Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 18 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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. £^^^^^^M^^^^^^^^^^^^^^^SU&^^3^ Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 18 Der Antisemit Kipper machte Geschäfte mit Juden und — legte seine eigenen Gesinnungsgenossen »hinein: er sudtote in Annoncen seines Blattes Geld ifür völkische Zwecke, zu billigen Zinsen natürlich — und galo es zu Wiicher&insen (10 Prozent pro Monat) weiter. Er verkaufte Wiaren, die gar nicht existierten — also regelrechte Betrug. Daß Kipper Annnoncen von' Juden in seinen teutschen „Midier' aufnahm, ist rricM veriwusidterlich (es ist aber für, diese Juden beschämend). Etc. etc. Held Kipper weinte wiie ein kleines Kind, als. im Gerichtssaal all diese Taten aufgezählt wurden. Er •hatte nur einen „Gegenbeweis" — den von Zeit zu Zeit ausgestoßenen Ruf „Jud"! * In dem Prozeß durfte Kipper zwar die traurige Genugtuung der Verurteilungi des verantwortlichen Schriftleiters davontragen, — den Geschworenen imponierte dlas Gewimmer und die Gesinnung dieses deutschen Mannes — aber selten hat ein »Kläger so jämmerlich abgeschnitten und ist moralisch so erdrückt worden, wie Herr Kipper ie diesem Prozesse. Denn selbst das Grazer christlichsoziale „Volksiblfatt", das ja dem „Michel" nicht so fern steht, glossiert die Ge-richtsverhiandiltung mit folgenden, Herrn Kipper vernichtenden Randbemerkungen: „Kipper steht als armselige Gestalt vor uns. Es giÖjt kaum ein Wort dies Abscheues, dlas für ihm passend wäre. Solche Leute täten besser, wenn sie schweigen und versahwinden, statt im Geriidht'ssaal ihre Ehre retten und noch weiter Führer des deutschen Volkes sein wollen" . . .. Das schreibt kein Judenblatt, sonden, wie erwähnt, das christlich - soziale „Grazer Volksblatt". * Leute vom Schlage Kipper aber schweigen unld verschwinden nicht, solanige der Antisemitismus besteht! Und solchen Menschen läuft heute noch ein Teil des Volkes nach und solche von der allgemeinen Verachtung gerichtete Menschen wagen sich noch als Sittenrichter über ~ganze Menschenklassen aufzudrängen! Man kann ruhig sagen, einen tieferen Kulturverfall kann es wohl nicht geben. Renegatentum. Seit jeher hat man beobachtet, daß zwangsweise öder freiwillig zum Christentum übergetretene Juden die ärgsten Widersacher unid Schädlinge ihrer früheren Glaubensgenossen waren. Die Gründe für diese Tatsache liegen nichtl tief. Sie erklären sich zunächst aus. der -moralischen Miniderwiertigkeit solcher Individuen, die nur ihren zeitlichen Vorteil im' Auge hatten. Aeußerst selten ist es vorgekommen, daß ein Jude aus Ueberzeuigun^ seiner Religionsgenossenschaft untreu: wurde. Es lockte ihn meist materieller Gewinn oder krankhaftes Strebertum, dem jm Verband des unterdrückten, verfolgten Gottesvolkes keine: Entfärtungsmöglichkeiten geboten waren. Daß dem Spättäuflirag der Haß der Juden und die Verachtung der Christen sicher waren, focht ihn wenig am. Sein Leitstern war immer nur der Gewinn. Um solchen zu erreichen, mußte er sich den Anschein unbestreitbarer Wascheehtheit geben/ als eine Art Ueberchrist vor der Welt dastehen. Kein besseres Mittel zu diesem Zweck, als die Juden Antisemitismus. Vortrag Coudenhove-Kalergi's. Bereits in Nr. 5 unserer Wochenschrift brachten wir eine Notiz, die von dem aufseh'en- - erregenden Vortrag Coudenhove-Kalergi's über Antisemitismus Kenntnis gab. Bei der außerordentlichen Bedeutung des Genannten als Urheber und eifriger Verfechter des paneuropäischen Gedankens und bei der Tiefgründigkeit seiner Verurteilung jeglichen Rassenhasses äußerte sich in unseren Leserkreisen das lebhafteste Interesse, die glänzenden Ausführungen dieses vollendeten Kulturmenschen kennen zu lernen, die er über Einladung der'Deutsch-demokratischen Freiheitspartei in Prag anfangs Jänner d. J. hielt. Mit lebhaftem Beifall begrüßt, nahm der Vortragende, eine junge, vornehme Erscheinung, das Wort zu der nachstehenden Ausführung, die wir nach der „Deutschen Hochschulw a r t e" bringen: _.Die Stellung der Juden in Europa (zumindest in Mitteleuropa, wo man so tiefgründlich ist) gleicht völlig der Stellung der Paria unter den Indern (die auch ein tiefsinniges Denkervolk sind). Aber noch eine zweite Parallele bietet sich. Heute sind die Juden unter den Deutschen ebenso gehaßt und verachtet, wie d\e Deutschen in der europäischen und europäisierten Welt. Vor kurzem noch anerkannt als eines der ersten Kulturvölker sind diese der Macht der Verleumdung völlig preisgegeben." Ein ähnlicher Consensus hält die Feinde des Deutschtums zusammen. So machen wir Deutsche an uns selber die Erfahrung (die die Geschichtskritik längst deutsch gemacht hat), daß auch die verbreitetste Meinung grundfalsch sein kann. Einmal mußten sich die Völker geirrt haben, vor 10 Jahren oder die Jahre später, da in ihnen der Haß die Bewunderung abgelöst hat. Wenn nun das deutsche Volk in seiner gegenwärtigen - Ohnmacht an die Welt appellieren muß, um gerechte Beurteilung zu erlangen, dann muß es selbst erst .ein Beispiel von Gerechtigkeit geben, die es für sich fordert: Recht fordern darf nur, wer Recht übt und Menschlichkeit fordern, wer selber ein Beispiel einer neuen Menschlichkeit gibt. Sobald das soziale Pariatum der deutschen Juden verschwindet, wird auch das moderne Pariatum der Deutschen in der Welt aufhören. So erweist sich der Antisemitismus mehr als ein Kastenhaß denn ein Nationalhaß. — Die vielfältigen Quellen für den Antisemitismus sind religiöser, wirtschaftspoltischer und sozialer Art — sind ebensolche Vorurteile. Einige Antisemiten sehen in den Juden die Kreuziger Christi, andere eine politische Gefahr, wieder andere eine trennende minderwertige Rasse und endlich gibt es auch solche, die auf logische Rechtfertigung ihrer Ueberzeugung verzichten und irrationale Verachtung ausüben. Gerade diese hat ungemeine Schlagkraft, da sie als einfache Gefühlstatsache, die im gesellschaftlichen Leben so vielfach gebundenen Gefühle in einer Richtung befreit und einer Kritik unzugänglich bleibt. Solche Antisemiten glauben, der Antisemitismus sei ein Rasseninstinkt, vergleichbar dem zwisphen Hunden und Wölfen. Dem widerspricht die tagtägliche Erfahrung. Der „Instinkt" erwacht immer erst, wenn der Antisemit das bei seinem Partner in Erfahrung gebracht hat, ein untrügliches Erkennen gibt es nicht — man könnte aber von einem künstlich erworbenen Instinkt, einem Rassenvorurteil sprechen. Der gefühHÄäßige Judenhaß entspringt wie der Deutschenhaß der Franzosen in wesentlichen Mißverständnissen und Vorurteilen und erscheint als Massensuggestion. Der Antisemitismus, der sich für einen Instinkt ausgibt, ist nichts weniger als natürlich und angeboren, sondern künstlich erworben und großgezogen. Freud hat auf die Fortwirkung und Bedeutung der in der Seele verschütteten Kindheitserinnerungen hingewiesen und auch der Antisemitismus ist in den meisten Fällen durch infantile Vorurteile zu erklären. Das Kind fragt beim Anblick des Kruzifixes nach dessen Bedeutung und erhält von der Mutter die Antwort: Das ist der liebe Heiland, den die Juden ans Kreuz geschlagen haben. So erwacht im Kinde die Abscheu vor den Peinigern Christi und beeinflußt in der Folgezeit seinen Verkehr mit Judenkindern. Unbewußt lebt dieser Kindheits-