Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-09 · Heft 19 (9.5.1924) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 19 (9.5.1924)
Date
1924-05-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064089--12782-3080251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 19 DIE WAHRHEIT Seite 5 Seine Helfer —? Die hatte er doch berufen! Ja, es ist richtig, er pflegt während der Proben seine Mitarbeiter um ihre Eindrücke, um ihre Vorschläge zu befragen, schweigend — er besitzt eine wunderbare Kunst.des Schweigens — ihre Meinungen entgegenzunehmen, das Wertvolle zu verwenden, das Unbrauchbare auszuschalten. Dann sagen die Menschen, die nicht wissen, was Führen und Organisieren ist: er nützt die anderen aus. Wie stark muß eine Persönlichkeit sein, daß sie ruhig alle fremden Ansichten anhören und prüfen kann und doch dem Ganzen ihre Linie, den unverkennbaren Zug ihrer Hand zu geben weiß! * * > * Glück —? Er hat gearbeitet, wie ich nie einen Menschen arbeiten gesehen habe. Seine Nerven gehören zu seinem Personal; sie haben sich zu fügen. Er hat einmal in meiner Gegenwart ein Stückchen Arbeit geleistet, das festgehalten werden soll. Es erklärt ihn und seine strahlende Laufbahn. Es war in den Anfängen seines' Theaters. Wir probierten eine Komödie von mir bis vier Uhr; dann wankten die Schauspeler müde nach Hause. Er zog sich "mit mir in sein Bureau zurück, um einige Kürzungen zu besprechen. So wurde es fünf. Wir gingen schließlich in ein nahe gelegenes Restaurant. Aber bei Tische arbeitete er weiter. Um sechs stand er auf: „Ich muß jetzt ins ,Deutsche Theater' hinüber; ich habe heute Abend den Mephisto." Ich starrte ihn an. Jetzt, nach dieser grandiosen Arbeitsleistung hatte er noch diese enorme Rolle vor sich —? Ein anderer schont sich den ganzen Tag, wenn ihn der Abend mit einer solchen Aufgabe erwartet! Und dann fuhr er fort: „Bitte, setzen Sie nach der Vorstellung, also für 11 Uhr etwa, eine Dekorations- und Beleuchtungsprobe an. Vertreten Sie mich; ich komme hinüber, sobald ich drüben fertig bin." Und dann kam er, und es war 2 Uhr, als wir das Theater verließen. Und die Leute sagen, er hat Glück. * * * Die phänomenale Arbeitsleistung seines Lebens erklärt natürlich nur eines: die sachliche Hingegebenheit. Er wirbt um eine Dichtung, wie man um eine geliebte Frau wirbt. Er fühlt, er will, er kennt nichts anderes als ihre Eroberung. Da vollbringt er Wunder der 1 apterkeit, in jedem Sinne. Aber da läßt der Regisseur unter Umständen auch den Direktor nicht zu Worte kommen. Das erklärt die Schatten, die auf seinem Theater ruhen. Die gelöste Aufgabe interessiert ihn nicht mehr. Es ist fünf Uhr nachmittags; er probiert weiter. Der Hauptdarsteller meldet sieht- „Herr Professor, ich kann nicht weiter arbeiten, ich habe heute Abend eine große Rolle." Reinhardt winkt ruhig einen seiner Helfer herbei. „Herr X. ist heute abend frei; sorgen Sie für Ersatz. Die Probe geht weiter." Da ereigneten sich dann die merkwürdigen Zwischenfälle, die sein Theater freilich auch berühmt gemacht haben. Am Abend tritt irgendein Herr auf, den der atemlose Dramaturg in einem Theatercafe, manchmal sogar auch erst an der Abendkasse, als er sich seine Freibilletts holen wollte, erwischte. Der fremde Herr stellt sich den Mitwirkenden während der Vorstellung in einem „bei Seite", mitten im Dialog des Stückes, vor. Reinhardt ist Wiener. Und er weiß, daß es zu den schönsten Traditionen des Wiener Theaters gehört, die fünfzigste Vorstellung auf dem Niveau der ersten, auf einem höheren Niveau, als es die erste zeigte, bieten zu können. * * * Er hat Glück; ja. Er hat das Glück, Max Reinhardt zu sein.____ Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung. Von Oberrabbiner Dr. Adolf A11 m a n n in Trier. (Schluß.) Eine andere Tat des Kongresses waren die Entscheidungen für Palästina. Der thoratreuen jüdischen Welt ist Palästina schon immer eine hochheilige religiöse Angelegenheit gewesen. Nun erst gar in unserer Zeit, wo die ernste Lage der Judenheit in der ganzen Welt gebieterisch die Oeffnung Palästinas für die jüdische Fußfassung heischt. Es gibt ja auch kaum eine jüdische Organisation, die nicht die Frage des Aufbaues und der Besiedlung Palästinas als eine der gewichtigsten Forderungen der Zeit betrachtet. Agudas Jisroel will da gewiß nicht nur nicht zurückstehen, sondern als mustergültig vorangehen. Allein, Agudas Jisroel geht hinsichtlich Palästinas von einem anderen, wesentlich grundverschiedenen Gesichtspunkte aus als andere Richtungen, die die Sache entweder von der philantropischen, sozialistischen oder nationalen Seite betrachten. Für Agudas Jisroel ist der Aufbau Palästinas dieses alles wohl auch, aber vor allem eine Angelegenheit der Religion. Mit dem Aufbau an sich ist noch keine Erfüllung der Aufgabe vollzogen, erst das „Wie?" des Aufbaues rechtfertigt die Arbeit. Der Aufbau Palästinas muß auf religiöser, taurogemäßer Grundlage erfolgen. Dem reinen Nationalismus ist Palästina schon an und für sich ein Verwirklichungsziel des Judentums, für Agudas Jisroel hingegen ist auch Palastina nur Mittel für die Verwirklichung des Judentums. Denn ob in der Zerstreuung oder in Palästina, zu Juden im Sinne des vollen Gehaltes dieses Wortes macht uns nur die Erfüllung der Gotteslehre. Unsere Nationalität ist ein Gottesvolkstum. Uns hat schon der Sinai zum Volke gemacht und nicht erst der Jordan. Und nur deshalb ist Palästina doch das heilige Land der frommen Sehnsucht, weil die Auslebung der vollen Gesetzestreue dort adäquater ist, weil daher Israel, die Lehre und Palästina eine unzertrennliche Einheit im Heilsplane Gottes bilden. Bei aller Anerkennung der Werte und Verdienste des Zionismus für Palästina und das Judentum, schon durch die oft bewährte und entschlossene Ablehnung der Assimilation und Reform, kann im modernen jüdischen Nationalismus im Grunde genommen ebenfalls nur eine Art Assimilation erblickt werden, die Assimilierung des jüdischen Nationalismus mit dem Nationalbegriff anderer Völker und das meint Agudas Jisroel nicht gelten lassen zu dürfen. Auch der Misrachi ist, bei aller Betonung der agudistischen Auffassung, doch mit einem Fuße von anderen Bindungen festgehalten. Darum beschloß der Kongreß in Wien einstweilen nach wie vor selbstständig an den Aufbau Palästinas heranzutreten, nicht ohne zu hoffen, Misrachi bald an seiner Seite zu sehen und ebenso auch einmal den Nationalismus zu überzeugen. Es ist die Parole ausgegeben worden: kein Agudist und kein Jude überhaupt, ohne in Palästina wenigstens ein vier Ellen breites Stück Land zu erwerben und urbar zu machen. Stiftungen für palästinensische Landkäufe sind sofort an Ort und Stelle erfolgt. Auch verschiedene Unternehmungen industrieller und kaufmännischer Natur sind für Erez Jisrpel ins Leben gerufen worden und dergleichen mehr. Es ist freilich sehr zu bsdauern, daß leider einstweilen noch weiter eine Zersplitterung der Aufbaukräfte vor sich wird gehen müssen. Aber die Hauptsache ist ja, daß nur erst ernstlich gebaut wird. Einmal treffen ja doch alle am heiligen Werke Wirkenden im gemeinsamen Ziele zusammen. Vielleicht wird sich doch bald irgend ein Weg zeigen, die großen jüdischen Weltorganisationen in der Frage der von England gewährten jüdischen Agentur für Palästina zusammenzuführen. Agudas Jisroel sträubt sich einstweilen noch. Ich weiß allerdings nicht, wie ich über diese Angelegenheit geurteilt hätte, wenn ich auch — wie ich das wollte — den Zionistenkongreß in Karlsbad aus eigener Anschauung erlebt hätte. Aber ich kann trotzdem nur sagen, daß ich bei aller scharfen kritischen Einstellung dennoch in Wien den Eindruck gewann, daß seitens Agudas Jisroel kein schlechter Wille schuld irägt. Der Zionismus müßte meines Erachtens zur Einsicht kommen, daß er sich mit der thoratreuen jüdischen Welt, der beständigsten und gewissesten im Judentume, anders als bisher verstehen und seinen Bedenken Rechnung tragen müßte. Aber auch alle anderen Richtungen der jüdischen Gesamtheit müßten aus dem Ereignis in Wien erkennen, daß in dem Judentume, wie es von altersher rein und ungetrübt durch die Hand eines kleinen, aber beherzten Kreises uns erhalten geblieben ist, unversiegbare Kräfte wohnen, die sich, wie die Urelemente in der Natur über alle Hindernisse hinweg Bahn brechen und alle künstlichen, nicht ursprünglichen Gebilde mit sich fortreißen. Das Judentum ist durch keinerlei Versuchs- Experimente auf die Dauer aus der ursprünglichen Art zu bringen, durch keine Macht der Spekulation und Ausklügelung zu verdrängen, durch keine gewagte Volksdefinition zu trüben und durch keine grobsinnliche Verleitung zu erniedrigen. Der wahre Jude assimiliert sich nur mit der Tauro, spekuliert nicht über die Gottesfurcht hinaus, fühlt sich, wo er auch seine Zelte aufgeschlagen hat, an die fromme Pflicht gebunden und sorgt überall und immer den Nachwuchs vor Verfall und Abirrung vom Wege zu schützen. Vielleicht ist der Tag nicht ferne, wo der Jude, der so ist, die Anziehungskraft auch auf alle ausüben wird, die einstweilen noch anders sind. Dann werden die Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung sich gestalten zu einer jüdischen Weltbelebung und Agudas Jisroel wird — wie sein Name besagt — nicht bloß das Erlebnis eines oder mehrerer sein, sondern das Leben und Streben aller Juden. . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.