Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-16 · Heft 20 (16.5.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 20 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064090--12795-3080265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WAHRH DeufscliöslerrelcMsclre Mit dem BeiMail; Yeröfienflldionaen öer »Union denfschosterreldiisdier Juden Redaktfön und Administration - Wien HeinesiraAe *3. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 16. Mai 1924. Nummer 20 Sepilira. Von Dr. Moritz Bauer. i. Das Gebot, vom zweiten Pessachtage angefangen 7 Wochen oder 49 Tage zu zählen, jst ausgesprochen in Leviticus XXIII. 15. 15. und Deuteronomium XV, 9. Nach dem Wortlaute der Schrift fällt das Zählen mit dem Darbringen des Omer zusammen, fängt. mit dem Beginne der Görstenernte an. „Wenn du anfängst die Sichel an das stehende Getreide zu legen, sollst du beginnen zu zählen 7 Wochen." „Ihr sollt euch zählen vom zweiten Tage 'des Festes angefangen, von dem Tage,' d'a ihr darbringt das Omer der Schwingung, 7 Wochen, vollzählig sollen.' Site sein . . . sollt ihr zählen1 bis zum 50ten Tage." Wir haben es also mit. einem Gebote zu tun, dessen Erfüllung vom Besitze des palästinensischen Bodens abhängt, der an den" Bestand' des jerusalemitischen Heiligtumes geknüpft ist. Seit dem Aufhören unserer staatlichen Selbständigkeit, seit jdier Zerstörung des Tempels hat demnach dieses Gebot seine eigentliche Bedeutung eingebüßt. Wenn wir es trotzdem noch heute erfüllen, so üben wir nur mehr einen Akt der Pietät; es geschieht bloß zur Erinnerung an die schöne, längst dahingeschwundene Zeit, da die Zehntausende Israels zu dem auserwählten Orte Gottes pilgerten, in Heiligkeit und Reinheit sich seiner heiligen Stätte genaht — Secher lemikdosch. Das ist auch die Ansicht des Ainenar (Menachoth 66 a), der da meint, als bloße Erinnerung genüge es, wenn wir nur die Talge, nicht aber auch fdiie Wochen zählen. Wir halten uns aber an die Meinung der Rabbinen, welche die Bestimmung trafen, es seien die Tage und die Wochen tu zählen genau so wie einst, weil das Gebot in seiner Gänze fortbesteht, trotz dier Trümmer, in die Israels einstige Größe und Herrlichkeit zeirfaillen; weil eben das Judentum fortbesteht in seiner ungeschwächten Kraft, in seiner unverminderten Machtfülle. Was aber die Bedingung betrifft, an welche das Gebot ursprünglich geknüpft war, so ist sie auch heute noch gegeben. Galt es damals, die junge Saat, die auf heimatlichem Boden gediehen, dem Ewigen als Omieir zu weihen, so tritt heute an deren Stelle eine andere Aufgabe, die Weihe der jungen Saaten, das Hinführen der zarten Kinder zu Gott und zu seiner Lehre. Durch die vorschriftsmäßigen Schwingungen nach allen Richtungen sollte der Priester Winde und Stürme, Regen und Unwetter von der jutigen Saat abhalten. Auch von unseren jungen Saaten, von den zarten Kindern, sollen die Eltern und Erzieher, so sie ihr heiliges Priesteramt voll und ganiz ausüben, fernhalten alle schädlichen, verderblichen Einflüsse, dami[ ihr Wachsen und Gedeihen keinen Schaden nehme. Wie do'rt endlich Tage und Wochen gezählt wurden vom Beginne der Ruhe bis zu deren Vollendung, weil der Landmann all' die Zeit seine ganze Sorgfalt und Wachsamkeit der Saat gewidmet hat, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche in Hangen und Bangen schwebend, dem Tage der Vollendung cntgegenhaiTte, so soll auch hier jeder Tag und jede Woche gezählt, d. h. als ein Wichtiges un*d Bedeutsames angesehen werden. Kein Tag, keine Woche darf da außer acht gelassen, es darf keine Zeit versäumt werden; weil da alles wertvoll und unersetzlich, darf nichts vergeudet, kein Tag ohne Sorgfalt und Wachsamkeit, ohne nützliche, heilbringende Arbeit vorübergehen. Es muß gezählt werden bis zum Tage der völligen Reife, der Vollendung, wo alle Stürme und Wetter den jungen Saaten nichts mehr anhaben können. Bedeutsamerweise begann die Zählung am, Pessach, am Befreiungsfeste, von; dem Tage, da der Landmann die Sichel über das Getreide schwingt. Der Jude war schon frei, im- Besitze seines Bodens, und dieser Boden gibt bereits seinen' Ertrag. Da wäre doch, sollte man meinen, nichts mehr zu tun, nichts mehr zu wünschen übrig, weil alle Hoffnung schon in Erfüllung, gegangen. Nein! sagt die Thora. Jetzt; steht ihr erst am Anfange, jetzt erst sollt ihr zu zählen" beginnen. Die erlangte körperliche Freiheit ist bloß die Vorstufe geistiger Befreiung, die ihr am fünfzigsten Tage erlangen werdet. Was dazwischen liegt, sollt ihr gehörig nützen, euch für diesen Tag der wahren, eigentlichen Vollendung würdig vorbereiten. Habet acht auf diese Zeit, zählet Tage und Wochen und erst wenn diese „vollständig", dann! erst kommt der fünfzigste, der große Tag der Weihe und,' Vollendung, dann seid ihr wirklich frei, dann bereitet ihr dem Ewigen ein Fest der Wochen!; Ist doch nach den Worten der Psalmi'sten das „Zählen der Tage" das Kennzeichen des klugen, weisen Herzens (Psalm 90). Darum müssen gerade diese Tage des Ueberganges und der Vorbereitung als kostbares Gut betrachtet, gezählt werden, damit keiner von ihnen fehle, weil nur so der Erfolg gesichert werden, die Krönung der Arbeit kommen kann. Wer aber die Menschennatur kennt, wer einen schaffenden Menschen beobachtet, ja wer selber gerungen, gekämpft hat, wird zugeben, daß gerade djese Zeit des Kämpfens und Ringens, des Schaffens und Arbeitens eigentlich die schönste, die freudevollste ist. Nicht der Besitz an sich erfreut uns so sehr, wie das Ringen um ihn; die Freude, die uns die Bewältigung von Schwierigkeiten, die Beseitigung von Hindernissen gewährt, kann nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.