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Die Wahrheit · 1924-04-18 · Heft 16-17 (18.4.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 16-17 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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&.16/1? % die Wahrheit Seite 9 Ein rumänischer Professor gegen die antisemitische Hetze. Der Präsident des Landesverbandes der rumänischen Rechtsanwälte, Senator J. D o d r e s c u, veröffentlichte dieser Tage unter dem" Titel: „Antisemitism, nu: Antipungasism, da!" (Antisemitismus? nein: Antiparäsitismus, ja!) einen Artikel über den Antisemitismus, der wegen der angesehenen Stellung des Autors und seines Einflusses auf die Stutendensehait großes Aufsehen erregt hat. Dobrescu bittet;die rumänische Jugend, den traurigen Erscheinungen der letzten Zeit ein Ende zu bereiten und jede Gemeinschaft mit jenen aufzugeben, die fähig sind, jemanden zu insultieren, bloß weil er Jude ist, oder eine hervorragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens an der Abhaltung eines Vortrages zu hindern, weil sie dem Judentum angehört. Die öffentliche Meinung der Welt beurteilt das rumänische Volk und den Rexhtstitel seiner nationalen Forderungen vor allem danach, in welchem Maße es die heiligen und unantastbaren Rechte anderer Völker respektiert. Die Rassendiktatur und der Rassenterror sind genau so entsetzlich und" verwerflich wie die Ditaktur und der Terror einer. Klasse. Die Völker kommen nur vermittels ihres aktiveu Nationalismus vorwärts. „Wif müssen bestrebt sein, unsere Konkurrenten zu übertreffen, aber nicht sie niederzuschlagen!" Dobrescu fordert schließlich die Studenten auf, mit ihm gemeinsam die Parasiten, welcher Abstammung immer, zu bekämpfen. Aus unseren Mitgliedschaften. Die Ortsgruppe Favoriten der „Union deutschösterreichischer Juden" hielt am 10. April d. J: in Winzigs Saallokalitäten eine auch vou Frauen zahlreich besuchte Versammlung ab. Der Obmann Herr Karl Weis hielt zunächst dem verstorbenen Professor Königstei-n einen tief empfundenen Nachruf, den die Anwesenden stehend anhörten, begrüßte die- Versammlung und insbesondere den Präsidenten der „Union"-Dr. Ornstein, die Kultusvorstandsmitglieder Baurat KempleT, Dr. T i c h o und Dr. Leo Landau, das Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa Franz Denes, die Ehrenpräsidenten des Tempelvereines Faltitschek und S. Straßberg sowie dessen gegenwärtigen Obmannsteüvertreter Max Berger und erstattete einen kurzen Bericht über die Tätigkeit der Ortsgruppe. Als erster Referent sprach Präsident Df. Jakob Ornstein über das Thema: „Unsere Au fgaben in.Qegenwart und Z u k u n f t". Selbstverständlich seien damit jene Aufgaben gemeint, welche uns in unserer speziellen Eigenschaft als Staatsbürger, jüdischen Glaubens erwachsen. Wir haben mit unseren andersgläubigen Mitbürgern die Pflicht, an dem Wiederaufbau und dem Gedeihen des Staates mit dem Einsatz unserer vollen. Kraft mitzuarbeiten. Darüber hinaus müssen wir Juden aber auch eine verantwortungsvolle Arbeit nach innen und nach außen verrichten. Wenn wir unsere staatsbürgerliche Stellung behaupten und unserer antisemitischen. Feinde Herr werden wollen, so "müssen wir auch nach innen das jüdische Bewußtsein und das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl durch die, intensive Pflege unserer großen Geschichte, durch die Erfüllung unserer Kinder mit den Grundsätzen der jüdischen Ethik und mit dem Bewußtsein, daß das Judentum einer der größten Kulturträger aller Zeiten sei, stärken. Redner betont weiters die Wichtigkeit der inneren Mission nach der Richtung, daß die Bekenner des Judentums sich auch von gewissen fragwürdigen geschäftlichen Praktiken und von übertriebenem Luxus fern halten müssen, weil das Vergehen eines einzelnen von unseren Feinden stets dem ganzen Judentum aufgelastet werde. Der Vortragende bespricht weiters den Vortrag, den Oberrabbiner Dr. Chajes vor kurzem über die Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft gehalten hat, und warnt davor, daß sich die österreichischen Juden freiwillig und bewußt von ihren andersgläubigen Mitbürgern absondern und so selbst die Feindschaft oder gar den Haß ihrer. Umwelt herausfordern. Nur durch festen Zusammenschluß all ihrer einzelnen Glieder, - durch treue Erfüllung der Pfichten gegenüber dem Staate vermag die österreichische Judenschaft ihre Rechte zu behaupten und sich ihrer Feinde zu erwehren. (Lebhafter Beifall.) — Der zweite Referent Herr j^aurat Wilhelm Kempler besprach .die Tätigkeit des Kultusvorstandes. Er zeigte, wie nach den Kultuswahlen im Jahre 1920 die Jüdisch-* .nationalen der Mehrheit in schroffster Weise gegenüberstanden und wie sie insbesondere durch die immer wiederkehrende Forderung der Wahlreform, durch welche das Wahlrecht "jedem in Wien .wohnhaften Juden ohne Rücksicht auf die TJauer seines Aufenthaltes, ohne Rücksicht auf seine Steuerleistung und ohne Rücksicht darauf, ob er mit den Verhältnissen in der Kultusgemeinde vertraut sei, verliehen werden 'sollte, jede gedeihliche Arbeit zu obstruieren versuchten. Er ' zeigte weiters die katastrophale finanzielle Kalamität, in [ welche die Gemeinde durch die Entwertung des Geldes geraten war und welche in immerwährenden, allerdings berechtigten Mehrforderungen der Beamten und in Streiks derselben Izum Ausdrucke gelangte. Allmählich haben sich allerdings die Gegensätze in der Kultusstube gemildert und es ist möglich geworden, den finanziellen Zusammenbruch . zu verhindern. '.Während im Jahre 1920 die Einnahmen der Kultusgemeinde 'nur etwas über 10 Millionen, die Ausgaben jedoch bei 13 Millionen betrugen, so daß sich ein Defizit von 3 Millionen ergab, beliefen sich im Jahre 1923 die Einnahmen auf rund 2b Milliarden, die Ausgaben auf 24 bis 25 Milliarden, so daß noch ein bescheidener Ueberschuß erzielt wurde. Heute sind alle! Kultusbeamten in ihren Bezügen den Angestellten der Ge- 'meinde Wien gleichgestellt. Von der ungeheuren Arbeit, die der Kultusvorstand leistete, mag die Tatsache einen Begriff 'geben, daß die Steuerkommission allein 150 Sitzungen abhalten .'mußte und daß jedes einzelne.-- Vorstandsmitgied all seine freie Zeit den Gemeindeangelegenheiten widmen mußte. Ueber diese Tätigkeit hinaus hat der Kultusvorstand noch eine Reihe großer Arbeiten geleistet. Er hat den Wiederaufbau des großen Leopoldstädter Tempels und die Renovierung des künstlerisch so wertvollen Seitenstettentempels durchgeführt (Zwischenruf:; „Das ist das Verdienst des Baurates Kempler!"), er hat die Erweiterung des Friedhofes und eine Reihe von für die Gemeinde wertvoller Grund- und Gebäudetransaktionen, wie zum Beispiel den Erwerb des Nebenhauses am Rabenplatz und die Verpachtung des Grundes am verlängerten Fleischmarkt, wo ein Haus errichtet wurde, das l» zehn Jahren in den Besitz der Gemeinde übergeht, ermöglicht. Auch auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, des Krankenwesens, der Jugenderziehung wurden wichtige Reformen durchgeführt, so zwar, daß die Tätigkeit des Kultusvorstandes innerhalb seiner Maridatsdauer als eine wahrhaft ersprießliche bezeichnet werden darf. (Anhaltender Beifall.) — Auf eine Anfrage des Herrn Knie erwidert der Referent, daß auch die zionistische Opposition an diesen Erfolgen der Gemeinde dankenswerten Anteil habe, was er gerne öffentlich anerkenne. Herr Straßberg regt eine lebhaftere Propaganda zur Erwerbung von Gräbern schon bei Lebzeiten an und schlägt zu diesem Zwecke vor, daß der neue Friedhof in zehn Parzellen eingeteilt werde, die nach den Namen der zehn Stämme Israels zu benennen wären. Herr Mandl wünscht die ehebaldigste Einführung des Telephons im Verwaltungsgebäude des neuen Friedhofes. Herr Baurat Kempler erklärt sich gerne bereit, diese Anregungen dem Kultusvorstande zu übermitteln. — Zum Schlüsse nahm Sekretär Fleischer das Wort, um anknüpfend an die Frage des Herrn K n i e zu erklären, daß durch, die für die Oktoberwahlen abgeschlossene „Jüdische Wahlgemeinschaft" sich das Verhältnis zwischen Zionisten und Unionisten, die einander vorher in schroffer Gegnerschaft gegenüberstanden, wesentlich freundlicher gestaltet habe. Keine der beiden Gruppen hat ihre Grundsätze preisgegeben, aber es hat sich die Erkenntnis durchgerungen, daß für die Abwehr des gemeinsamen Feindes, des Antisemitismus, alle trennenden Momente ausgeschaltet werden müssen. Nur so werde es möglich sein, jener Agitation wirksam entgegenzutreten, welche unter dem Schlagworte des „Numerus clausus" die jüdische Jugend von den öffentlichen Bildungsstätten, den Mittel- und Hochschulen, aussperren und die österreichische .Judenschaft so an den Wurzeln ihrer Existenz treffen wolle. (Allgemeine Zustimmung.) — Der Vorsitzende dankt herzlichst allen Vortragenden und Rednern und .schließt in vorgerückter Stunde die anregende Versammlung. Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44

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