Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 20 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sctoe 10 DIE WAHRHEIT Nr. 20 gleichfalls heidnischen Ursprungs. Derselben Herkunft ist der Weihnachtsbaum, der, wie im „Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1923" ausführlich nachgewiesen wird, nicht anderes als einen Maibaum des Winters darstellt und hier und da durch einen Leuchter vertreten wird. Die Metamorphose, die 1906 der „Schlemiel" so prächtig persiflierte, wie sich der Chanukaleuchter des Ziegenfellhändlers Cohn in Pinne zum Christbaum des Kommerzienrates Conrad in Berlin entwickelte, entbehrt somit nicht.eines Anklanges an uralte historische Zusammenhänge. Der Christbaum im jüdischen Hause ist altheidnisches Gut. So wie man ihm im Laufe der Zeit den christlichen Mantel überzog, muß er sich jetzt die. Versetzung in „jüdisches" Milieu gefallen lassen. R. Raoul France. Die Wege des Lebens. — Eine Kulturbilanz (2. Auflage), Anthropos-Verlag Prien Ob. B. In dem bekannten Naturforscher lebt neben1 dem Gelehrten ein phantasievoller Künstler, der schon deshalb kein Materialist sein kann, der um Gefolgschaft wirbt, da er die Erkenntnis der immanenten Gesetze in der Natur fördern will, weil uns" nur diese zu einem glücklichen Dasein im wahrsten Sinne Gewähr bietet. „Alles lebt nur so lange, als es vom Leben weiß." Aber: „Man weiß nicht, was kommt, wenn man das Vergangene nicht verstanden hat." Der Mensch kennt den Weg nicht, den ihn seine Bestimmung gehen heißt, wohl aber kennt er seinen Ursprung, seine Ahnen. Was er ererbt von seinen Vätern hat, muß er zu seinem Vorteil nützen, um der zu sein, der er ist, und muß dann seine Kräfte brauchen im Dienste der höheren Gemeinschaft seines Volkes. Denn die Natur duldet keinen Egoismus, sie soll auch dem Einzelnen die Ichsucht aufgeben lehren. Doch auch keine ethischen Grundsätze gibt es in der Natur, kein Gut und Böse, sondern bloß die absoluten Kategorien: Wahrheit und Notwendigkeit. Gewiß. Der armselige Erdensohn, der zeitlebens irrt, schwingt sich gar selten zu reiner Erkenntnis auf, vor den großen, ewigen Rätseln verzagt er und ruft verzweifelt: „Was soll ich tun?" Aufdiese bange Frage wird er keine erlösende Antwort vernehmen. Er muß durch rrrtum zur Klarheit und alle seine Erlebnisse dienen dem einen Zweck: Daß er sich selbst erfülle und in dem, was ihm nützlich oder schädlich ist, auch die Prinzipien offenbart fühle, die für seine Gefährten, für sein Vaterland gelten. Jede Vielheit und jedes Individuum vermag lediglich nach "dem eingeborenen Gesetz des eigenen Wesens zu gedeihen; nach fremden Prinzipien zu wirken, ist gefährlich. Religiöse Fanatiker wollten die Weltformel ihrem Dogma unterordnen, herrische Gewaltmenschen die Untertanen als Ware behandeln, bedeutende Geister wie Goethe blieben der Mehrheit innerlich fremd, obwohl gerade sie -den Seherblick besaßen, die Ahnung dessen, was nottut. Große Männer sind die besten Führer, das ist gewiß und sie werden -in ihrer Art ein Segen — um die schönste Frucht ihrer Mission, um die innere Verbrüderung mit ihren Anbetern betrügen sie sich selbst. Dagegen greift der Monismus, wie sich ihn Haeckel in einem Zwiegespräch mit dem Autor ausmalt, ins volle Menschenleben, er soll das Credo aller werden, die den organischen Normen anhangen, er will zu vorurteilsloser Anschauung schon dadurch vordrängen, daß er jeder Metaphysik abschwört, die Gleichheit aller aus den Naturgesetzen ableitet und die Zusammenarbeit im Dienste des Fortschritts fordert. France, auf demselben Erdreich fußend, gelangt zu anderem Ergebnis. Ihm ist das Naturgeschehen vernünftig, die Welt, die «war keine leitende Vernunft kennt, ist an sich weise und in stetem, nahem Kontakt mit ihr lernt jeder die schönsten Regeln für die kurze Spanne seines Erdenwallens. An den Funktionen eines zarten Mooses, der Funaria erörtert France die Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit alles Seienden. Wenn er im Epilog den Menschen vor seinem Richter abermals schlecht bestehen läßt, weil er blind Irrtum auf Irrtum r t beging und die Stimme, des Weisen nicht hörte,-so tröstet ihn die milde Stimme seines zweiten Selbst: Wir wandeln zumeist im Dunklen, wir ringen hart um das Wissen, es genügt, wenn wir in, den Grenzen unserer MögHehkeit Gutes gewollt und geübt haben. — Ein wundervolles Buch. Ein Helfer und Tröster in den Wirrnissen des Alltags, das Bekenntnis eines Mannes, 'der Leben spenden/Liebe zum Leben und zur Natur, Ehrfurcht vor den ewig-unveränderlichen Gesetzen wecken will. Mögen uns manchmal klein und unzulänglich dünken, wir durften an die Pforten der Erkenntnis pochen und zu den Sternen" aufblicken, hinter denen tausend Geheimnisse dämmern. Die Sehnsucht trägt uns empor und beflügelt unser Wollen. Und an der Brust der gütigen Mutter finden wir schließlich alle den Frieden. Dr. Otto Fröhlich, Wien. K. G. Obenauer, Goethe in seinem Verhätnis zur Religion. Jena 1923, Eugen Diederichs. Die Vorträge, die der Verfasser im Jahre 1919 gehalten hat, erweisen sich wert, einem größeren Leserkreis durch diese Veröffentlichung zugänglich cremacht zu werden. So überreich die Goethe-Literatur, und ganz besonders auf dem hier wieder behandelten Gebiete, so bedeutet dieses Buch doch eine Gabe, für die jeder Goethefreund dankbar sein wird. Wenn der Verfasser Goethes Verhältnis zu Spinoza nur in dem Kapitel „Gott und Natur ' (dies wird in Gegensatz gestellt zu Spinozas „deussive Natura") behandelt, bei tieferem Eingehen auf den Geist Spinozas'wird man dessen Einfluß doch weitere Grenzen ziehen müssen als es hier geschieht. Goethes religiöses Bekenntnis kann sehr wehl als durchwegs spinozistisch bezeichnet werden. Es ist doch, was Heine von ihm sagte, noch heute unübertroffen zutreffend: Spinozas Lehre, hat seine mathematische nüchterne Hülle abgestreift und umflattert uns als Goethesches Leid. Jos. Meisl: Geschichte der Juden in Polen und Rußland. Bd. 1 u. 2. C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin. — Zu diesem Werke sind Autor und Verleger zu beglückwünschen. Trotz Dubnows Konkurrenz wird es seinen Platz in unserer Literatur behaupten. Diese unparteiische, mit erschöpfender Kenntnis der einschlägigen Quellen gebotene, in lebendigem Strom dahinfließende Schilderung der politischen und kulturellen Verhältnisse der Juden Osteuropas bis zum Untergange der jüdischen Autonomie in Polen (1764) verdient eine eingehende Würdigung nach Abschluß des ganzen auf vier Bände berechneten Werkes. Schon heute läßt sich sagen, daß es allen Anforderungen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung vollauf entspricht R. Spinoza: 1. Lebensbeschreibung und Gespräche. 2. Briefwechsel. Beides übertragen und herausgegeben von Carl Gebhardt, Felix Meiner, Leipzig, 1914. Nicht nur den Spinozaforschern, sondern jedem Gebildeten bieten diese Ausgaben des bekannten Spinoza-Spezialisten eine willkommene Gabe. Die geistige Physiognomie des großen" Denkers sowie seine Lebensumstände werden hier nach authentischen Zeugnissen uns vor Augen geführt. Der Briefwechsel insbesondere, in guter deutscher Uebersetzung mit zuverlässigen Angaben über die Adressaten und behandeitert Personen und Gegenstände, war längst ein Desideratum. Herausgeber und Verleger verdienen Dank für diese weitere Erschließung einer Persönlichkeit, deren Lehre vor allem gerade auf deutschem Boden eine so entscheidende Rolle gespielt hat R. H. Gollancz? Pedagogies of the Talmud. Humphrey Milford, Oxford 1924. Die pädagogischen Maximen des Talmuds werden von Gollancz mit Grundlehreri moderner Erzieher verglichen. Manche Erscheinung der Literatur in deutscher Sprache vermissen wir in den Anführungen. Doch wird dieser Ausfall durch Benützung von hier zulande weniger bekannten englischen Fachschriftstellern wettgemacht Das Buch entspricht seinem Zwecke, indem es eine eindringliche Anschauung der erzieherischen Weisheit des Taimuds gibt. Von der pandesrcglerung bewilligte EffeMenlottcrte Zugunsten des ElISABETB-HEin für Kriegswaisen, Lehrmädchen und Arbeiterinnen IVien II., l*l«alzggcasse? Telephon Uhr. 43-9<40 Gesamttreffer 600 Millionen Kronen 1«0, 60, 35, 20 und 10 Millionen und lausend andere - Treffer - Lose In allen Banken und Trafiken erhältlich! - Wiederverkäufer gesucht!