Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 19 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 DIE WAHRHEIT Seite 1 den" angehört und ein Jahr lang auch die Präsidentenwürde unserer Organisation bekleidet. Sowohl in diesen Funktionen, als auch in der hingebenden und rastlosen Arbeit welche er der Toynbeehalle und den anderen humanitären Instituten der Wiener Judenschaft widmete, haben wir seine hohe Intelligenz, seine tiefe Menschenliebe, sein mildes, gütiges, für alles Menschenleid und Menschenschicksal zugängliches Wesen kennen und schätzen gelernt. Das Judentum war für ihn der Inbegriff des Menschentums und wie er als Arzt den Hilfsbedürftigen mit seinen reichen Können stets hilfsbereit zur Seite stand, so hat er auch in seinen öffentlichen Funktionen allen Mühseligen und Beladenen, insbesondere aber den armen Kindern sein großes Herz geöffnet und hat ihnen, wann und wo immer er konnte, Hilfe gebracht. Wir werden den Dahingeschiedenen stets ein treues, dankbares und ehrendes Andenken bewahren." Aus unseren Rechtsschutzu. Abwehrbüro. Zwei antisemitische Edelknaben. Zwei Säulen der antisemitischen Hetze in Oesterreich sind geborsten. Der Führer der nationalsozialistischen Hakenkreuzler und Vertrauensmann Adolf Hitlers, Herr Dr. Walter Riehl, ist durch ein schiedsgerichtliches Erkenntnis aus seiner eigenen Partei hinausgelehnt worden, und der christlichsoziale Hepp-Hepp- Rufer im Streite, der Abgeordnete Dr. Jerzabek, hat aus Gründen, welche vorläufig noch von seiner Partei geheimgehalten werden, über welche wir jedoch in der nächsten Zeit näheres zu veröffentlichen gedenken, die Obmannstelle des „Antisemitenbundes für Oesterreich'" niedergelegt. Trotz des gewaltigen Geschreies der judenhetzerischen Provinzpresse scheint der Antisemitismus in Oesterreich mehr und mehr ein schlechtes Geschäft zu werden. Das hat ja schon das geradezu jämmerliche Debakel bewiesen, welches die Großdeutschen bei den letzten Nationalratswahlen erlitten haben. Auch das deutschvölkische Hakenkreuzlertum hat durch die Enthüllungen des Prozesses gegen Ludendorff und Hitler, der vor dem Münchner Volksgerichte durchgeführt wurde, einen gewaltigen Stoß erlitten! Das Pack schlägt sich, aber verträgt sich nicht! Dazu kommt noch, daß der Urgermane Dr. Jerzabek, dem seine Parteigenossen im Nationalrate den Maulkorb angelegt haben und der nun seinen Judenhaß in einigen materiell schlecht fundierten Provinzblättern austoben muß. den christlichsozialen Führern Dr. Seipel und Dr. Kienböck höchst unbequem zu werden beginnt. Man kann weder die Staatsfinanzen noch die Seelen sanieren, wie es der Bundeskanzler wünscht, wenn sich einem Leute von der geistigen Kapazität eines Jerzabek an die Rockschösse hängen. Das ist der eine Gesichtspunkt. Der andere ist der, daß die Domäne der Großdeutschen ja eigentlich die paar Provinzialhauptstädte bilden und daß nun hier Herr Jerzabek als christlichsozialer enfant terrible den Hakenkreuzlerischen schmutzige Konkurrenz macht. Es gibt kein geschriebenes Gesetz gegen den unlauteren politischen Wettbewerb, aber es scheint doch, als ob gewisse ungeschriebene Gesetze von den Parteien eingehalten werden. Es ist ja auch nicht gut möglich, daß sich die Christlichsozialen von den Großdeutschen und umgekehrt wieder die Großdeutschen von den Christlichsozialen in ihre Suppe spucken lassen und dabei im Nationalrate brüderlich vereint die Regierungspartei bilden. Man darf auf die Austragung der Affäre Riehl und auf die von dem Ausgeschlossenen angekündigten Enthüllungen gespannt sein. Herr Doktor Jerfabek hat sich endgültig selbst erledigt. Aus unseren Mitgliedschaften. Graz. Im Abendblatt der „Tagespost" vom 1. April bespricht J. L o s e r t h, der emeritierte Professor der Geschichte an der Grazer Universität das bekannte Werk von Friedrich Mückle: Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland, Ricola, Wien, Leipzig und München 1923. Wir haben uns mit Herrn Loserth* schon einmal beschäftigt und gesehen, daß er Bücher bespricht, für welche er tatsächlich nur sehr wenig Verständnis mitbringt und deren Besprechung er doch lieber Fachleuten überlassen sollte. Denn schon die in dieser Besprechung herausgegriffenen Stellen und ihre Beurteilung zeigen, wie wenig Verständnis iwiid fachliche Kenntnisse Loserth von der ganzen Materie besitzt. Auch darin zeigt sich ja der ganze Jammer vieler Universitäten, daß man für alle möglichen und unmöglichen Disziplinen Lehrstühle besitzt, nur nicht für das das ganze Kulturleben oft gewaltig beeintiußende Judentum und seine weitverzweigten Ausstrahlungen. Denn sonst wäre noch eine so beschämende Unwissenheit selbst bei Universitätslehrern unmöglich! Und nur aus solcher Unwissenheit heraus fließt auch die Einseitigkeit, mit der man an die Besprechung dieser Materien geht. So zum Beispiel wirkt für Loserth, wie er sagt, recht unangenehm die Lobpreisung von Land und Leuten im alten Palästina. Für Loserth gibt es wahrscheinlich. nur noch in den steirischen Tälern schöne Gegenden, daß aber auch das ehemalige Palästina eine üppige und eigiebige Vegetation haben konnte, will dem Historiker Loserth nicht In den Sinn. Genau so unverständlich, ist ihm auch die Schilderung der Leute in Palästina. Daß es auch unter Juden und auch in Palästina Helden gegeben hat, paßt ihm schon gar nicht mehr. Aber mit Verlaub, Herr Professor, wenn Sie schon die jüdische Geschichte nicht kennen, sollten Sie doch ziwnin/dest »die allerdings sehr wenigen, wie ein Schatten dahinlebenden jüdischen Studenten der Grazer Universität kennen, die in ihrer Isoliertheit und materiellen Not auch ein Heldentum bekunden, ja vielleicht ein größeres, als die überall gehätschelten arischen Studenten. Weiß denn Loserth nicht, welches Heldentum dazugehört, gehetzt, verachtet, verhöhnt zu werden, überall auf Hemmungen und Gegensätzlichkeiten zu stoßen und doch seine Pflicht erfüllen? Oder will Loserth etwa leugnen, daß die jüdischen Studenten in gewissenhaftester Weise ihre Pflicht erfüllen? Das ist wahres Heldentum, von dem mau zwar nicht spricht und für das es keine Denkmäler gibt, aber vor dem man den Hut ziehen muß. Sehr aufgeregt zeigt sich Loserth auch bei der Schilderung der Propheten. Und da leistet er sich folgendes Stückchen, das angenagelt zu werden verdient. Um Mückle und sein Werk ja nur verächtlich zu machen, zitiert er folgende Stelle: Mit ihnen (den Propheten) schv/ingt sich der Genius unseres Volkes usw. Durch dieses Hervorheben des Wortesunseres, bei dem Mückle natürlich gedacht hat, des von uns behandelten Volkes, wollte Loserth Mückle als Juden hinstellen und begreiilich machen die überschwengliche Schilderung der jüdischen Helden und Propheten in dem Buche. Nun aber ist ja bekanntlich Mückle gar kein Jude! Aber für den Grazer Professor kann ein Mensch, der objektiv über Juden und Judentum schreibt, nichts anderes als ein Jude sein. Daß auch ein waschechter Arier vorurteilsfrei über das Judentum schreiben kann, ist für Herrn Loserth ein Ding der Unmöglichkeit. So weit ist es heute gekommen! Und in diesem Geiste der Nörgelei und der Verdrossenheit geht es weiter, bis es am Schlüsse heißt: So viel darf man im allgemeinen sagen, daß sich das gesohichtsfreurallictoe Publikum, wenn es auf diesem Gebiete Belehrung sucht, besser an die älteren Werke eines Duncker oder an die jüngeren wie Eduard Meyer und verschiedene Spezialwerke halten wird, in denen neben dem Licht — auch die vielen Schattenseiten (sie!) sichtbar werden, an denen es in dieser Kultur nicht fehlt. Gewiß, auch wir sind nicht mit allem, was Mückle sagt, einverstanden, aber was wir an der Besprechung Loserths auszusetzen haben, ist der unwissenschaftliche, von Vorurteilen beeinflußte Geist dieser Besprechung. Man lese dagegen die kurze, aber inhaltsreiche Besprechung in dein letzten Hefte der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 68. Jahrgang, Heft 1/3 und man wird den himmelweiten Unterschied zwischen der strengen Sachlichkeit dort und den langatmigen Nörgeleien dieser Besprechung ersehen. Was erst würde Loserth zu dem jüngsthin in neuer Auflage erschienenen Vortrage Dölliugers: Die Juden in Europa, Meyer und Jessen, München und dem schönen Vorworte, das Leopold von Wiese dazu geschrieben, sagen? Gewiß, das können nur Juden oder Judenstämmlinge sein. Wir sehen's ja, Döllihger glaubte ja nicht an die Unfehlbarkeit des Papsttums, ergo mußte er Jude sein. Denn als Protestant wäre er Herrn Loserth zu nahe gestanden! Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zenfrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborsiraße 44