Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 19 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064089--12785-3080254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die WAHRHEIT Nr. 19 Rechts geschwenkt! In der Politik kommt es meist anders, als man denkt, schreibt und vorhersagt. Dieweil der Wunsch Vater des Gedankens ist und jede Partei nichts anderes wünscht, als den Erfolg an ihre Fahne zu knüpfen, so war es auch mit den deutschen Reichstagswahlen, für die schon Wochen vorher Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurden. Bei solchen Kämpfen gilt ungefähr wie im männermordenden Kriege, daß Sieger der Besitzer der stärkeren Bajonette, bzw. stärkeren Wahlfonds ist. Der nationale Gedanke mag ja an sich eine recht gute Sache sein oder aucft nicht, aber er muß befruchtet werden mit Goldmark und solchen Naturalien, die in den Herzen der Führer Hochstimmung entstehen lassen, die sich zwangsläufig auf die wahlberechtigten breiten Massen überträgt. Es ist nicht abzuleugnen, daß in den meisten Ländern sich ein Wahlgewerbe entwickelt hat, das dem Meistbietenden zur Verfügung steht. Die aufgestellten Lohnlisten entziehen sich allerdings der Kenntnis der Oeffentlichkeit, aber man wird immerhin seine Pflicht tun können. Haben wir nicht lange vor dem Wahltermin in den unterschiedlichen nationalen Blättern bewegliche Klagen über den Streit der Gruppenführer gelesen? Diese Klagen entsprangen gewiß weniger idealen Gründen als der Sorge um die Futterkrippe, und der Ruf nach Einigkeit galt dein Verlangen, sich gemeinsam auf dem Nährboden fetter Weide zu begegnen. Tatsächlich wurde auch der undankbare Nachiwächterstreit bewahrt, verwahrt das Feuer und das Licht, das heißt der Streit um deutschnational und deutschvölkisch in zwölfter Stunde zum Schweigen gebracht und zu einem Kurse nach Rechts geführt. Damit wurden die anders gerichteten Parteien abgedrängt und die Politik der gesunden Vernunft vorläufig in Deutschland ausgeschaltet. Ueber die Folgen dieses Pyrrhussieges und dessen Auswirkungen nach innen und außen wird an anderer Stelle unserer vorliegenden Nummer gesprochen. ~ d. Ausreise und Einreise. Der Salzburger „Eiserne Besen" hetzt natürlich gegen die Aufnahme jüdischer Parteien in den Sommerfrischen und fordert die alpenländischen Gasthofbesitzer auf, jüdischen Gästen die Aufnahme zu verweigern. Wir glauben jedoch nicht, daß diesem Hetzrufe, selbst wenn seine Befolgung nicht ungesetzlich wäre, viele Hotelbesitzer entsprechen werden. Die Lage der alpenländischen Wohnungsvermieter ist im heurigen Jahre keine rosige. Das Deutsche Reich hat ein allgemeines Ausreiseverbot erlassen, welches für Oesterreich nur in einzelnen dringenden Fällen eine Minderung erfahren wird, sodaß die große Völkerwanderung, die alljährlich aus dem Reiche nach Tirol und Salzburg erfolgte, für diesen Sommer vollständig ausbleiben dürfte. Aber auch aus Wien wird der Strom Erholungsbedürftiger, der sich sonst ins Salzkammergut, ferner nach Zell am See, Igls und Meierhofen ergossen hat, einigermaßen versiegen, da die wirtschaftlichen Verhältniese kostspielige und weite Sommerreisen derzeit nur den Reichsten möglich machen. „Der eiserne Besen" hätte es gar nicht notwendig, seine Propaganda gegen jüdische Sommergäste zu betreiben, und die zahlreichen hakenkreuzlerischen Inserenten dieses Blättchens legen zu Beginn der Sommersaison ihr Geld schlecht an, wenn sie durch Inserate die Fremden bewegen wollen, sich von ihnen schröpfen zu lassen. In wenigen Wochen werden sie zu der Erkenntnis gelangt sein, daß die marktschreierische Anpreisung ihrer Artikel durch den „Eisernen Besen" zwecklos ist, weil Salzburg und sein Hinterland von Fremden, seien es Juden oder Christen, gänzlich entvölkert sein wird. Visionen. Es gibt deren zweierlei: Solche von Männern, die des Gottes voll Gesichte hatten und die Zukunft voraussagten. Das waren die großen Propheten und Seher. Dann gibt es Visionen solcher Leute, die nur gewohnheitsmäßig des süßen Weines voll sind und ein Kennzeichen haben, das delirium tremens, weiße Mäuse und ähnliches Kriechtier zu erblicken wähnen, unter Umständen auch andere Gestalten. Darüber belehrt uns ein deutschvölkischer Artikel, der von visionären sächsischen Bauern erzählt: „Und haßsprühenden Auges schauen die Bauern aus dem Dorf hinaus über ihre Fluren, hin in den fernen Nebeldunst der Fabriken, der wie schwere Gewitterschwaden über ihre schönen Felder zieht. Und was ist das? Ist da nicht in dem Kohlendunst ein Gesicht? Ein teuflisch lachendes, grinsendes Gesicht wahrzunehmen? Sieh, Jochem! Was ist das da drüben nach dem Wald zu? Siehst du nicht auch eine große Teufelsfratze, die uns anlacht? Bei Gott! sagt Jochen, das sieht aus wie ein richtiges Judengesicht! Ach ja, ein Judengesicht! Wo kommt das her? Nun, mit der Industrie ist's eingezogen,, hat den deutschen Schaffensgeist mancher charakterstarker deutschgesinnter Werkbesitzer in seinen Dienst gezwungen und hat sich breit gemacht. Und hat Besitz ergriffen von Geld und Gut. von Börse und Aktienkapital. Und sitzt in Regierung und im Staat, in Parlamenten und Vereinen. Was weiß ich! Ueberall sitzt es! Und breitet seine großen Krallen aus, um alles in seine Abhängigkeit zu bringen. Jawohl, der Jude ist's, der an allem Elend schuld ist, das uns heute in Deutschland und uns Bauern ganz besonders bedrückt. Er hat den Krieg gemacht. Er hat die Revolution gemacht. Er verhindert das Fortschreiten von Verhandlungen. Alles hat er in seinen Bann gezogen, dieser internationale Jude. Er will auf den Trümmern Deutschlands sein großes, ihm nach der Bibel verheißenes Weltreich aufrichten, das darauf hinaus läuft, alle Parteien unter seine Abhängigkeit zu bringen und neben sich nur ein versklavtes Proletariat zu dulden." Delirium tremens als Folge übermäßigen Schnapsgenusses. Isaak Löwenthal. Die Wahlkampfnummer der „C. V.¬ Zeitung" vom 24. v. M. verdient wegen ihres trefflichen Inhaltes vulle Anerkennung und wegen der Entschiedenheit des Tones sowie der klugen Anregungen als beispielgebend hingestellt zu werden. Von besonderem Interesse ist diesmal die als Sonderausgabe erschienene Beilage des „Schild", Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, die sich die Ehrenrettung gegen den Vorwurf der Drückebergerei zur Aufgabe stellt und reiches Tatsachenmaterial bringt. Wahrhaft ergreifend wirkt in jener Ausgabe nachstehendes Gedicht J. Löwenbergs: Anno 13. Im Kolberger Jägerregiment, Wie schwer's von der Mutter, vom Lieb sich auch trennt, Sie kamen alle dazumal, Und einer hieß Isaak Löwenthal. Sie hängten sich an den Namen wie Spott: „Ein schöner Name! Wahrhaftig! bei Gott! Einst grüßt ihn Odin in Walhalls Saal: Willkommen Held Isaak Löwenthal!" Das wurmt ihn, und als sie das erst entdeckt, Da ward er nur desto mehr geneckt. Er gab's ihnen wieder, er war nicht faul: „Schad, daß dein Verstand nicht so groß wie dein Maul." Da forderten sie ihn mit Schimpf und Hohn. „Ein andermal, Jungens, ich stelle mich schon. Wir zogen für so etwas doch nicht in den Krieg." „Du bist ein Feigling!" — Er hört es und schwieg. Und ein Tag kam, und riugsum das feindliche Korps. Der Hauptmann rief: Freiwillige vor! Und Löwenthal stellt sich als erster voran. „Wer je mich gefordert, Mann für Mann, Heut fordre ich ihn. Nun, Brüder drauf! Mir nach!" — Da stürzt er mitten im Lauf. ' Sie setzten aufs Grab ihm ein schlichtes Mal: „Wir folgen dir, Isaak Löwenthal." Ludendorff Im wahren Licht. Kein Jude, kein Judenstämmling, kein Sozi als Judenknecht oder gar ein katholischer Zentrumsmann als natürlicher Feind des Vatikanbeschimpfers Ludendorff hat von diesem eine scharf umrissene Skizze entworfen. Es ist Prinz A. Hohenlohe, ein jedenfalls besserer deutscher Edelmann als der glorreiche Kriegsverlierer, der in der „Menschheit" von diesem betriebsamen Falstaff sagt: Ludendorff war es, das kann man nicht oft genug wiederholen, dessen falsche Einschätzung der militärischen Lage, dessen Verlangen nach dem sofortigen Waffenstillstandsangebot die Hauptschuld der Katastrophe, die Verantwortung für das Ende mit Schrecken trägt. Ludendorff war es, der das Heer im entscheidenden Moment im Stich gelassen hat und nach Schweden geflohen ist. Ludendorff ist Schul d daran, daß wir diesen Friedensvertrag unterschreiben mußten, Ludendorff und kein anderer. Es gehört wirklich Unverfrorenheit dazu, ich finde keinen anderen Ausdruck, die Wahrheit derartig auf den Kopf zu stellen, wie er es in seiner