Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 20 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 wfir DIE WAHRHEIT Hr. 20 Sta# dessen hält er sich an Aeußerlichkeiten, an die sch'ola- \ stische Schale, durch die in den Kern einzudringen, er sich \ nicht die Mühe nimmt Ebenso bleibt bei der Behandlung des Judentums sein Blick an der Peripherie haften, ohne das Wesentliche und Zentrale zu erfassen. Unleugbar nimmt auch er in — vielleicht unbewußtem — deutschem Rassedünkel seinen Standpunkt zu hoch, um einer Erscheinung, wie dem Judentume, gerecht zu werden. Man kann hier nicht von einer Schwierigkeit des Einfühlens in eine andere Wesensart reden. Die Grundzüge der Moseslehre, dieses Urquells des Judentums, sprechen so allgemein gültige, so menschlich reine Weisungen aus, daß sie selbst in jeder Uebersetzung, die nicht geradezu tendenziöse Fälschung darstellt, richtig verstanden und gewertet werden können. Leicht hätte demnach Spengler in der Thora die wahre Ursache dafür entdecken können, daß, wie er sagt, das Judentum überall zersetzend wirkt. Er hätte dann aber auch mit dieser Feststellung nicht einen Tadel ausgesprochen, sondern eine Anerkennung, wie wir, aus unserem menschlichen Gesichtswinkel heraus, das Licht freudig und dankbar begrüßen, weil es die Finsternis zersetzt. Wir sagen dies, ohne uns einer Selbstüberhebung schuldig zu wissen, und sprechen des weiteren mit gleicher Bestimmtheit aus. daß Spenglers und so vieler anderer Bemühen, das Judentum gewaltsam und aller geschichtlichen Gewissenhaftigkeit zum Trotz in einen beliebigen und meist beliebten Rahmen zu spannen, um es neben anderen Völkern und Kulturen zu rubrizieren, eben einen Gewaltakt, eine Sünde wider die Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit bedeutet. Das Ju den tum ist und bleibt eine einzigartig ev Erscheinung, eine inkommensurable Größe, ein Kulturgebilde sui generis, ein historisches Hapaxlegomeiion. Ich müßte die ganze Thora abschreiben, um diese noch immer und immer wieder, wie ja auch von Spengler, angefochtene Tatsache im einzelnen zu belegen. Doch einige Kernsätze genügen. 1 -!»• ir!'- Die Moseslehre stellt unbedingt und für jeden Menschen zwei Forderungen auf, gegen deren Berechtigung freilich ge- 'rade Spengler sich auflehnt. Sie verlangt bis zur äußersten Konsequenz Wahrheit und Gerechtigkeit, Lo g i k und Ethik, als Ausstrahlungen der Gesetzmäßigkeit, die das gesamte All beherrscht. Der Mensch ist in ein System von Beziehungen hineingestellt, die alle Wesen, alles Geschaffene, Mensch, Tier, Pflanze und Erde zu einer umfassenden Solidarität vereinen. Diese Gesetzmäßigkeit erkennen, sich ihr willig unterwerfen und diese Solidarität sich zu eigen machen, ist Weisheit, ist Glück und Leben. Jeder andere Weg, ein unheilvoller Irrweg, von dem es nur eine Rettung gibt: die Rückkehr zum rechten Wege. Vor dem Gesetze sind alle, auch der Fremde, gleich. Kein Unrecht bleibt ohne Sühne hier auf Erden. Zweck aller Gesetze ist das allgemeine Wohl. Was man auch immer an Analogien zu Einzelheiten in Religion und Dichtung, Lehre und Leben des alten Israel in anderen orientalischen Kulturkreisen entdecken mag, nirgends findet sich auch nur eine Spur des spezifisch jüdischen Vertrauensverhältnisses zwischen Gott und Menschenseele, nirgends ein Gott, der die Welt nach den sittlichen Maßstäben von Liebe und Gerechtigkeit lenkt und seinen Willen freiwillig durch den Mund seiner Propheten kundtut,, nirgends die Hoffnung auf ein Gottesreich der Gerechtigkeit, der Liebe, des Friedens und der sittlichen Erkenntnis als Postulat für die gesamte Menschheit. Und sollten uns auch noch so überaschende historische Funde beschert werden, das, was die jüdische Seele in der Aufnahme der Moseslehre und ihrer Ausstrablungen mit einzigartiger Genialität, das Gänze bis in alle kleinsten Teile durchglühend, uns zum Organismus belebend geschaffen hat, bleibt unvergeßlich und ihr unbestreitbarer Ruhmestitel." Aber auch die heutigen Westjuden ein Fellachenvolk zu nennen, hat Spengler kein Recht. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen, das heißt in diesem Falle das Judentum vor lauter Juden nicht. Ein Volk, das heute nach Jahrtausenden seine alte hebräische Sprache neu belebt hat und tatkräftig an den Wiederaufbau des Landes seiner Väter geht, ein Volk, das in unzähligen Häusern noch die uralten religiösen Bräuche übt und in der überwiegenden Mehrheit zum mindesten die sozialen Stammestugenden pflegt, ein solches Volkverdient, wenn sonst nichts, so doch wenigstens ein eingehenderes Studium, als es Spengler ihm gewidmet hat. Wie das Radium iür den Naturforscher ein Rätsel, der Weltkrieg für dein Fortsehrittsgläubigeri einen Umsturz aller optimistischen Berechnungen, so bildet von uralten Zeiten her Israel ein Problem, das sich keiner Schablone fügen will. Eine wahre, un- . voreingenommene Wissenschaft hätte die Pflicht, erst einmal diese Tatsache zu konstatieren, bevor sie den Versuch unternimmt, die „zersetzende" Rolle des Judentumes in der Geschichte zu erklären. (Fortsetzung folgt.) Ursachen und Zweck der Besebneidnng. Die geschätzte Verfasserin des Artikels über die Beschneidung in Nr. 18 unseres Blattes regte eine Diskussion über die Bedeutung der Milah an. Eine solche Diskussion erscheint uns um so., fruchtbarer, als wir hier vor einer, wie Frau Edelstein-Friedmann richtig meint, ' Frage stehen, „die für das zeitgenössische Judentum von vitalster Bedeutung ist." Dieses zeitgenössische Judentum zerfällt nun einmal in zwei Richtungen, die der orthodoxen und der — sagen wir — „modernen" Juden. In leider vielen Belangen ist dieser Zwiespalt bemerkbar, so auch in der Beschneidungsfrage. Wir zitieren aus den einleitenden Zeilen eines im Jahre 1910 in der „Wahrheit" erschienenen Artikels von Prof. Dr. K a h a n (Znaim) über die „Beschneidung vom hygienischen Standpunkt": „Dem religiösen Juden braucht man die Beschneidung nicht anzupreisen. Für ihn ist sie ein Gebot Gottes, .das beobachtet werden muß und von ihm auch' mit Freuden beobachtet wird. Ja, für den religiösen Juden ist die Beschneidung nicht bloß ein Gebot unter vielen anderen Geboten, sondern ein Gebot, das alle anderen Gebote aufwiegt (Nedarim 32 b). Es ist das Zeichen des Bundes Gottes mit Abraham und seinen Kindern, es ist die Grundbedingung für die Existenz der jüdischen Gemeinschaft, weswegen auch ein Antiochus Epiphanes auf die Beschneidung die Todesstrafe setzte, und seine Nachfolger, unter den römischen Kaisern haben es ihm nachgemacht. Sie wußten wohl, daß mit der Beseitigung der Beschneidung bald auch das ganze Judentum aufhören würde zu existieren. x Der moderne Jude aber wird von religiösen Bedenken wenig geplagt. Er ist nur Jude, sö weit und so lange es die Verhältnisse erlauben und die Bequemlichkeit gestattet. — Sein geliebtes Kind beschneiden lassen, wie es Gott geboten? Gott bewahre! Es tut ja weh! Weg mit dieser Grausamkeit! — So sprechen Leute, die sich keinen Augenblick besinnen, ihrem geliebten Kinde, wenn es ein Mädchen ist, die Ohren zu durchbohren, obwohl es doch auch wehtut und obwohl es doch hygienisch von gar keiner "Bedeutung, ist, während die B e s c hn e i du n g— wie die Pockenimpfung — eine hervorragende hygienische Bedeutung hat." Auf diese Bedeutung in der „modernen" Schicht des zeitgenössischen Judentums hinzuweisen, war Zweck und Auf- -gabe des Artikels in Nr. 18 und soll es ebenso bei der nun folgenden Diskussion sein. Zunächst registrieren wir folgendes Schreiben des Herrn Medizinalrat Dr. Haase: „Ich möchte mich auf die Bemerkung beschränken, daß ich z. B. aus dem Munde des Frau Rahel Edelstein-Friedmann nahegestandenen Gelehrten Lektors M. Friedmann den Ausspruch hörte, es sei sicher, daß der ursprüngliche Zweck derselben nur in der Beseitigung eines Hindernisses für die Befruchtung gelegen war. Daß außerdem hygienische Vorteile" (Verminderung der Ansteckung der einer solchen ausgesetzten Hautoberfläche, Verhütung der Verwachsungen, Phimosen, welche die Operation Mn einem späteren Alter erfordern) damit verbunden sind, ist eine separate Tatsache, analog den zunächst rituellen, aber nebenbei auch hygienisch wirksamen Speisegesetzen. Der Segensspruch, der über den Säugling gesprochen wird, lautet: „Er werde befähigt zur Lehre, zur-Ehe und zu guten Taten!" Damit ist der psychoanalytische Wahnwitz vpm Kastrationsüberbleibsel eo ipso hinfällig." Wie richtig die Anschauung des geschätzten Einsenders -ist, daß die Beschneidung, wie sie bei den Juden und anderen orientalischen Völkern angewendet wird, in erster Linie aus hygienischen Gründen, insbesondere in Bezug auf die Phimose, erfolgt, läßt sich durch den obzitierten Artikel Prof. Kahans nachweisen, der an Hand des trefflichen, hebräisch geschriebenen Buches „Die Geschichte der Beschneidüng bei den Juden" von Dr. Samuel Kohn (Krakau 1903) auch den Laien verständlich zu mächen versuchte, daß jene Eltern, die die Beschneidung nicht vornehmen lassen, nicht nur eine Sünde gegen Gottes Gebote, sondern auch ein unsühn-