Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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i'^^-^P^ß^S^S^ät'A i^^m^^s^m^mmm-^^^^^^^^^ »■i-r-r;nri]iiifi-i Jnii»im'lätitl: i Wien IX. Der Union deutschösterreichiseh^r Juden14 j „Ja in der wilden, wilden . Walachei . u Vierundvierzig Jahre war Rumänien das klassische Land des Antimitismus. Der Berliner Vertrag verpflichtete die rumänische Regierung, den einheimischen Juden die volle Gleichberechtigung zu erteilen. Aber die Bojaren trotzten den Signatarmächten des Berliner Vertrages, trotzten der öffentlichen Meinung ganz Europas und verweigerten den Juden alle Bürgerrechte. Durch ein eigenes Gesetz wurde ausgesprochen, daß solche Rechte nur Rumänen zuständen und die Juden wurden nicht als Rumänen anerkannt. Ja selbst solchen Juden, welche im Kriege Heeresdienst geleistet und für das „Vaterland" geblutet hatten, wurde die staatsbürgerliche Anerkennung verweigert. Dagegen waren Judenhetzen und Pogrome fast ein halbes Jahrhundert an der Tagesordnung. National-chauvinistische Regierüngen wechselten mit liberalen, an der Spitze des * Staates stand ein europäisch kultivierter Mann, König Karol, und seine Gemahlin war die berühmte Carmen S y 1 v a, die als Dichterin und Menschenfreundin sich in der ganzen Geisteswelt eines hohen, Rufes erfreute — aber in allen politischen Wechselfällen blieben die rumänischen Juden geknechtet und entrechtet und alle Bemühungen der Signatarmächte, oder einzelner Philantropen, diesen -Zustand zu ändern, blieben erfolglos. Als nach der Dreyfuß-Affäre Bernhard Lazare nach Bukarest kam, um sich seiner Glaubensbrüder anzunehmen, brachte ihm eine fanatisierte Menge vor seinem Hotel eine infernalische Katzenmusik und zwang ihn, in fluchtartiger Eile das Land zu verlassen,;und als eines Tages nach jenen großen Bauernunruhen, de-^. nen zahlreiche Juden in der Moldau und in der Walachei zum Opfer fielen,'der Vorstand der „Union" bei dem damaligen Minister des Aeußern, Grafen Goluchov_ski vorsprach, um auf Grund des Berliner Vertrages eine Intervention der österreichischen Regierung zu erbitten, antwortete der Mini: ster achselzuckend: „Ich kann doch wegen der Juden nicht einen Krieg mit Rumänien anfangen!" Es gab keine Macht, welche imstande gewesen wäre, die rumänische Regierung zur Erfüllung ihrer Pflichten zu bringen. Da kam der Weltkrieg und der Eintritt Rumäniens in denselben. Von der Niederlage der Mittelmächte profitierte auch das Bojarenreich. Siebenbürgen, das Banat, die Bukowina und das ganze Gebiet links der Theiß bis an die karpatho-russische Grenze fiel an Rumänien. Und da der Friedensvertrag von Trianon ausgesprochen hatte, daß die wohlerworbenen Rechte der neu hinzugewachsenen Bevölkerung nicht geschmälert werden dürfen, da ferner der großrumänische Staat nicht Juden erster und zweiter Klasse schaffen konnte, bequemte sich Rumänien zur Anerkennung der Bürgerrechte seiner gesamten Juden. Und zu seinem Lobe muß man anerkennen, daß es diese seine Verpflichtung voll und ganz und in loyalster Weise erfüllt hat. Es gibt selbstverständlich auch in Großrumänien eine starke antisemitische Partei, welche ^insbesondere bemüht ist, die studierende Jugend gegen die Juden aufzuhetzen und die Durchführung des „Numerus clausus" an den Universitäten in Bukarest, Czernowitz und Temesvär durchzusetzen. Studentenschlägereien und Aussperrungen der jüdischen Hörer sind in der letzten Zeit wiederholt versucht worden. Nunmehr hatdie Regierung diesen Treibereien ein rasches und energisches Ende bereitet. Sie hat die Studentenkrawalle in Bukarest und Czernowitz mit der Proklamierung des S t a n d r"e c h t e s und mit der Verweisung aller an .Judenhetzen schuldigen Personen vor die M i 1 i t ä r g er i c h t e beantwortet., ..' . Das ist in der „wilden' Walachei" geschehen. In jenem Oesterreich aber, welches man so gerne das „Herz Mitteleuropas" nennt und in" welchem sich namentlich in der Hauptstadt Wien angeblich eine tausendjährige Kultur wiederspiegelt, sind wir alljährlich mindestens einmal, zu Beginn ,d,es Wintersemesters, Zeugen der brutalsten und "ödesten Studentenkrawalle, Zeugen -eifrigen Zusammenwirkens zwischen deutschvölkischen Studenten und deutschvölkischen Professoren, um den- Juden den Weg zu den Bildungsstätten der Universität,- \ der Technik und der Hochschulen für* Bodenkultur und für Welthandel zu verlegen. Das Schauspiel, das Rumänien nahezu ein halbes Jahrhundert lang geboten hat, wiederholt sich jetzt in dem zivilisierten Oesterreich. Auch der Friedensvertrag von Saint Germain enthält klare und unzweideutige Bestimmungen über den Schütz der kulturellen Rechte der Minoritäten. Aber kein Mensch in diesem Staate hält sich an dieselben, und wenn man an seine Machthaber mit Beschwerden über diesen Zustand herantritt, so zucken1 sie mit einem verlegenen Lächeln die Achseln und sprechen von dem Temperamente der Jugend, stottern von Platzmangel und geringerer Vorbildung und suchen durch alle möglichen Wendungen und Windungen die Roheit, der deutschvölkischen Studenten und die Pflichtvergessenheit der deutschvölkischen Professoren zu entschuldigen. Sie haben kein Gefühl für die Schmach, wie tief Wien und Oesterreich unter das Niveau jenes barbarischen Rumänien - gesunken sind, welches vierundvierzig Jahre lang das Sorgenkind des europäischen Mächfekonzerns war. In Rumänien das Standrecht gegen studentische Krawallmacher, in Oesterreich liebevolle Hätschelei derselben durch den Vizekanzler Frank oder doch zumindest wohlwollende Duldung' durch die Gesamtregierung — dieser Gegensatz spricht Bände! . Siegfried Fleische r. - *