Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 18 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gfr. 13 DIE WAHRHEIT Seite 5 der Fruchtbarkeit der beschnittenen Männerwelt widerlegt wird. Ich möchte esl gerne berufeneren Federn anheimstellen, das Richtige und Entscheidende über Ursache und Zweck der Beschneddung' einer jüdischen Zeitgenossenschaft in überzeugenden Argumenten darzutun,*) damit ein heilsamer Brauch, der aus Gründen der Pietät kaum mehr aufrecht erhalten wird, nunmehr aus Gründen der Vernunft und der Volkshygiene wieder in Aufnahme komme. Erklärungen. Vor kurzem wurde uns geschrieben: Geehrte Redaktion! -. Ihre Wochenschrift „Die Wahrheit" hat in gleicher Weise ihrer fortschreitenden Entwicklung sich zunehmende Sympathien im jüdischen Lesepublikum erworben. Es wird gerne anerkannt, daß dieses Blatt inhaltlich nach jeder Richtung seinem Programm gerecht wird, daß es durchwegs großzügig gehalten wird, weshalb auch Namen von bedeutendem1 Klang unld-Rang eres jüdischen Schrifttums in der „Wahrheit" vertreten sind'. Aber auch deren Innemkräfte leisten ihr Bestes und haben wohl Anspruch auf verdientes Lob. Doch gestatten Sie mir die freie Meinungsäußerung, wäre dieses Lob ganzrestlos, wenn Sie sich entschließen wollten, den Vorgängen und Ereignissen ins Gestereich auf Kosten jener des Auslandes, insbesondere Deutschlands, mehr Raum zu gönnen. Diese Ansicht ist meines Erachtens berechtigt, denn schließlich liegt uns das Hemd näher als der Rock und ein Kampfblatt hat die Pflicht, sich vornehmlich mit dem inneren Feind auseinanderzusetzen. Ich glaube, daß Sie diese wohlmeinenden Zeilen nicht unbeachte|t lassen werden und zeichne mit dem Ausdruck besonderer Höchschätzung Leon Neufeld. Erwiderung der Redaktion: Ihr Glaube, lieber Herr Neufeld1, soll nicht zuschanden werden. Wir gehen1 über Ihr wertes Schreiben nicht zur Tagesordnung über, schon aus dem Grunde nicht, weil Sie mit ihrer Ansicht nicht vereinzelt dastehen und wir Anregungen solcher Art des öfteren in Wort und Schrift erhielten und deshalb die hier gegebene Erklärung nicht bloß an Ihre Adresse gerichtet ist. Ob es (taktisch empfohlen! ist, sich in reicherem Maße mit den auswärtigen Ereignissen zul befassen, möchten wir umsomehr bezweifeln, weil die „Wahrheit" nichts Belangreiches auf dem Gebiete der engeren Judenfeinde unbeachtet läßt. Ihr Sprichwort vom Hemd' und Rock hat überhaupt an Kurswert gelitten und ist im gegebenen Fall nicht anwendbar. Das Hemd! liegt wohl näher, weil es unmittelbar die Körperhaut bedeckt, aber wenn der Rock kaput geht, ,wird das Hemd alsbald folgen. Aus dem Metaphorischen ins Allgemeinverständliche übertragen. Wenn es gelingt, den -reichsdeutschen Antisemitismus unschädlich zu machen, wird auch dem österreichischen das Wasser abgegraben, und wer immer dazu beiträgt, hat verdienstliche Arbeit geleistet. Was auf dem Boden der deutschösterreichischen Republik von Hakenkreuzlern und ihren Mitläufern getrieben wird, ist eine Reflexbewegung, die durch die reichsdeutsche Krankheit ausgelöst wird. Im gleichen Schritt wie das Ueberwuchern der völkischen Blätter dort vor sich geht, verzeichnen wir ~ *) Siehe der Artikel „Die Mila" In Nr. 24, Jahrgang 1922 unserer Beilage. es auch hierzulande. In dem Augenblicke, wo der Unfug dort zum Abflauen kommt, dürfen wir nach dem Gesetz der Serie eine Rückwirkung hier voraussetzen. Vielleichlt ist dieser Zeitpunkt nicht gar so ferne, denn der Hauptalimentator der antisemitischen Presse, der Milliardenspender Stinnes ist in ein besseres Jenseits abberufen worden und die ähnlich gesinnten Groß- und Schwer industriellen, beziehungsweise detto Verdiener, werden den Abgang so enormer Summen kaum quotenmäßig auf sich verteilen wollen. Vielleicht bedarf es nur eines kräftigen Anstoßes, der den Stein ins Rollen bringt, unter dem das Untier des Antisemitismus erdrückt wird. Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Alt mann in Trier. (Fortsetzung) Sind dieses alles mehr die theoretischen Festlegungen der vorgesehenen Wege für das „Wie"? der Problemlösung, so hat der Kongreß eine Reihe von sofortigen Taten geschaffen, die unverzüglich von dem „Nischma"T wir wollen hören, zu dem „Nirasseh", wir wollen tun, hinüberleiten. So ist unter andeiem ein Kultus- und Erziehungsionds mit dem Namen ..Jabue" gegründet und sofort an Ort und Stelle durch große wertbeständige Zeichnungen zum Teil fundiert worden. Von diesem Fonds aus — wenn der erwartete Opierwille ihn gehörig ausbauen wird — soll ein Netz von Erziehungsinstituten für die jüdische Jugend über alle jüdische Gemeinden im Gäluth und in Palästina "gespannt werden. Die Heranbildung von Rabbinern und Lehrern auf gesetzestreuer Basis soll ebenfalls daraus bestritten und Jechiwaus und sonstige Pflanzstätten der Tauro ins Leben gerufen oder gefördert werden. Leistungsschwachen Gemeinden — besonders auf dem Lande — soll mit Lehrern und Schächtern ausgeholfen werden. In Gemeinden, wo das jüdische Leben ersterben und zu erkalten droht oder eine Verflachung der Judentumsbegrifte platzgreift, soll sich die Agudo— um das, wie mir scheint, am prägnantesten auszudrücken — als das „lebendige jüdische Gewissen" bewähren. Der jüdischen Jugend, der seit Jahr und Tag von allen möglichen und unmöglichen Rednern das Verschiedenste, nur nicht oder nur selten das Wahrste vom Judentum vorerzählt wird, sollen berufene, bewährte und tüchtige Redner eine andere und zutreffendere Meinung vom Judentume beibringen. Es ist ein Irrtum, die Jugendbewegungen, wie sie sich heutzutage in Ost und West, teils als Produkt der Revolutionen und teils als Frucht natürlicher Evolutionen herausgebildet haben, in allen Punkten einfach als gegebene Festlegungen hinzunehmen sie als ein gefährliches „Rührmichnichtan" zu betrachten und es einfach bei allem zu belassen, was diese Jugend augenblicklich denkt und will. Wer ein wahrer Freurid der Jugend ist, wird ihr auch, ja muß ihr auch zu widersprechen wagen. Zwar nicht in einer Weise und Mitteln, die wie eine Anzweiflung ihres guten Willens aussehen, aber doch unzweideutig genug und mit Hilfe der alten Quellen, aus denen sie dann selber erkennen und ermessen kann, wo sie steht und wo das wahre Judentum sich befindet. Auf dem Kongresse in Wien hat die Jugend nicht Ulthnate an die Alten gestellt und sich nicht in Selbstverherrlichungen ergangen. Auch hat sie sich nicht selbstsouverän und dem Rate der Alten — wie einst Rehabeam — entwachsen gedünkt, sondern sie. hat umgekehrt, nach dem Rate der Alten, Erprobten und im Ringen für die Güter des Judentums Bewährten gerufen, ja_geradezu geschrien. Mit Blut und Tränen redeten Jugendliche von den Nöten und geistigen Kämpfen, die der Jugend erwachsen, welche der Tauro die Anhänglichkeit bewahren will. Diese Jugend wollte kein Opfer scheuen, jede Entbehrung auf sich nehmen, nur Tauro wollte sie lernen, die jüdischen Verpflichtungen erfüllen, nur nicht versumpfen wollte sie in den Morast der verschiedenen Radikalismen, die wie ein Taumel die Jugend unserer Zeit erfaßt haben. Durstig nach Geist und hungrig nach Leben vom Geiste und Leben des alten Judentums blickte diese Jugend voll hoheitsvoller Demut zu den Männern auf, die ihr ailein berufen schienen, Israels Jugend die Wege zu weisen. Diese Jugendbewegung war eine epochale Tat für unsere jüdische Generation.;SchluO folgt.)