Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 18 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 18 DIE WAHRHEIT Seite U . Beilis gestorben. Wie uns vor Schluß des Blattes gemeldet wird, ist in Jaffa der aus dem sensationellen Kiewer Ritualmordprozeß vom Jahre 1913 weltbekannte Mendel Beilis verschieden. Aus der Genieindestube. In der vorigen Nummer unserer Wochenschrift brachten wir eine Notiz über die öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes vom 14. v. M., in der einige Statutenänderungen der bisher geltenden Wahlordnung sowie einige Neubestimmungen vorgenommen wurden. So betreffend den § 3, der nunmehr zu lauten hat, daß die Mandatsdauer vom Tage der Konstituierung des Kultusvorstandes an gerechnet wird und daß die Neuwahlen in der ersten Hälfte des Monats November vorzunehmen sind. Auch der Absatz 1 des § 5 erfährt nach den gemachten Vorschlägen eine Aenderung dahin, daß alle Kultussteuerträger der israelitischen Kultusgemeinde ohne Unterschied des Geschlechtes, soferne sie das gesetzlich vorgeschriebene Alter erreicht haben, wahlberechtigt sind, woran noch die Bedingung geknüpft wird, daß sie ihren Steuer Verpflichtungen in den zwei der Wahl vorangegangenen Verwaltungsjahren entsprochen haben. Des ferneren lautet der Absatz 2 des § 5, daß die Gerne inderabbin e r sowie weibliche und männliche definitive Angestellte das aktive Wahlrecht ausüben können ohne Rücksicht darauf, ob ihnen eine Kultussteuer vorgeschrieben ist oder nicht. Der § 6 bestimmt den Ausschluß vom aktiven Wahlrecht für alle Personen, welche in Gemäßheit der Gemeindewahlordnung für die Stadt Wien nickt wahlberechtigt sind.—-In der Sitzung, in der Präs. Prof. Doktor A. Pick den Vorsitz führte, vertrat zunächst der Referent der Majorität, Herr Dr. Tichok den Standpunkt, daß das aktive Wahlrecht jedem Steuerzahler männlichen und weiblichen Geschlechtes zu verleihen sei, wenn er für das Jahr 1922 und 1923 eine Minimalkultussteuer von K 6000.— vorgeschrieben erhält und bis zum Ablauf der Reklamationsfrist die Kultussteuer für das Jahr 1923 oder 1924 effektiv gezahlt hat. Der Vertreter der Minorität, Herr Gemeinderat Dr. P1 a s c h k e s, schloß sich dem Antrag des Vorredners an, forderte aber, daß sowohl Frauen, wie die Beamtenschaft der israelitischen Kultusgemeinde das aktive und passive Wahlrecht genießen sollen. Dagegen sprach in der.Folge der Majoritätsreferent.*) Der Vertreter der Orthodoxie, Herr Kommerzialrat Bondi, trat ganz entschieden sowohl gegen das aktive wie passive' Wahlrecht der Frauen auf und begründete dies eingehend von Standpunkte der Orthodoxie mit biblischen Hinweisen. Obwohl in keiner Religionsgemeinschaft die Frau so hoch geschätzt werde wie in der jüdischen, glaubt der Redner dennoch, daß den Frauen die Eignung fehle, in Frage des Kultus das richtige Urteil zu finden. Das dadurch angeschnittene Kapitel der Eignung brachte Bewegung in die Wahldebatte und wurde hüben und drüben die Fähigkeit der Parteien, über Kultusangelegenheiten sachverständig zu urteilen, einer heiteren Kritik unterzogen. Denselben Standpunkt wie Kommerzialrat Bondi vertrat der misrachistische Vertreter Herr Auster- Ii t z (Gruppe der jüdischnationalen Minorität). — Donnerstag, den. 17. v. M. fand ebenfalls unter Vorsitz des Herrn Prof. Dr. A. Pick eine öffentliche Plenarsitzung mit der Tagesordnung „Verabschiedung des Rechnungsabschlusses pro 1923, Gehaltsregulierung, Aenderung der Tax- und Gebührentarife" statt. Durch den Umstand, daß in den letzten Wochen die Gehalte der Beamten der Gemeinde Wien, denen nunmehr die der Kultusbeamten angeglichen sind, eine Erhöhung erfuhren, wurde eine solche automatisch auch für die Beamten der Kultusgemeinde vorgenommen. Dadurch ist im Haushalte der Kultusgemeinde ein Defizit von zweieinhalb Milliarden entstanden, welches nach dem wohlbegründeten Referat des Sekretärs Guido F u c h s g e 1 b so zu beseitigen wäre, daß die Gebührentaxen nach einem Schlüssel zu erhöhen sind, der nach Maßgabe der Verhältnisse der Parteien und mit Bedachtnahme auf die Leistungsfähigkeit der Verpflichteten eine Durchschnittserhöhung von 25 Prozeit ergeben muß. Durch das in allen Teilen wohldurchdachte Referat des Sekretärs trat die sonderbare Erscheinung zutage, daß, statt „wie üblich" die Minorität Opposition gemacht hätte, dies von einzelnen Mitgliedern der Mehrheit besorgt wurde. Herr Rat B u c h w a 1 d bekämpfte *) Unseren diesbezüglichen Standpunkt haben wir bereits in einer Reihe von Artikeln präzisiert und werden in einer der nächsten Nummern die wichtigsten Argumente für denselben wieder hervorheben. die Vorlage und begründete dies u. a. damit, daß durch die Er-* höhung der Taxen das Trinkgelderwesen eine Förderung erfahre, weil nach seiner Meinung die Parteien im Verhältnis zu den Taxen das Trinkgeld erhöhen werden und hierdurch die dem Vorstande vorschwebende Beseitigung des Trinkgelderwesens nicht erreicht würde."Während wir bekanntlich wiederholt gegen das Generalisieren in' der leidigen Trinkgelderfrage Stellung genommen haben,, weil unsere Kultusgemeinde, Gott sei Dank, sehr achtbare Funktionäre hat, die gegen jedes Trinkgeld sind, ist Herr Rat Buchwald noch weiter gegangen und hat in Bausch und Bogen die Beamtenschaft angeklagt. Nach seiner Auffassung hätte sonach die KultusgemeindetJie schlechtesten Beamten der Welt, die ihren Beruf in der Kultusgemeinde nur als Nebengeschäft auffassen. Er behielt sich vor, in den kommenden Wählerversammlungen die Oeffentlichkeit über diesen Gegenstand aufzuklären. Kultusvorsteher D. Dohan beanständete im Referat nur die Erhöhung der Tempelsitze, weil nach seiner Meinung für die Kantoren und Chöre, die man zu hören bekommt, ohnedies schon die Tempelsitze teuer genug bezahlt sind, zumal die Tempelvereine bedeutend bessere Kantoren und Chöre besitzen als die Gemeinde und gleichwohl bei den Tempelsitzen mindere Preise beanspruchen. Ueberdies hebt die Kultusgemeinde derart hohe Steuern ein, daß angesichts des allgemein schlechten Geschäftsganges die Steuerträger überlastet sind. Dr. Plaschkes als Minoritätsvertreter kam nun dem Majoritätsantrag zu Hilfe, wobei auch er die Trinkgelderfrage in der von uns wiederholt charakterisierten Art zur Sprache brachte. Hierbei kamen einzelne jüdische Wochenschriften schlecht weg. Nach den sachlichen Erläuterungen der Majoritätsvertreter Dr. L a n dFa u und Baurat Kempler, die ihrer Verwunderung darüber Ausdruck gaben, daß dieser Debatte so großer Spielraum gewährt werde, zumal der Kultusvorstand in der Sache selbst nicht frei verfügen könne, weil er bei den jeweiligen Gehaltsregulierungen der Gemeinde Wien in Anbetracht des Vertrages mit den Beamten konform vorgehen muß und wird, solange eben die Möglichkeit hierzu vorhanden ist, wurde der Antrag des Referenten unverändert mit allen Stimmen gegen zwei angenommen. Generalversammlung des Temoelvereines „Aeschel Awrohom". Dieser Verein hielt am 21. April d. J. im großen Sitzungssaale des Tempelgebäudes, IL, Pazmanitengasse 6. seine 49. ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorstand des Vereines war fast vollständig erschienen, den Vorsitz führte der überaus verdifenstvoHe Obmann» Herr Oskar Schrämet Als Vertreter des Kultusvorstandes erschien Vorstandsmitglied Direktor Karl Ehrenzweig. Nach der Begrüßung hielt Obmann Oskar Schramek einen warmen Nachruf dem vor kurzem dahingeschiedenen Ehrenpräsidenten Rat Adolf Weng er. Er schüderte mit beredten Worten das segensreiche Wirken dieses edlen Menschenfreundes und gedachte auch seiner verstorbenen Gattin Frau Ernestine Wenger, die eine Gründerin der xTalmudthora-Schule und unterstützendes Mitglied des Vereines war. Er rühmte ferner die großen Verdienste dies vor kurzem plötzlich gestorbenen langjährigen Vorstandsmitgliedes Julius Rieß, sowie tfer Vorstandsmitglieder Bernhard Pick und B. Fischer. Er beklagte auch den Heimgang mehrerer Mitglieder des Vereines, Prof. Carl Ehrenfest, Max Lustig, Samuel Dattelkram e r und Siegfried L e d e r e r, achtbarer und ehrenwerter Männer, denen das Wohl des Vereines sehr warm am Herzen lag und denen gleichfalls ein ehrenvolles Andenken gesichert ist. Hierauf erstattete der Obmann den Tätigkeitsbericht des Vereines, aus welchem hervorgeht, daß die Bilanz eine wesentliche Steigerung des Vereinsvermögens gegenüber dem Vorjahre aufweist, und dankte im Namen des Präsidiums allen, die zu diesem schönen Erfolg beigetragen. Obmannstelivertreter S. Adler ermahnte iin einer ebenso formvollendeten als zu Herzen gehenden Rede die Mitglieder, nicht um jeden Preüs Krftiik zu üben, sondern dem Vorstand! in diesen schweren Zeiten bei Erfüllung seiner ernsten Pflichten vielmehr möglichst zu unterstützen. Es gehe nicht an, dem Vorstand die schweren Lasten zur Gänze aufzubürden, da er seinen Pflichten nur dann genügen könne, wenn er der Mitwirkung und Unterstützung aller Mitglieder sicher wäre. Obmannstellvertreter J. S c h ö n h e r z erstattete; nunmehr ,den Rechenschaftsbericht urid betonte in seinem ausführlichen Referat, daß die Leistungen im vergangenen Jahre nur dadurch vollbracht werden konnten, daß an der Spitze des Vereines ein Mann von der Uneigennützigkeit, Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit Oskar Schrameks stehe. Die Versammlung bereitete dem Obmann durch Erheben von den Sitzen spontan die wohlverdiente Ehrang. Obmannsteüvertreter J. Sohönherz berichtete nun' weiters über das ersprießliche Wirken der Armen- und anderer Wohlfahrtssektionen und dankte im Namen des