Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-23 · Heft 21 (23.5.1924) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 21 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064091--12818-3080289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2-1 DIE WAHRHEIT Seite 1 Grenadierstraße mit der Waffe in der Hand zur Wehre gesetzt hatten, mit der Begründung freigesprochen, daß es sich hier um eine „berechtigte Notwehr'1 handelte. Angesichts der bisherigen Erfahrungen im deutschen .Justizverfahren gegen Juden hat dieses Urteil angenehm überrascht und man darf es vielleicht als ein erstes Vorzeichen dafür werten, daß . auch in deutschen Landen die Götzendämmerung angebrochen sei und daß die falschen Götter des Nationalismus, Chauvinismus, Militarismus und Antisemitismus auf ihren scheinbar unerschütterlichen Piedestälen zu wackeln beginnen. Siegfried F1 e i s c h e r. Aus unseren Rechtsschutzu. Abwehrbüro. Die Sammlungen des „Deutschen Schulvereins". An allen Straßenkreuzungen und in den öffentlichen Lokalen wird man jetzt von hakenkreuzlertischen Jünglingen überfallen, die "einem eine schwarz-rot-goldgeränderte Sammelbüchse entgegenhalten und dabei in den sanftesten Tönen lispeln: „Bitte um eine Gabe für arme deutsche Schulkinder!" Es handelt sich hier um eine große öffentliche! Schnorrerei des antisemitischen „Deutschen Schulvereins", dessen Obmann derselbe Dr. Gustav Groß ist, welcher gleichzeitig das Amt eines Präsidenten der verkrachten, aber judenreinen „Deutschen Bodenbank" -bekleMet und unter dessen Schutze die „armen Schulkiftwier"" an der deutsChböhmischen und deutschmährischen Sprachengrenze zu tapferen hakenkreuzlerischen Studienten der Wiener Hochschulen erzogen werden. Wir war.nein die Wiener Juden, dieser Bitte um milde Gaben für judenfeindlictue Zwecke Folge zu geben. Es ist durchaus nicht, notwendig, daß wir die deutschvölkisohen Hetzvereine noch mit unserem eigenen Gelidie unterstützen! Die Juden im öffentlichen Dienste. In einer der letzten Sitzungen des Natvomalrates beklagte sich der großdeutsche Abgeordnete Grailer, daß bei den Bundiesbahnen brave Familienväter abgebaut wurden, während eine Reihe von Vorbestraften noch immer im Eisenbahndiienste stehen. Besonders hartherzig behandle die Südbahm ihre Angestellten., bei welcher die leitenden Dienstposten fünf Juden übergeben wurden, während jüngere Südbaihmer abgebaut wurden Ihm antwortete der Sozialdemokrat Z w e n k. Er widerlegte die Behauptung, daß die Sozialdemokraten den Abbau von Juden nicht zugelassen hätten. In der ganzen Gene r a 1 d i r e ktüoin der B «n d e s b a Im v eir w a'l t u,ni g .bjie f i mdiet sich nicht ein einziger Jude. Dagegen sei kein einzigier von den Hakeukreuzlern abgebaut worden. Ein kauf* männisch geführter Betrieb lasse sich nicht ans dem Rassenstandpunkt eines Dr. Jerzabek oder eines Dr. Waber einrichten. Die leitenden Posten müssen mit fachmännischen Kapazitäten besetzt werden, unbekümmert um die Rassen- oder K onf e s s i on s zu geh ö r igk ei t. Dieses kleine Geplänkel eröffnet interessante Ausblicke auf die Grundsätze, nach welchen gegenwärtig der Abbau und die Einstellung von Beamten in den Bundiesbe trieben erfolgt. Wir haben erst kürzlich der Besorgnis Ausdruck gegeben, daß durch die Konstatierung der Volkszugehörigkeit an unseren Hochschulen die Handhabe geschmiedet wird, daß trotz der Bestimmung der Staatsgrundgesetze, daß die Erlangung von öffentlichen Stellen von Religionsbekenntnissen unabhängig sein müsse, den Juden der Zutritt zu öffentlichen Beamtungeii verwehrt" werden dürfte. Die Konstatierung, daß bei der Geneiraldiirektion der Bundesbahnen sich kein einziger Jude mehr befindet, obwohl irisbesondere der kommerzteUe Dienst dies wohl vertragen würde, spricht .deutlich genug. Im alten Staate Oesterreich war dien Juden wohl die Aufnahme In den Verwaltungsdienst verschlossen, aber sie fanden doch noch immer, namentlich bei den Eisenbahnen und bei der Polizei und mit stärken Einschränkungen auch bei den Gerichten Zutritt. In der freien Republik Oesterreich, welche die. staatsbürgerliche . Gleichberechtigung der Konfessionen übernommen hat, scheint dies nun anders werden zu wollen und die Grundsätze der Herren Jerzabek und Waber werden auch auf die öffentliche Magistratur übertragen Während man also auf der eine« Seite den Juden die Möglichkeit verschließt, öffentliche Beamte zu werden, wird auf der andern Seite darüber Klage geführt, daß der Kauf mannstand und die freien Berufe von Juden überfüll/t sind. So wird die Aussperrung der Juden aus dien Stäatsämtern wieder zu einer antisemitischen Waffe. i" Wahrheiten vom Tage Ein Menschenleben für 150.000 Kronen. Erst nach Jahresfrist seit der Erschießung des Eisenbahners Still durch Hakenkreuzler nationalsozialistischer Couleur fand dieser Tage die Haupiverhandlung gegen die der Tat überwiesenen Verbrecher statt. Sie wurden im Verhältnis ihres im Beweisverfahrens festgestellten Verschuldens zu K 100.000 respektive K 50.000 Geldstrafe verurteilt. Damit ist das geflissentliche Auslöschen eines nützlichen Menschenlebens gesühnt! So ist die neujuristische Methode. Wir können diesmal wieder nur an dem Berufsrichter Kritik üben; die beiden Täter standen wohl vor den Geschworenen, die zwar den Eindruck eines stattgehabten Mordes oder Totschlag nicht empfangen konnten. Auf Grund ihres Verdiktes, mag es nun begründet gewesen sein oder nicht, hat der Gerichtshof sein Urteil gefällt. Aber das Gesetz sieht für sicherheitsgefährdende Handlungen, „auch wenn sie keinen wirklichen Schaden herbeigeführt haben", immerhin Strafen vor, die sich bis zu drei Monaten Arrestes steigern. Es läßt sich im Rahmen dieses milden Paragraphen kaum ein schwerer wiegender Tatbestand denken, als der, der hier dem Gericht vorlag. Wenn dieses Gericht auf weit weniger als die Mindeststrafe erkannt hat, denn fünf Gulden ist das geringste Maß des § 431 — so ist kaum daran zu zweifeln, daß es der Gerechtigkeit bewußt Hohn sprechen, der erregten öffentlichen Meinung offen Trotz bieten wollte. * Jüdische Soldaten im Kriege. Die „Vossische Zeitung" vom 1. Mai d. J. ist m der Lage, aus den VerhandlunSien des 4. Unterausschusses des parlamentarischen Untersuchungsausschusses eidliche Aussagen angesehener militärischer Sachverständiger zu veröffentlichen, die sich mit der sogenannten Drückebergerei der Juden befassen. Hervorgerufen waren diese eidlichen Aussagen durch Angriffe des deutschnationalen Abgeordneten Dr. Philipp, der aus persönlichen Erlebnissen heraus auf die Feigheit und militärische Unfähigkeit jüdischer Soldaten schließen wollte. Der Sachverständige General v Kühl, Generalstabschef der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, der auch Ludlendorff besonders nahestand, sagte unter seinem Eid! aus: „Meine persönlichen Erfahrungen und die Erfahrungen, die mir von anderen übermittelt worden sind, lassen erkennen, daß die Juden an der Front ebenso gut ihre Schuldigkeit getan haben, wie die anderen auch." Der zweite Sachverständige, Oberst1 leutnant v. Stüpnagel, erklärte: „Ich möchte scharf unterstreichen, was Exzellenz v. Kühl eben s a.g te. Ich habe als junger Generalstabsoffizier bei der sechsten preußischen Division die Erfahrung gemacht, daß diejenigen Juden, die an der Front Waren, ihre vollste Pflicht und Schuldigkeit getan haben. Ich will erwähnen, daß es mir eine Freude war, als unter den ersten auch einem Juden das Eiserne Kreuz verliehen wurde." Der dritte Sachverständige schließlich, Oberst Schwertieger, sagte aus: „Ich habe im Kriege jahrelang Gelegenheit gehabt, die Verhältnisse im Generalgouvernement Belgien kennen zu lernen, das als Etappe anzusehen ist. Im Bereiche des Generalgouvernements Belgien waren natürlich an verschiedenen Stellen besonders der politischen Verwaltung und der wirtschaftlichen Behörden Angehörige der jüdischen Religion, und es ist damals auch verschiedentlich an das Generalgouvernement mit dem Wunsche herangetreten worden, dla eine stärkere Auskämmung im Sinne der Abgabe an die Front vorzunehmen. JEs stellte sich dann aber in d'en meisten Fällen heraus, daß diese Herren auf dem Posten, auf dem sie waren, wirklich unentbehrlich waren und durch bessere und eingearbeitetere Persönlichkeiten nicht ersetzt werden konnten, so daß sich auch die Mißstimmung, die gelegentlich darüber auch in Offizierskreisen geherrscht verhältnismäßig bald gab, weil im einzelnen nachgewiesen . werden konnte, daß man nicht in der Lage war, diese Leute aus ihrer Stellung zu entfernen und durch gleichwertige zu ersetzen. Eine gleichwertige Persönlichkeit war in den meisten Fällen nicht vorhanden und infolgedessen mußte es beim Alten bleiben." Ist der Zionismus tot? Ja! Ist der Zionismus tot? Nein! Die Gegeneinanderstellung der beiden im Titel genannten Themata würde ziemlich grotesk wirken, aber die Sache selbst und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.