Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 18 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 DIE WAHRHEIT Seite 3 ihren geborenen und geschworenen Feinden ans Messer zu liefern. So entstanden die historischen Talmudfälscher von der Marke dies verruchten Pfefferkorn und sein kläglicher Abklatsch, der aus dem Bf'och-Rohlingprozeß bekannft gewordene Brimamus, der gegen ein monatliches Fixum von dreißig Gulden — wer dlenkt da nicht an die dreißig Silberlinge des Judas Ischariot — seinen Brotgebern das beauftragte Talmudmaterial*an die Hand gab. Solche Verworfene gehören in der Neuzeit-zu den Seltenheiten, Gebührenden Abscheu erregt daher die Kantorstochter, die kürzlich vom „Bund ungarischer Frauen" zur Präsidentin" gekürt wurde. Die Edle hört seit ihrer Taufe auf den Namen Anna Szederkenyi. Als Kind rief man sie im Hause ihres Vaters, des Chasen und Religionslehrers Ignaz Klein, Lina; er erzog sie sorgsam in den Traditionen der jüdischen Religion und konnte wahrnehmen, daß sie als gute Zionstochter ihrer Familie nur Ehre] machen werde. Lina wurde jüdische Religionslehrerin und pflanzte in die jungen Herzen ihrer Schutzbefohlenen die Keime des angestammten Glaubens. Sie schrieb auch Tendenzromanie im Interesse des Judentums und als sie dabei einmal über den Strang schlug, im Klosterroman „Hinter Steinmauern" Intimitäten aus dem Klosterleben der Nonnen brachte, kam sie mit der katholischen Partei Ungarns in Konflikt. Nach dem Tode ihres ersten Mannes schritt sie mit einem Christen zum Traualtar und häutete sich so gründlich, daß die Erwachenden Ungarn über diese reuige Sünderin mehr Freude empfinden als über neunundheunzig Gerechte aus ihren eigenen Reihen. Frau Szederkenyi, das Kind des Kantors und Religionseindruck neuerdings auf, sobald der Herangewachsene in der Schule, daheim oder von Bekannten gehässige und spöttische Bemerkungen über die Juden hört und es bildet sich allmählich beim Jüngling eine fixe Idee aus. Die Rasse ntheorien kommen dem erzogenen Mißtrauen entgegen und der wohlbegründete Antisemitismus ist fertig. Diese drei Entwicklungsstufen sind charakteristisch: Im primären Zustand ist der Antisemitismus Religion, im sekundären „Instinkt" und im tertiären PseudoWissenschaft. Was wir als Antisemitismus kennen lernen, ist von dem Augenblick geheilt, in dem seine Vertreter (wie bei der Psychotherapie) sich die Entstehung ihrer Vorurteile ehrlich ins Bewußtsein rufen. (Wann werden sie das tun?) — Eine weitere Hauptwurzel ist der Neid, vor allem der Handelsneid, in vielen Fällen ist auch der Haß gegen die Deutschen aus derselben Wurzel entsprossen. Der Antisemitismus ist auf dieser Grundlage ein recht wirksames politisches Kampfmittel geworden. Dem nichtjüdischen Kapital muß es erwünscht sein, einen Blitzableiter für das drohende soziale Gewitter gefunden zu haben. Die pseudowissenschaftlichen Betrachtungen über das Wesen des Judentums sind insgesamt seicht und oberflächlich. Es sind nur halbe (wenn überhaupt) Wahrheiten, wenn die Antisemiten den Kapitalismus und den Sozialismus für jüdische Eigentümlichkeiten (oder gar Erfindungen) erklären. Beide Klassenerscheinungen sind so alt wie die Menschheitsgeschichte und zeigten sich beispielsweise in den Kulturstaaten China und Peru. Daß sich heute anerkanntermaßen in beiden extremen Gesellschaftsklassen viele führende Juden finden, hat seinen Grund in der Geschichte des Judentums, das im Mittelalter am schwersten mit dem Kastengeiste zu ringen hatte und die größten Leiden ertragen mußte. Der Kapitalismus der Juden ist angenommener Kastengeist, ihr Sozialismus ein Aufbäumen gegen die erlittene gesellschaftliche Unbill. Aber noch ein anderer Grund für die Abdrängung der Juden nach „links" zum Liberalismus und zum Kommunismus liegt vor. Aus unserer Volksgemeinschaft werden die Juden von den Deutschariern ausgeschieden; wo aber lehrers Ignaz Klein, versorgt die erzantisemitischen Blätter „Szozat" und „Nemzeti Ujsäg" mit giftgeschwollenen Aufsätzen gegen das Judentum. War es schon früher so, zu welchen Kraftleistungen wird sich die Abtrünnige erst aufraffen, um der Auszeichnung einer Präsidentin des „Bundes ungarischer Frauen" würdig zu sein? Vielleicht findet sich ein Anwalt dieser Renegaten, der psychoanalytisch nachweist, es' gäbe unter den Frauen nichit nur erotische, sondern auch moralische Perversitäten. Ursachen und Zweck der Beschneidung. Von Rahel Edelstein-Friedmann. Eine Frage, die mich schon seit langem beschäftigt und die für das zeitgenössische Judentum von vitalster Bedeutung ist, scheint mir durch eine in der Sonntagsnummer vom 2. April des „Neuen Wiener Journal" von Dr. A. M i ß r i e gl e r im Artikel „Neureich, Raffke &. Co.". scheinbar absichtslos hingeworfene Bemerkung sehr aktuell und diskussionsfähig geworden zu sein. Einleitend sei bemerkt, daß auch dem Judentum anhängende Bevölkerungsschichten in Unkenntnis der Ursachen und des Zweckes des Beschneidungsaktes diesen zu umgehen für richtig und zeitgemäß halten, weil eben keine positive in dem Wohle des Neugeborenen nachweisbare Begründung zugunsten der Zeremonie spricht. Im Gegenteile, kaum sind die immer schwieriger werdenden Sorgen der Geburt und ersten Ernährung des kleinen Weltbürgers glücklich überstanden (denn die modernen Frauen die Juden, wie in England, Italien und anderen Ländern, zur Nationalregierung zugelassen werden, erweisen sie sich als Patrioten: Israeli in England, Sonnino in Italien. Das Schicksal des deutschen Juden Rathenau ist für den Antisemitismus bezeichnend, sein Schicksal wurde das des Staates. In philosemitischen Ländern sind die Juden staatserhaltende und bildende Kräfte, in antisemitischen Ländern (Rußland ist ein Beispiel dafür) kann ihre Wirksamkeit zur Zerstörung des Staates führen. Doch wessen Schuld kann dies nur sein —? Die Identifizierung des Judentums mit dem Kapitalismus widerlegt auch schon die Meinung der amerikanischen Krösusse, die arischen QeBlütes sind: Ford, Morgan, Rockfeller. Vanderbilt, Carnegie usw. Auch der Deutsche Hugo Stinnes gehört hierher. Das Handelstalent der Juden aber ist das Resultat der Züchtung eines jüdischen Handelsgeistes während des Mittelalters. — Eine dritte Hauptwurzel des Antisemitismus liegt in der in ihm verborgenen Selbsterhöhung. Indem der Nichtjude die Semiten verachtet, fühlt er sich selbst geadelt, denn je tiefer einer hinabblicken kann, desto höher dünkt er sich erhoben. Es ist die Rolle des „auserwählten Volkes", daß die deutschantisemitische Gemeinschaft damit übernommen hat. Das Wesen des Juden — sine ira et studio — wissenschaftlich zu überprüfen ist die Pflicht jedes Antisemiten. Das bisherige Argumentieren hingegen ist weder deutsch, — noch arisch, — noch anständig.-- Eine oft eingeworfene These der Antisemiten in die wissenschaftliche Betrachtung der Judenfrage lautet: Juden sind Semiten und diese ein minderwertig nomadisches Volk, das in •seinem Wesen unkünstlerisch, zynisch und grausam, materialistisch und ohne staatenbildende Kraft ist. Die Bewertung babylonischer, abessinischer, assyrischer, phönizischer, urchristlicher und mohammedanischer Kultur liefert anstandslos den Gegenbeweis. Auch der einzige Stützpunkt-für eine solche Behauptung, die Tatsache, daß ein Siebentel aller Semiten, die Numider, als Nomaden gelten müssen, kann nicht stichhältig sein, da die Forschung für alle Völker nomadische Zweige nachgewiesen hat. Selbst die Voraussetzung, daß die Juden, so wie sie heute über die Erde verstreut leben, echte Semiten