Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr, 16/1? Wahrheiten vom Tage So arbeiten unsere Gegner! Es ist nützlich, den täglich neu auftauchenden Gerüchten der judengegnerischen Presse auf den Grund zu gehen. Aus den zahlreichen Nachforschungen, die unsere Pflicht sind, veröffentlichen wir heute wieder einmar einen Fall, der deutlich erweist, in wie unehrlicher Weise gegen uns gewühlt wird. Die „Deutsche Zeitung" vom 15. März brachte folgende Notiz: Hyänen in der Wiener Hofburg. Mit welchem Mangel an Ehrfurcht, wie rücksichtslos geschäftstüchtig gegenüber historischen Werken die Wiener Juden jetzt verfahren — die politische und finanzielle Fesselung Wiens durch das internationale Kapital gibt ihnen ja uneingeschränkte Möglichkeit dazu —, wird jetzt durch eine Reihe von Beschlüssen ersichtlich, die die verwaiste W i ener Hofburg geschäftlich ausnutzen wollen. Das gesamte'Erdgeschoß des neuen Palastflügels, ehemals die Residenz des Erzherzogs Rudolf, soll als Restaurationsräume vermietet werden. Ein Kaffeehausschank und eine Konditorei sollen dorthin verlegt werden. Bei dieser Gelegenheit rechnet man darauf, die ausgesuchten Weine des kaiserlichen Kellers für gutes Geld abzusetzen. — Mit diesen Behauptungen verhält es sich so: Nach den Mitteilungen, die der Bundesminister Dr. Schür ff auf Grund einer Anfrage im Nationalrat machte, sind die Räume der alten Wiener Hofburg, die4 früher Kanzleizwecken dienten, a n wohltätige Vereine oder M i s s i o n e n vermietet worden, wie zum Beispiel an die schwedische oder dänische- Hilfsaktion.'' Der neue Palastflügel hat niemals als R e s i d e n z des Erzherzogs Rudolf dienen können, weil er zu dessen Lebzeiten erst im Bau begriffen war, und auch jetzt ist dieser Flügel durch die "verfehlte Konstruktion zu Wohnzwecken ganz unbrauchbar. Dieser neue Flügel wird nach den Erklärungen des Bundesministers Dr. Schürft als Museum ver-; v/endet werden. Allerdings besteht ein Plan, in den Parterreräumen des neuen Hauses, an die unmittelbar der Burggarten anstößt, eine vornehme Kaffeewirtschaft und Konditorei zu eröfnfen. Doch hängt dieser Plan noch sehr in der Luft. Die Erhaltung der ehemals kaiserlichen Gebäude kostet außerordentlich -viel Geld, und diese Kosten müssen auf irgendeine Weise verringert werden. Aus dem gleichen' Grunde Jiat man ja auch zum Beispiel in den bayerischen Königsschlössern die Besichtigung gegen Eintritt gestattet und teilweise Erfrischungsstätten dort eingerichtet. Daran waren die Juden ebensowenig unschuldig wie an der. angeblichen Verschandelung der Hofburg. - Jüdische Arbeitgeberpflichten. So ist der Titel eines Aufsatzes, den Dr. Georg Baum kürzlich in der C. V.-Zeitung veröffentlichte und dessen leitender Gedanke hoffentlich innerhalb der gesamten mitteleuropäischen Judenheit Verständnis und Beherzigung finden wird. Dr. Georg Baum, der als Rechtsanwalt und Dozent an der Berliner Handelshochschule tätig ist, hatte auch Gelegenheit, im Schlichtungsausschuß (unserem Gewerbegericht entsprechend) Erfahrungen zu sammeln. Hier ist also ein Mann, der das wirkliche, besonders das geschäft-. liehe Leben und dessen mannigfache Auswirkungen während der wirtschaftlichen Krisenzeit zu beobachten hinlänglich Gelegenheit fand, um auf Grund des gesammelten Materials die richtigen Schlüsse und Folgerungen ziehen zu können. Der beispiellose Tiefstand der wirtschaftlichen Depressionen in Deutschland bedingte zahlreiche Arbeiter- und Angestelltenentlassungen. Nicht immer waren solche auch gerechtfertigt. Dort, wo der Betrieb eine vollkommene oder teilweise Stilliegung erfuhr, mußte diesem Umstände auch hinsichtlich der Beschäftigten Rechnung getragen werden. Anderseits konnte jedoch vielfach festgestellt werden, daß auch dort, wo keine solche Zwangslage bestand, die Arbeitgeber ohne Unterschied der Konfession ihr Personal verminderten, um durch die hierdurch erzielten Ersparungen den eigenen Standard nicht herabsetzen zu % müssen. Gegen dieses Verhalten wendet sich Herr Dr. Baum mit der Begründung, daß die Arbeitslosen das Heer der .Unzufriedenen, und diese die Masse der Antisemiten .vermehren. Er schließt seinen Aufsatz mit den treffenden Worten: Wer 100 Mark für den Centrai-Verein gibt und zu gleicher Zeit unbewußt und ungewollt für 10.000 Mark Antisemitismus schafft, hat die jüdische Sache nicht gefördert. Der größte Teil unserer jüdischen Arbeitgeber erfüllt ja auch seine jüdische Pflicht, ohne daß es einer besonderen Mahnung bedarf. Möge esaber diesen Ausführungen eines Sozialpolitikers, der in den letzten Jahren die Entwicklung von den verschiedensten Seiten beobachten konnte, vergönnt sein, auch diejenigen zum Nächdenken und Handeln anzuregen, die sich vielleicht diese Seite des Problems noch nicht genügend überlegt haben. Antisemitische Hetze im Munde eines amtsführenden Richters ist selbst in Deutschland nicht die Regel. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Zwei Wernigeröder Antisemiten hatten Strafbefehle über je 100 Mark wegen Veranstaltung einer verbotenen Versammlung erhalten. Die ' beantragte richterliche Entscheidung brachte 'ihnen vor dem Amtsgericht Wernigerode am 6. März je 30 Mark Strafe mit folgender Urteilsbegründung: „Die Angeklagten haben sich strafbar gemacht, es war aber nichts geplant, was die staatliche Ordnung gefährden könnte. Das deutsche Volk erkennt "mehr und mehr, daß .das J u den tum seh w er ste Schuld an unserem Unglück trägt, u,nd das erfassen immer! weitere Kreise. An einen' Aufstieg unseres Volkes ist nicht zu denken, wenn wir nicht die Machtdes Judentums brechen. Nicht nur die Deutschvölkischen meinen das, sondern auch die Deutschnationalen, wie man jn den Zeitungen der letzten' Tage lesen konnte. Die Gedanken, welche die Angeklagten vortrugen, stellen kehle Gefährdung unserer öffentlichen Ruhe dar, nein, sogar die Besten unseres Volkes (?) teilen diese .Anschauung." Der geistige Urheber dieser Urteilsbegründung ist der Amtsgerichtsrat B e i 1 e r t, der im Nebenberuf Vorsitzender der Ortsgruppe Wernigerode der Deutschnationalen Volkspartei ist. Er machte auch während der Verhandlung, die von einem zuverlässigen Gewährsmann stenographisch aufgenommen wauide, antiseimiittisdie Bemerkungen. Der Wortlaut der Urteilsbegründung erschien im „Wernigeröder Tagblatt" vom 8. März 1924. Praktischer Antisemitismus. Der Inhaber der Firma Josef Thomanek und Sohn" in Magdeburg hatten sich für Antisemiten erklärt und es abgelehnt, an jüdische Firmen zu liefern. Ein merkwürdiges Bild auf den Charakter dieser Herren muß es werfen, mit der sie in der „Frankfurter " Zeitung" Vertreter suchen:' „Tüchtige Vertreter, möglichst mosaischer Konfession, zum Großvertrieb, unserer preiswerten Fahlleder-Schnür- und Schaftstiefel im Auslände gesucht." Ja, wenn sich mit dem Antisemitismus kein Geschäft machen läßt, kommt man schließlich doch wieder-auf den verhaßten Juden zurück. . . Der Auszug der Juden aus Aegypten.5* In der „Neuen Freien Presse", Abendblatt vom 18. März, war ein Artikel von Frau Prof. Siddy Pal über die Schätze des Tutankharnen enthalten. Eine Stelle dieses interessanten Aufsatzes lautet: „Bemalte Holzschnitzerei auf einer Truhe zeigt den König J in seinem Streitwagen von '-'Soldaten gefolgt, die vor jhm fliehenden Israeliten verfolgend. Auf der anderen Seite der Truhe sieht, man gefesselte bärtige Männer von Aufsehern mit Peitschen angetrieben. Aus diesen und anderen Darstellungen wird angehommenr daß es auch Tutankharnen war, der Moses den Auszug der Israeliten aus Aegypten verweigerte und, als er sie nicht mehr zurückhalten konnte, bis an das Rote Meer verfolgte. Der Mitarbeiter Lord Carnavons, Dr. Weigall, stellt dies als sicher hin: Pharao Anakhton, der Schwiegervater und Vorgänger von Tutankharnen, war Monotheist. Er glaubte an einen Gott und ließ die Tempel der alten Götter verfallen. Nach seinem Tode setzte der junge König die Götter wieder ein. Er ließ die vernachlässigten Heiligtümer wieder herstellen und neue Tempel erbauen. Dazu brauchte er die Arbeitskräfte der Israeliten, wie die Schrift besagt." Diese ägyptische Darstellung des Auszuges der Juden aus Aegypten ist von höchster historischer Wichtigkeit, da sie die biblische Darstellung von gegnerischer Seite aus bestätigt. Die Abbildung der Truhe (ein schöner Bilderschmuclc von größtem geschichtlichem Werte für eine Hagada) und die wortgetreue Uebersetzung der Inschrift durch Herrn Dr. Weigall werden eine Literatur auslösen. Für heute sei nur bemerkt: Der Pharao Anakhton war Monotheist. Während seiner Regierungszeit lebte Moses als Jüngling und Mann in . Aegypten, wo er den Monotheismus kennen lernte und als richtige Religionfür seine Volksgenossen erfaßte. Der König »Anakhton war ein Apostat. Sein junger Nachfolger wurde von den Priestern zum alten Glauben zurückgeführt und als Renegat an dem Glauben an den einen Gott ließ er den alten Göttern, ^viele Tempel errichten.. Zum Dank, dafür haben ihm die Priester Aegyptens nach seinem Tode ein Grabdenkmal errichtet, wie es noch nie Pharaone bisher und auch späterhin erhielten. Bis Mohammed als Glaübensstifter in diesen Orient- Gegenden auftrat, da im semitischen Volksbewußtsein und