Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 DIE WAHRHEIT Seit© 11 dessen Auffassung der Glaube und die Erkenntnis an einen einigeinzigen Gott tief verankert ist. Deutschnationale Zweigniederlassung in der Schweiz. Nach langem Bemühen ist es gelungen, in Bern eine Gruppe des deutschnationalen Verbandes zu errichten, die zwar nicht so scharf ins Zeug gehen wird wie die Parteigenossen in ^Deutschland, Oesterreich und der Tschecho-Slowakei (gemeint sind die Sudetendeutschen, d. R.), aber vielleicht doch nützliche Kleinarbeit leisten werde. Besondere^ Liebe wird die Fritsch-Garde auf helvetischem Boden schwerlich, finden. Die meisten der deutschschweizerischen bedeutenden Tageszeitungen winken dem antisemitischen Unternehmen sehr unfreundlich ab. Die „Neue Aargauer Zeitung" meint, daß es nur ein paar verschrobene Köpfe sein können, die dort mit dem deutschen Nationalsozialismus sympathisieren. Die „Neue Bündener Zeitung" verweist darauf, was die Deutschnationalen in Bayern für.Unheil angerichtet. Mögen die Münchner diesen Schmarren seiber essen. Letzten Endes ist den deutschnationalen Machern doch nur um Vorlage einer großen Spesenrechnung zu tun. Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden. Gegenüber der von sozialdemokratischer Seite ausgehenden1 schreck- . liehen Anschuldigung, daß vor nicht gar so langer Zeit die Arier strengster Observanz sogar von Ludendorff behauptet hatten, . er sei ein Urenkel des jüdischen Kaufmanns Abraham Weylandt aus Bremen,, revanchiert sich düe „Großdeutsche Zeitung" mit JudeMSchimiffeleien an deutschnationalen Führern. Das Blatt will „wissen", daß Helfferichs Vater oder Großvater Vollblutjude war. Der deutschnationale Abgeordnete Prof. Dr. Prager, der mit Händen und' Füßen mauschelt, verrät schon von weitein den galizische« Juden. Ebenso wenig Gnade finden die Grafen und Barone der deutschnationalen Volkspartei, die eine Jüdin zur Frau, Mutter ode* Großmutter haben. Man darf mit vorweggenommenem Behagen die nächsten Enthüllungen aus deutschnationalem Lager erwarten. Wie heißt es denn so treffend bei Goethe? Jeder dieser Lumpenhunde wird vom andern abgetan. Eine Schande für den deutschen Katholizismus. Von befreundeter Seite wird uns folgende Kundgebung der katholischen Firma K o e s e 1 (Kempten) an den Buchhandel zugesandt: „Sehr geehrter Herr Kollege! Dejr Hitler-Prozeß hält alle Gemüter in Spannung. Er hat die Ausdehnung der v ö 1 k ischen- Bewegung aufgedeckt. Diese ist wieder eine Massenbewegung, mit der man geschäftlich '.rechnen muß. Völkische Literatur ist einer der gangbarsten Artikel. Die Kampfschrift: Deutschland zur Zeit seiner , größten Schmach, ein Bild, gezeichnet aus zorniger Liebe von Raul Siebertz, hat seit ihrem Erscheinen lebhaften Absatz gefunden. Soeben erschien die neue Auflage! Dieses Werk ist das Buch der völkischen Jugend, sei es auf der Mittelstufe * oder auf der Universität. Es ist das Buch aller rechtsgerichteten Kreise, denen es f ü r d i e kommenden Reichs- und Landtagswahlen gute Dienste leisten wird. Es ist im besonderen das Buch der Beamten und Offiziere. Es. ist das Buch der Industriellen, denen es sich durch sein Eintreten für Förderung der Produktion und gesteigerte Arbeitsleistung empfiehlt." Ein altbewährter katholischer Verlag im Dienste der völkischen, Völkerverhetzung! * Mit' Massenbewegungen muß. man „geschäftlich rechnen", ' nicht wahr? Echter christlicher Charakter aber, der es weit von sich weist, von einer Bewegung geschäftlich" zu pro- . fitieren, die soeben. erst den Katholizismus und seine würdigsten Repräsentanten verleumdet und angegriffen hat, ist geschäftlich kein gangbarer Artikel. Hat ein solcher Katholizismus es sich nicht selber zuzuschreiben, wenn er eines Tages von den Völkischen mit Füßen getreten wird? . Aus dem Irrgarten der Dummheit. Diesmal haben wir drei Giftblüten der Hortikultur des „Hammer" entnommen, die wie immer mit der Gießkanne der Bosheit bewässert wurden. . Theodor Fritsch leistet sieh in einer langwierigen und langv weiligen Behandlung des Talmud-Prozesses folgende Auslassung: „Die Juden sind sich der Staats- und Sittenfeindlichkeit ihrer Lehren wohl bewußt, weshalb mit Todesstrafe bedroht wird, wer diese Lehren an die Nichtjuden verrät oder " jemand in talmudischen Dingen unterrichtet. Daraus ist zu ermessen, welche Glaubwürdigkeit den Aeußerungen eines Jtoden über ralrnudische Dinge beizulegen ist." Werai dem so wäre, wie-erklärt es sich,"daß Orientalisten von Weltruf, beispielsweise Delitzsch (der Vater), Nöldeeke und Wünsche, so talmudkundig sind wie hervorragende Rabbiner, also nur diesen ihre Kenntnisse verdanken. Allerdings, wenn solche -nichtjüdische Gelehrte ehrlich und freimütig die Fälschungen-von Wichten ä ia Rohling aufzeigen, dann sind Fritsch und Komplizen gleich zur Hand mit der Verdächtigung der Bestechung durch „Juda". — An einer anderen Stelle seiner Hetzschrift läßt er den Ruf nach dem starken Mann also ergehen: Wo ist der Mann, der Diktator? Der Mann der Tat ist da, so wie seihe Zeit gekommen ist. Und diese Zeit ist da, wenn die Sehnsucht nach Ordnung, Grundstimmung und Grundverlangen eines Volkes geworden ist. Der Diktator tritt nicht als Agitator auf, wirbt nicht um Anhang, sondern er packt eines Tages zu, vom Willen zur Ordnung und Gerechtigkeit dazu gezwungen, vielleicht gegen eigene, ursprüngliche Absicht: die Verkörperung des Lebenswillens eines Volkes. Träte er als Werbender auf, so hätten die Mächte der Zersetzung Zeit und Gelegenheit, ihn beiseite zu schaffen, bevor er ans Werk ginge. Die Geschichte zeigt, daß die wahren Diktatoren stets plötzlich aus dem Dunkel hervortreten." Das stiinimt nun freilich nicht. Der starke Mann im Sinne Fritschens kann doch nurein Ludendorff oder Hitler sein. Es wäre sehr gelogen, daß diese Helden nicht als Agitatoren in die Oeffentlichkeit getreten sind. Ihr Prozeß vor dem Münchner Volksgericht allein war eine mehrwöchige Agitation. Und erst nach demselben! Es ist bloß eine Sache zwischen Ludendorff und Hitler, welcher der stärkere Mann sein wird, um den anderen auf den Rücken zu legen. — Schließlich wird in gewöhnlich rüpelhafter Weise gegen den „Kunstwart" losgezogen. Anlaß gab ein Artikel W. Wegens über jüdischen und nicht jüdischen Geist. Schnell fertig ist der Hammer-Mann mit seinem Urteil. „W. mauschelt fast wie Kerr, Jakobsohn oder Pfemfert, von denen er auch die .geistreiche' Dialektik gelernt hat: Der Jude sei geistnahe, der Nichtjude naturnahe! Alter Schmarrn! (sie!) Wer nicht naturnahe ist, hat auch nie wahren Geisteshauch verspürt. Der Jude ist geist- und gottlos im tiefsten Sinne. Er ist des Menschen, des strebenden Gottesgeistes wortwörtliches Widerspiel. ,Christus sei ja auch Jude gewesen.' Da habt Ihr's! Vorausgesetzt, Christus habe gelebt — manche halten ihn für durchaus ungeschichtlich' —, so wäre alles, was wir von seiner Erscheinung wissen, unjüdisch in Geist und Lehre. Denn durch seine gefälschte Lehre meistert uns heute auf Umwegen der Jude." Wozu sich jede Glosse erübrigt.