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Die Wahrheit · 1924-05-16 · Heft 20 (16.5.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 20 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Nr. 20 aufgewogen werden von der Freude am Erfolge, am Erlangten. Die süße „Schmerzlust", die uns tagtäglich erfüllt in der Zeit, da wir voll Erwartung und voll Bangigkeit die Tage zählen bis zu dem Tage der Erfüllung und Vollendung, die stehen im Zeichen wahrer Freude — gemessen selbst an dem Hochgefühl, dais der Erfolg uns bringt. Diese Tage und Wochen des „Zählens" waren gewiß auch für den jüdischen Landmann die freudvollsten und beseligendsten. Im Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, ehrlich geleisteter Arbeit und im bestimmten Hoffen auf das Kommen des fünfzigsten Tages, in dem er seinem Gotte ein neues „Speiseopfer" darbringen wird können, zählte er mit Lust und Worafc die Tage) und Wochen, die ihn diesem heißersehnten Ziele immer näher brachten: dem Tage der Gesetzgebung, Mattan Thora. Wir gehen sicherlich nicht fahl in der Annahme, daß die Sephirazeit im alten Israel im Zeichen erhöhter Freudigkeit gestanden. =:= # # Seitdem wir aber aus unserem Lande vertrieben, der Tempel auf Zion in Schutt und Asche liegt und uns von den einstigen Herrlichkeiten nur mehr die wehmütige Erinnerung geblieben, ist naturgemäß auch die freudig-frohe Stimmung der „Zählzeit" gewichen1 und hat einer düster-traurigen Platz - gemacht. Die Sephirazeit steht im Zeichen der Trauer. „Wie schön und herrlich anzusehen war der Hohepriester, wenn er am Jörn Kippur den heiligen Dienst verrichtete" sprachen wir voll} Wehmut nach der Abodia ain Versöhnungstage. Unerschöpflich ist die Phantasie des Dichters, werni er diesen Anblick mit dien Herrlichkeiten der Welt vergleicht, und der Refrain lautet: „Wenn wir nur davon*hören, schmerzt und blutet uns das Jierz!" Seitdem die Sephira ein Secher lemikdosch gewordene breitet die Erinnerung den Schleier der Wehmut über unsere Seelen.und die gepreßten Herzen machen sich Luft in der Bitt^: „Möge der Allerbarmer wiederherstellen den Dienst im Heiligtume, bald in unseren Tagen!" (Fortsetzung folgt.) ~j Nationalsozialistische Rattenfängerei. Von Oskar Hirschfeld. Die Wahlen'in Deutschland sind vorüber. Nach den nun endgültig vorliegenden Resultaten ist die Richtigkeit der in unserer letzten Nummer ausgesprochenen Ansicht, daß in der deutschen Politik sich ein „Ruck nach rechts" vollziehen dürfte, bestätigt worden. Aber — und dies sei zur Freude eines jeden ehrlichen Republikaners konstatiert — nicht so sehr nach rechts, als es die. im „Völkischen Block" vereinigten Deutschvölkischen und Nationalsozialisten gewünscht und in ihren Blättern großmäulig prophezeit hatten.*) Diese Großmäuligkeit *) Hat doch zum Beispiel die „Deutsche Arbeiterpresse", erbost über Gerüchte von einer Ausweisung Hitlers aus Bayern, wichtigtuerisch geschrieben: Hitlers Tätigkeit in Bayern und Deutschland, ein Ziel zu setzen, wird nicht gelingen. Schon die Wahlen vom 4. Mai werden dafür Sorge tragen. Der Salzburger „Grobian" prophezeite gar: Hoffentlich werden die Pressehebräer ganz verrückt, wenn der Sieg der völkischen Idee bei den deutschen Reichstagswahlen noch glänzender in Erscheinung tritt. können die Herrschaften auch nun nach ihrer — an Ultralinks gemessen — vernichtenden Niederlage nicht sein lassen, sie rechnen jetzt nach, daß ihre Mandate von drei auf dreißig gestiegen seien, die Mandatszahl sich „also" verzehnfacht hätte, während „die bürgerlichen Fabrikanten- und Junkerpartei, die Deutschnationale nur 80 v. H. an Stimmen gewonnen hat". Dabei verschweigen sie wohlweislich, daß diese drei ursprünglichen Mandate eigentlich der heute vielgeschmähten „Junker- und FabrLkantenpartei" zuzuzählen sind, indem nämlich ihre Besitzer Wulfe, Gräfe und Henning früher dieser Partei -angehörten und erst nach einem politischen Riesenskandal aus ihr austraten, besser gesagt, expediert wurden. Ueberhaupt, die Einigkeit, die früher zwischen Deutschnationalen auf der einen und Völkischen und Nationalsozialisten auf der anderen Seite bestand, wird heute ebenso stillschweigend übergangen wie die Uneinigkeit, die zwischen den zur Wahlzeit so brüderlichen Völkischen und Nationalsozialisten seinerzeit herrschte. Einen Beweis dieses Zwiespaltes bot der Artikel in Nummer 14 unseres Blattes aus der Feder Gerhard Segers, in dem dieser nachwies, daß der völkische Breslauer Universitätsprofessor Freiherr von F r e y t a g- Loringhoven den Nationalsozialismus nach einer wissenschaftlichen Kritik seines Programmes als eine Niete betrachtet. Und als solche hat sich diese neue verderbliche Bewegung auch bei den Wahlen erwiesen, die ja heute nichts Besseres als eine Lotterie sind, bei der das wählende Volk um den großen Einsatz, das Wohl des Volkes, spielt. Wohl fanden sich einige durch demagogische Hetze Betörte, die die Niete gezogen haben, die große Masse aber hat sich anders entschieden; ob durch die Wahl der Deutschnationalen besser, bleibt abzuwarten. Trotzdem haben die Hakenkreuzler nicht die Flinte ins Korn geworfen, im Gegenteil, in ihren Blättern und — noch mehr — Blättchen schreiben, sie jetzt viel von „Des Nationalsozialismus Ziel und Sendung". So tat es auch Abg. Ing. Rudolf Jung in der Troppauer „Neuen Zeit". Ob diese Zeitschrift zu der einen oder anderen Sorte der oben genannten nationalsozialistischen Presseerzeugnisse gehört, ^diese fatale Frage zu entscheiden, überlassen wir Mer Schriftleitung der „Neuen Zeit". Sicher aber ist, daß es das führende Organ des deutschböhmischen Nationalsozialismus ist und demgemäß auch in Troppau, dem Sitz dieser Bewegung, erscheint, denn in Prag wird das Deutschtum nach wie vor hauptsächlich von den dortigen Juden erhalten (eine Reise, die ich vor kurzem zu einer deutschfreiheitlichen Studententagung unternahm, bestätigte mir wieder diese bekannte Tatsache) und diese Prager Deutschen hätten und haben für die teutsch-antisemitischen Hakenkreuzler wenig übrig. Einer der Rädelsführer im deutschböhmischen Hakenkreuzlager ist nun der sattsam bekannte Abg. Ing. Rudolf Jung. Daß überhaupt ein Mann seines Schlages, die in seiner Schrift „Der nationale Sozialismus" die Unmoral des Judentums .dem Nichtjuden gegenüber „beweisen" wollte, das große Wort führt und gar Abgeordneter werden konnte, beweist zur Genüge die geistige Minderwertigkeit seiner Wähler. Hat er doch in dieser Broschüre sich sogar zur der Behauptung verstiegen: „Es ist bei den Juden nichts

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