Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-05-02 · Heft 18 (2.5.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 18 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064088--12761-3080229
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DeutsctoösterreicMsctie Wochenschrift für indische Interessen Mit dem Beiblatt; YeröHentlldiungen üer ..Union deutschöstemkhisdier Juden Redaktion und Administration. Wien ML, Heinesirafie M. - Femruf 42-2-lß XL. Jahrgang Wien, 2. Mai 1924. Nummer 18 Das wahre Gesicht des Ober- Hakenkreuzlers. Man hat wieder einmal einen von den antisemitischen Führern demaskiert. Diesmal heißt er Hans Kipper; jüngst war der Mörder Novosad an der Reihe — der wurde wegen Jugendirrsinns statt ins Gefänigiriiiis nach dem Steimhof gebracht. Dann kamen die Judenfresser M o s s i g, G r o ß und andere drau — freundliche Richter verhalfen ihnen zu milden Urteilen: halben diese Angeklagten doch „nur44 ein paar. jüdische Besucher eines Vortrages des bekannten 'Pazifisten Nicolai niedergeknüppelt uind bestohlen .... Es ist merkwürdig, aber Tatsache; ein großer Teil der Führer des nationalistischen Deutschtums, vor altem viele von den Hakenkreuizlern, haben ganz eigenartige Moralbegriffe. Wir finden Diebe, Mörder, Kuppler unter ihnen, auch Menschen, die schon im Kerker säßen und' solche, die, weil man sie noch nicht erwischt hat,"wohl noch frei herumlaufen — aber der Krugjgeht so lange zum Brunnen, bis er bricht; man wird vielleicht auch einige von ihnen später einmal5 vor den Richter führen. Allerdings — und das ist ein trauriges Kapitel — viele von. diesen Richterin sympathisieren mit den antisemitischen und antirepulblikauischen Angeklagten und vergessen beim Urteil ihre beschworene Pflicht. Soll es wirklich die einzige Bedingung sein, die einem Menschen gestellt ist, wenn er zum Führer eimer rein arischen, antisemitischen Organisation wird, daß er ewig „Juden nieder — Juden hinaus!" schreien kann? Steilen diese leider weiten Kreise des deutschen Volkes an ihre Führer, die doch auch ihre Vorbilder sein müssen, gar keine sonstigen Anforderungen? Wenn dieses „Volk der Dichter und Denker" heute schon so tief gefallen ist, daß es aufs Hirn pfeift und sich mit bloßen Phrasen begnügt, Phrasesb. von der Borniertheit des bekannten Frage-Antwortspiels „Wer ist dran schuld? — Der Jud'!"-- wenn dies Volk schon so anspruchslos geworden ist; verzichtet es auch noch ganz auf Moral, sellbst auf die primitivsten Voraussetzungen, die Menschen zu erfüllen haben, wenn sie als solche gewertet sein wollen? Wir können all das nicht fassen, wir wollen es eicht glauiben, obwohl die große Zahl der „Entlarvungen" von Führern gerade der reinrassigsten Deutschtümler für diese Annahme spricht. Wir wollen lieber eine weite Möglichkeit erwägen, die allerdings auch kein Lob sein kann: der Krieg hat dem ja wirklich schwergeprüften Deutschen die Fähigkeit genommen, frei und überlegend zu urteilen, Wahres und Falsches, Gutes und Böses, Echtes vom Scheins zu unterscheiden. Es wäre zu wünschen, daß dem so ist. Demi dann besteht die Hoffnung, daß das deutsche Volk früher oder später doch wiederum sehend wird und sich andere Ideale stellt, andere Führer erwählt, als es es heute vielfach tut. Dann 'aber wird auch die Welle dies Antisemitismus zurückweichen, die nur dort aufwiribeln kann-, wo Unkultur und Unmoral in Ansehen sind.... Wer ist Hans Kipper? Keiner von den Men-' sehen, die Aussicht halben, einmal einen Nobelpreis zu bekommen; nicht' einmal ins Konversationslexikon wird er einziehen — wie wohl die meisten seiner Kollegen von der Hakenkreuizlerei. Aber — darum ist er in weiten Kreisen des deutschen Volkes nicht minder bekannt, als Goethe. Ja — es soll sogar Leute geben, die nur seine, nicht auch ibres Dichterfürsten Werke gelesen halben Hans Kipper gilbt eine der verbissensten hakenkreuzlerischen Zeitungen heraus, den „Michel". Dieses, unseren Lesern woblbekauntes Blatt versucht natürlich nicht nur das Judentum, sondern auch die Sozialdemokratie zu besudeln — so lange, bis es einem Redakteur des Grazer sozialdemokratischen Organs „Arbeiterwille" zu viel wurde und er in einem längeren Artikel einige Wahrheiten über Kipper veröffentlichte. . Und nun; kommt ein Charakteristisches: Statt sich irgendwie aus der Patsche zu ziehen, weil er Butter auf dem Kopfe hatte, lief dieser Kipper zum Kadi und klagte, tat so, als ob alles, was ihm das gegnerische Organ vorgeworfen hatte, erlogen und erdichtet wäre — und! schaufelte sich sein eigenes Graib. Denn bei der Gerichtsverhandlung kamen Dinge auf, welche fast alle Behauptungen des „Arbeiterwille" als richtig erwiesen, vielfach sogar noch übertrafen! Um nicht allzu viel Raum in Anspruch zu nehmen, wollen wir hier nur einige Vergehen und Verbrechen dieses Mannes kurz' zusammenfassen: Kipper war seinerzeit'in den Raubmordprozeß' Koschuh-Kipper verwickelt. Seine geschiedene Gattin sagte als Zeugin aus, d)aß Kipper sie oft geschlagen habe und verlogen und charakterlos ist. („Deine erste große Lüge war, d&ß Du als Geschlechtskranker geheiratet hast. Du hast mich krank gemacht .... Dieser fürchterliche Umstand hat . . . mich ins UngPiick gebracht.")

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.