Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-09 · Heft 19 (9.5.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 19 (9.5.1924)
Date
1924-05-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064089--12781-3080250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 19 vergewissern," Dr. Riehl war damals so klug, diese Zurechtweisung stillschweigend zu quittieren, dagegen beliebt es seinem Kollegen beim Gericht, Dr. Sch. (den Sohn eines -Postelberger Advokaten), nach Tisch mich zur Rede zu stellen, bemerkend, daß ich mir durch solch Vorgehen Unannehmlichkeiten zuziehen könne. Ich erwiderte dem jungen Manne, der mir übrigens als liebenswürdiger Mensch von früher bekannt war, daß ich einer Ehrenbeleidigungsklage von Dr. Riehl ganz beruhigt entgegensehe. Auf diese Ehrenbeleidigungsklage warte ich noch heute — also ein Vierteljahrhundert. (Fortsetzung folgt.) Mäx Reinhardt. Anläßlich der Eröffnung des Wiener Theaters Max R e i n h a r t's widmete die „M e n orah", illustrierte Monatsschrift für die jüdische Familie, Wien IX., dem berühmten jüdischen Theaterleiter die folgende Charakteristik aus der Feder Leo Felds: Er hat Glück gehabt, sagen seine Feinde. Und seine Freunde müssen das allerdings bestätigen. Sie vergessen dabei nur eines: Glück ist eine Eigenschaft, wie der große Napoleon zu sagen liebte. Seine Karriere stieg mit beispiellosem Schwung empor. Ich entsinne mich noch, wie ich ihn eines Tages in Berlin, in der Friedrichsstraße, traf. „Was glauben Sie, wieviel Geld hab' ich da bei mir?", fragte er mich. Ich wollte Hebenswürdig sein und so sagte ich: .,20 Mark". Das war nämlich in unserem Kreis damals ein sehr respektabler Reichtum. Er aber lächelte sein schweigsames Lächeln. „14.000 Mark. Die leg' ich jetzt Brahm als Pönale auf den Tisch und erbitte mir die Lösung meines Vertrages." Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie bestürzt ich war. Ich stellte ihm angelegentlich vor, daß man eine ansehnliche Stellung wie die seine nicht so leichtfertig preisgeben dürfe, daß das kleine Theaterchen, das er unter den „Linden" eben eröffnet hatte, doch noch ein höchst unsicheres .Unternehmen sei, dessen Leitung er bis jetzt übrigens sehr gut mit seiner schauspielerischen Tätigkeit Rabbi Jochanan will den Selbstmord dann nur erlaubt wSssen-, wenn der Anführer im Kriege einen unglücklichen Ausgang des Krieges wahrnimmt, ferner wenn ein Israelit zum Götzendienst, zur Unzucht und zur Vollziehung eines Mordes gezwungen würde. Es lehrt uns die Statistik, daß in der letzteren Zeit Selbstmorde sich häufiger ereignen. Die Ruhelosigkeit, die unsicheren Existenzverhältnisse, d,ie Zerwürfnisse im Familien- und Eheleben, endlich die Nervosität ist gewöhnlich Grund dieser Ereignisse. 'Kummer und Sorge in der Erhaltung und Ernährung, Spr. Salom., 12. K., 25, V.: „Sorgen bringen das Menschenleben nieder." Es besteht leider Mangel an Vertrauen an Gott, dem Lenker unserer Geschicke. Deshalb ist es unsere Pflicht, in der Erziehung unserer Jugend ehrliches, gesundes Bestreben an den Tag zu legen. Die Kinder frühzeitig mit den Lehren unserer Religion bekannt zu machen. Spr. Salom., 23. K., V. 14 u. 15: „Entziehe dem Knaben nicht die Zucht. Du schlägst das Kind mit der Rute, rettest dadurch aber die Seele vom ewigen Verderben." Im Talmud, Joma 82, heißt es: „Wenn wir die Kinder in der Religion nicht anhalten, im späteren Alter werden wir es gewiß nicht vermögen." vereinigt hätte — er schüttelte mit seiner unstörbaren Gelassenheit den Kopf. „Ich muß frei sein. Diese Halbheiten sind zwecklos. Glauben Sie mir." Ich habe es ihm natürlich nicht geglaubt. Glück ist Mut. Glück ist die unbedingte Entschlossenheit, seiner Lebensaufgabe zu gehorchen. Glück ist die zwingende Sicherheit des Instinkts. * Er hatte die Kraft, die selbstgewisse und unerschrockene Kraft, die alten Werke der deutschen Bühne mit seinen jungen Augen anzusehen. Er bildete sie in seinem schöpferischen Gefühl um. Er hat viel gewagt dabei. Denn er zerrte an lange eingewurzelten Traditionen. Es war ebenso möglich, daß die Leute lachten, wenn er ihnen die von poetischen Fernen verklärten Gestalten in unmittelbare Nähe rückte, als daß sie in ihrem innersten Gefühl getroffen wurden. Er hat das Letztere erreicht. Durch die höchste Straffung aller Kräfte, über die das Theater verfügt. Demi er ist der elementare Theatermensch. Als er die Bühne betrat, war das Theater literarisch geworden. In einem sehr guten Sinn. Otto Brahm hatte eine Atmosphäre hoher und Kultivierter Geistigkeit geschaffen. Es war taghell auf der deutschen Bühne. „Es ist höchste Zeit, daß die Theaterleute wieder das Theater übernehmen", sagte mir Reinhardt, als er sich anschickte, sein Theater zu gründen. Aber das war kein Rückschritt, das war eine Steigerung. Keine Verarmung, sondern eine Bereicherung. * * * Theatergeschichtlich betrachtet: er brachte der kühlen und klaren Geistigkeit des Nordens das warme, sinnlich blühende Kunstgefühl, das ihm der Wiener Boden vererbt hatte. Farbe, Rhythmus, Fülle hat er dem Berliner Theater gewonnen. Nicht im Sinne einer Anekdoten erzählenden Meiningerei. Er hat nie neben dem Schauspieler, er hat immer für ihn und durch ihn gewirkt. Malerei und Musik hatte für ihn nur den einen Zweck: den Sinn der Szene einprägsamer, eindringlicher zu gestalten. Der Schauspieler aber war ihm der Träger der Szene. Ihr menschlicher Ausdruck. Ihre menschliche Gestalt. * . :•: Das Große an dieser Kunst der Regie war: der Wille zum Werk. Die Schöpfung des Dichters zur höchsten Theaterexistenz zu erheben, das heißt zur umfassendsten, ausdnickvollsteu sinnlichen Erscheinung, das war immer die Tendenz des Reinhardtschen Theaters. Da hatte sich alles zu unterordnen. In diesem Sinne war ihm dann auch der Schauspieler nur noch Organ. Mit dem feinsten Gefühl und der sichersten Technik hat er immer die Stimmung, den Grundcharakter eines Werkes erfaßt und fixiert. Der Ton der „Räuber" ist Jugend, stürmische, heiße Bewegung, wie der der „Stella" Sentimentalität und Schwärmerei. Es fällt Reinhardt nicht ein, das Werk unserem Gefühle dadurch nahe bringen zu wollen, daß er die — uns fremd gewordene — Ucberschwänglichkeit seines Stils etwa mildert. Im Gegenteil. Er fühlt als Künstler nur zu sehr, daß die tiefste Kraft eines Gedichts in dieser Urexistenz wurzelt. Er stellt den Dichter und sein Werk vqr uns. In Reinhardts „Räubern" tobt eine atemlose, ekstatische Kraft, in der „Stella" schluchzt ein ratloses, sehnsüchtiges Gefühl. Er gibt mehr als die einzelne Szene. Mehr als das einzelne Werk. Er gibt es mit allen Hintergründen. Aber das ist nicht ersonnen und gesucht, das ist nicht historisch gefunden und nachgebildet, das quillt aus einer großen Intuition. Aus der Intuition des Theatermenschen, Immer ist es die Bühne, die alle seine Möglichkeiten weckt, die ihm in allen ihren Möglichkeiten gehorchen muß. Seine Phantasie schwebt und schwingt in dem hohlen Szenenraum. * * * Er hat Glück, sagen die Leute. Was für Schauspieler hat er stets gehabt, was für Maler, v/as für technische Helfer! Aber die Schauspieler hat er geschaffen. Er hat sie mitunter. — wie etwa Moissi — mit unverwirrbarer Üeberzeugung gegen eine widerspenstige Kritik durchgesetzt; er hat sie entdeckt oder in seinen Dienst gezwungen und gereift. Das war für ihn, als er begann, sehr schwer. Heute, da seine Autorität in zwei Weltteilen anerkannt ist, folgt ihm natürlich jeder Schauspieler, auch der verwöhnteste, mit gefügigem Vertrauen. Damals, als er Künstler biegen und'formen mußte, die längst anerkannt waren, da er noch ein kleiner Schauspieler war — sogar am selben Theater — damals war es ein entscheidender Beweis geborener Führerschaft, daß er sie zu bändigen vermochte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.