste, die nach Palästina kommen, nicht auf solche Uebungen begierig waren und fordert, daß man den jüdischen Feiertagen ihren.alten Glanz und ihre Weihe wiedergebe. JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf'. Wien II , Glockengasse 24 Wien II., Taborsiraße 44